Ausstellung:Die fabelhafte Welt des Misha Kahn

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Ausstellung: Unter dem Titel "Under the Wobble Moon. Objects from the Capricious Age" hat der amerikanische Designer Misha Kahn im Museum Villa Stuck ein Gesamtkunstwerk geschaffen.

Unter dem Titel "Under the Wobble Moon. Objects from the Capricious Age" hat der amerikanische Designer Misha Kahn im Museum Villa Stuck ein Gesamtkunstwerk geschaffen.

(Foto: Jann Averwerser)

Der amerikanische Designer hat einen überbordenden Kosmos geschaffen. Nun sind seine Werke erstmals in Europa zu sehen - und bespielen das Gesamtkunstwerk der Villa Franz von Stucks auf das Schönste.

Von Evelyn Vogel, München

Wow, in was für eine farbintensive, verrückte, fabelhaft überbordende und zugleich gesellschaftspolitisch tiefgründige Welt entführt Misha Kahn uns denn da in der Villa Stuck? Wer sich im vergangenen Jahr auf der Designmesse in Miami, wo der damals 32-Jährige den Preis für die "Best of Show Contemporary Work 2021" erhielt, angesichts seiner Möbel und Objekte aus gefundenem und transformiertem Material verwundert die Augen rieb, darf nun in einer Fülle von Ideen baden. Schon allein das monströs-lustige Gebilde, das sich auf der Atelierterrasse mit der gleichen Selbstverständlichkeit aufplustert, wie die überlebensgroßen Kopien antiker Statuen die Attika besetzen, ist eine Verheißung, deren man am besten von der gegenüberliegenden Straßenseite aus ansichtig wird.

Der Parcours aus Designstücken und Kunstwerken, den Misha Kahn, kuratorisch unterstützt von Kellie Riggs, dann in der neuen Ausstellung der Villa Stuck unter dem Titel "Under the Wobble Moon. Objects from the Capricious Age" erstellt hat, ist herrlich unterhaltsam. Und steht immer im Dialog mit der Architektur, der Ausstattung und den Kunstwerken Franz von Stucks. Weshalb es den Mitarbeitern des Museums oft schon beim Auspacken der ankommenden Stücke klar war, wo diese aufgestellt werden sollten. Denn nicht nur werden Objekte aus den zurückliegenden sieben Jahren gezeigt. Etwa die Hälfte der Exponate hat Kahn für die Räume der Villa Stuck neu geschaffen. So kam die bislang umfassendste Ausstellung mit Arbeiten von Misha Kahn und die erste in Europa zustande.

Ausstellung: Misha Kahn vor Stucks Gemälde "Wächter des Paradieses".

Misha Kahn vor Stucks Gemälde "Wächter des Paradieses".

(Foto: Evelyn Vogel)

Er habe da eine gewisse Parallelität zwischen dem Hausherrn und sich selbst ausgemacht, erzählt Misha Kahn bei der Preview des Fördervereins. Der Maler Stuck, der beim Errichten der Villa auch zum Architekten und Designer wurde. Er, der Designer, der sich mittlerweile auch als Maler betätigt. Und in der Tat: Eigenwillige Gesamtkunstwerke sind beiden zu eigen. Gewandet in ein mittelalterlich anmutendes, altrosa Leibchen aus etwas, das aussieht wie Wildleder und ihm bis zu den Knien reicht, an den Füßen helle, wulstige Puschen, die einem 3D-Drucker entsprungen sein könnten, steht er eher schüchtern inmitten staunender Zuhörerinnen und Zuhörer, während er das erzählt. Schließlich lässt er sich überreden, selbst durch die Show zu führen, öffnet im Empfangssalon an einem Trumm ein verstecktes Türchen, weist im Rauchsalon auf die aufschlussreiche Unterseite eine Stuhls auf einem Spiegelpodest hin, dreht im Musikzimmer an einem der Schmuckstücke, dessen eingelagerte Edelsteine daraufhin wie im Flipperautomat durch die gewundenen Gänge schießen, oder lässt - Vorteil der Preview - die Gäste einzelne Objekte betasten, um die Haptik der Materialien erlebbar zu machen.

Was sich beispielsweise bei den Wandobjekten im Rauchsalon als besonders überraschend herausstellt. Die gespaltene rote Zunge des fratzenhaften Gebildes an der Wand fühlt sich an wie ein warmer Wulst aus Silikon und wirkt dadurch noch lebendiger. Aber auch der Tisch im Speisesaal mit seinen biomorphen Anhängsel irritiert, ist er doch aus Plastik gefertigt, fühlt sich aber an wie aus Keramik. Optisch sorgt Kahn für beeindruckende Parallelen, indem er beispielsweise eine figurative Skulptur, die eigentlich eine Leuchte ist, neben dem Wächter des Paradieses platziert, so dass beide wie Brüder im Geiste wirken.

Ausstellung: Ein Tisch aus Plastik, der sich wie aus Keramik anfühlt: "Before They're Gone" von 2021 von Misha Kahn.

Ein Tisch aus Plastik, der sich wie aus Keramik anfühlt: "Before They're Gone" von 2021 von Misha Kahn.

(Foto: Sean Davidson/Courtesy of Friedman Benda and Misha Kahn)

Kahn, geboren 1989 in Duluth, Minnesota, hat an der Rhode Island School of Design studiert und 2011 mit einem Bachelor of Fine Arts in Möbeldesign abgeschlossen. Für seine Grenzüberschreitungen ist er berühmt, stellt herkömmliche Vorstellungen von Design ebenso in Frage wie Methoden der Herstellung und erfindet sich praktisch permanent neu. Für seine Kunst-, Schmuck- und Designobjekte verwendet er Kunststoffe, Metall, Glas, Holz, Textilien, Keramik, Bronzeguss, Glasfaser und Zement. Der Materialienmix ist so vielfältig wie seine Wirkung überraschend. Traditionelle Handwerkskunst verbindet er wie selbstverständlich mit modernsten Techniken. Seine Experimentierlust scheint unbegrenzt, er arbeitet aber auch mit Handwerksmeisterinnen und -meistern zusammen, um zu lernen und zu verstehen. So ist Kahns viel gelobte "Woven Scrappy Series" (seit 2015) in Zusammenarbeit mit Gone Rural, einer Gruppe traditioneller Weberinnen aus Swasiland, entstanden. Dabei ist das Motiv des im Alten Atelier ausgestellten Wandteppichs äußerst modern und wirkt wie nach einer Augmented-Reality-Vorlage gewebt. Und auch bei den Schmuckstücken und Uhren verlässt er sich über das Design hinaus auf Koryphäen der jeweiligen Disziplin.

Ausstellung: Moderne Themen treffen auf traditionelle Webkunst in den Teppichen von Misha Kahn wie hier "Spaghettification: Tested by Throwing Against Wall" von 2020.

Moderne Themen treffen auf traditionelle Webkunst in den Teppichen von Misha Kahn wie hier "Spaghettification: Tested by Throwing Against Wall" von 2020.

(Foto: Thys Dullart/ Courtesy of Friedman Benda and Misha Kahn)

Angesiedelt an der Schnittstelle zwischen Design und Kunst entwirft Kahn ein "Metaversum", in dem Dinge eine große Rolle spielen, die andere wegwerfen. Er sammelt, verarbeitet und veredelt sie, passend hochgetunt zu unserem Zeitalter, das er ein kapriziöses nennt. Taucht man tiefer in Misha Kahns Gedankenwelt ein, trifft man auf ein Beziehungsgeflecht des Menschen zur Natur, zu Technologien, zum Zeitalter und zu sich selbst. Es ist kein Muss, aber ein absolutes Plus, sich auf der Website der Villa Stuck den sogenannten Audioguide (verfügbar auf deutsch und auf englisch) anzuhören. Ob Müll- oder Ernährungsproblem, Ausbeutung der Natur oder Klimakatastrophe, Selbstoptimierung, Industrialisierung oder Digitalisierung - Kahn und Riggs haben keinen kunsthistorischen Führer durch die Ausstellung konzipiert, sondern ein literarisches Booklet im Hörformat entworfen, das man sich vor Ort wie zu Hause anhören kann. Und in dem so großartige Begriffe wie "Partikelisierung" oder "Geraffelzerreißungsvorgang" auftauchen.

Überhaupt zeichnet die Gesamtschau eine gewaltige Portion Witz und Ironie aus, und man mag sich kaum ausmalen, wie es bei Misha Kahn zu Hause, das übrigens in Brooklyn ist, aussieht. Die Ausstellung selbst zieht sich durch die historischen Räume im Erdgeschoss, geht über das Alte Atelier im Obergeschoss zu den ehemaligen Privaträumen und endet im Künstlergarten, wo einige Skulpturen sowie ein Roboter, pardon "Automatic Worker" namens "Røbopièrre" stehen, der während der Ausstellungszeit Gemälde anfertigt. Denn dass der Künstler auch den Prozess des Malens ein wenig unkonventioneller als andere definiert, sollte einem nach einem Rundgang durch dieses Metaversum des Misha Kahn nicht weiter verwundern.

Misha Kahn: "Under the Wobble Moon. Objects from the Capricious Age", Museum Villa Stuck, Prinzregentenstr. 60, zu sehen bis 21. August

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