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Viertel-Stunde:Schön finden, bis es schön ist

Pasing Marienplatz Magnet Institut der Englischen Fräulein

Das Altvertraute und das Neue: das Institut der Englischen Fräulein und der sogenannte Magnet.

(Foto: privat)

Mit liebevoller Zugewandtheit wird selbst aus der langweiligsten Straße eine Sehenswürdigkeit, das kann man vom Schriftsteller und Flaneuer Franz Hessel lernen

Glosse von Jutta Czeguhn

Der Schriftsteller Franz Hessel, Papa von Stéphane Hessel ("Empört Euch!") und Vorbild für den Jules in François Truffauts Film "Jules et Jim", war einer der unwiderstehlichsten Flaneure, die je ihren Fuß auf ein Trottoir gesetzt haben. Egal, ob man in Berlin, Paris oder Pasing unterwegs ist, einen Rat Hessels, der auch mal mit Franziska zu Reventlow in der Kaulbachstraße in einer WG lebte, sollte man beim Spaziergehen als genussvolle Übung aufgreifen: das Kostbare und Garstige, Solide und Unechte, Komische und Respektable in seiner Stadt "so lange anschauen, lieb gewinnen und schön finden, bis es schön ist." Na, wenn das keine Herausforderung ist!

Wir stehen erst mal recht lange am Pasinger Marienplatz, ostseitig, und blicken nach Westen, heftig entschlossen zu ganz viel Sympathie. Dort bauen sie gerade am sogenannten Magneten, einem Geschäftshaus, in das Lidl, Edeka und eine Osteria einziehen werden. Das Café Cotidiano hat das alte Confetti daneben schon im vergangenen November übernommen. Jetzt also liebevolle Konzentration auf den Magneten: Die eingerüstete Fassade ist aus mit hellem Kalkmörtel geschlämmten Ziegeln und wird sich über die Dachflächen fortsetzen. Trotz der Masse, mit der sich diese Architektur in Pasings Zentrum gepflanzt hat - irgendwie übt sie auch Zurückhaltung. Als wollte sie respektvoll Hallo sagen zur großen alten Lady nebenan, dem Institut der Englischen Fräulein, das den neuen Nachbarn noch mit misstrauischem Monokel-Blick zu beäugen scheint.

Aber lassen wir die beiden und schlendern weiter auf der Planegger Straße, die einst auch "Zylinder-Straße" hieß, weil dort die eleganten Trauerzüge zum Pasinger Friedhof entlang führten. Architektonisch herrscht ein ziemliches Durcheinander in dieser Straße. Fensterachsen, Geschosse, Fassadendekor, Dachformen, alles springt munter durch die Epochen und zersprengt die Ensembles aus der Zeit, in der hier noch große Bauernanwesen und auch Gründerzeit-Häuser dominierten. Wie ein Gruß aus dem alten Pasing erscheint der Schweizerhof, wo sich die Leute nun zu Mittag ihr Essen abholen müssen, oder die etwas geduckte "Goldene Gans" mit ihren ländlichen Fensterläden. Dort kann man sich eine Weile an die Mauer lehnen, um die Pasinger Moschee vis-à-vis freundlich zu studieren. Der helle Funktionsbau mit den Mini-Minaretten, die eigentlich Kamine sind, steht hier seit 1999. Von außen nicht mal zu erahnen ist der schöne Gebetsraum mit der lichtdurchfluteten Dachkuppel und den elaborierten Mosaiken. Gerne wüsste man, was sich die alte Gans und die junge Moschee nachbarschaftlich zuflüstern.

Franz Hessel war überzeugt, dass Gebäude irgendwann auch zurückgucken, wenn man sie nur lange genug wohlwollend betrachtet, sie sprichwörtlich zu Sehenswürdigkeiten macht. Wer sich also mit zugewandten Augen durch Straßen wie die alte Planegger treiben lässt, bekommt gewiss einen netten Blick zurück.

© SZ vom 20.02.2021
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