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Viertel-Stunde:Leidenschaftlich geliebt und gelebt

Carola Neher in "Kukuli", 1926

Carola Neher, im Alter von 26 Jahren.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Sie war ein gefeierter Film- und Theaterstar in den Zwanziger- und Dreißiger Jahren, die Münchnerin Carola Neher. Ihr Leben endete schrecklich in einem russischen Arbeitslager. In Obersendling ist der Schauspielerin eine Straße gewidmet

Von Berthold Neff

Sie glühte furchtbar, so brachte man sie in den Isolator, eine Quarantänezelle. Kurz darauf war Carola Neher tot, jene Schauspielerin, die in den Goldenen Zwanzigern brillierte, ihr Herz an einen Kommunisten verlor, die gegen Hitler Position bezog, nach Moskau ging und 1937 in einem stalinistischen Prozess zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt wurde. Am 26. Juni 1942 erlag sie in einem Lager nahe der Grenze zu Kasachstan dem Typhus. München würdigte diese starke Frau 2013, als eine Straße in Obersendling nach ihr benannt wurde.

Ihre Kindheit könnte glücklich gewesen sein, ihr Vater Josef war Musiklehrer in Nymphenburg, ihre Mutter Katharina führte ein Restaurant. Am 2. November 1900 wird Carola Neher an der Hirschgartenallee 33 geboren, geht bei den Englischen Fräuleins am Schloss Nymphenburg zur Schule, macht eine Banklehre. Sie nimmt heimlich Schauspielunterricht, arbeitet sich mit kleinen Rollen bis zu den Kammerspielen hoch. In München lernt sie den Dichter Klabund kennen und lieben, und als dieser in Davos dem Tod durch Tuberkulose entgegensieht, lässt sie die Rolle der Polly in der Premiere von Bertolt Brechts "Dreigroschenoper" sausen, glänzt erst später in diesem Stück und 1931 auch im Film. In Berlin gibt sie das Glamourgirl, erklimmt den Berliner Funkturm, posiert im Zoo mit Geparden. Und während die Nazis auf dem Weg zur Macht sind, heiratet sie 1932 den aus Bessarabien - ein Landstrich Rumäniens - stammenden Ingenieur Anatol Becker. Bei ihm hatte sie, vom Aufbruch in der Sowjetunion begeistert, Russisch gelernt.

Anfang 1933 unterzeichnet sie einen Aufruf von Künstlern gegen Hitler und verlässt Deutschland im Sommer, als sie erfuhr, dass ihr Bruder Josef ins KZ nach Dachau gebracht wurde. Über Wien und Prag gelangt sie 1934 nach Moskau. Am 26. Dezember 1934 bringt sie dort ihren Sohn Georg zur Welt, hält sich halbwegs über Wasser, trägt bei Radio Moskau ab und zu Gedichte vor, auch die ihres einst geliebten Klabund. Die Ehe mit Anatol Becker zerbricht, kurz darauf wird er verhaftet. Sie will ihm helfen, schafft es aber nicht, ihn zu retten. Er wird 1937 als "Trotzkist" erschossen, sie wird verhaftet und zu zehn Jahren Lager verurteilt.

Ihren Sohn sieht sie nie wieder. Er kommt bei einer Pflegemutter unter, und als diese verhaftet wird, in ein Waisenhaus. Carola schreibt Briefe dorthin, am 10. März 1941 zum Beispiel diesen: "Ich bitte Sie sehr, mir sein letztes Foto zu schicken. Ist er musikalisch? Zeichnet er? Wenn ja, schicken Sie mir doch bitte eine Zeichnung, die er gemacht hat! Ich danke von ganzem Herzen für alles Gute, das Sie für mein geliebtes Kind tun können!" Carola erhält auf diese Zeilen sogar eine Antwort, darf sie aber nur ein einziges Mal und unter Aufsicht lesen.

Georg Becker erfuhr erst 1946, wer seine Eltern waren. Das Verfahren gegen sie wurde 1959 neu verhandelt, der Oberste Militärgerichtshof der Sowjetunion hob das Urteil auf, die Eltern wurden wegen "Nichtbestehens eines Verbrechens" rehabilitiert. Georg Becker durfte 1975 nach Deutschland ausreisen. Und so war er im November 2013 dabei, als Bürgermeisterin Christine Strobl eine Straße in dem Obersendlinger Neubaugebiet bei einer Feier nach seiner Mutter benannte.

© SZ vom 17.04.2021
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