Süddeutsche Zeitung

Viertel-Stunde:Invasion im Monet-Teich

Das Betrachten von Fischen kann besänftigend sein. Aber gelegentlich kann es auch Alarm auslösen

Kolumne von Jutta Czeguhn

Der Zahnarzt der Kindheit war ein leidenschaftlicher Aquarianer. Ein wandhohes Aquarium verwandelte sein Wartezimmer in eine Unterwasserwelt mit Korallenriffen und Algenwäldern, zwischen denen Doktorfische, Guppys, sogar Seepferdchen schillernd umher huschten. Hätte man bei den Patienten Blutdruck gemessen, wäre ihr Stresslevel sensationell niedrig gewesen. Auch wenn statt Meditationsmusik mörderische Bohrgeräusche durch die Tür des Behandlungszimmers drangen.

Das Betrachten von Fischen kann besänftigend sein. Da braucht es weder ein ambitioniertes Aquarium im Wohnzimmer noch einen Besuch bei Sea Life. Ein Spaziergang durch den Park zwischen Petzet- und Daudetstraße in Obermenzing genügt. In der Grünanlage gibt es einen künstlich angelegten See. Hinter einem Drahtzaun wuchern Uferpflanzen, die Blätter der Seerosen bilden einen dichten Teppich, die Teichoberfläche kräuselt sich unter den gewichtslosen Schritten der Wasserläufer, Prachtlibellen sind hektisch im An- und Abflug. Unbeeindruckt von all dem scheinen die Goldfische. Wie rote Winzig-Wale ziehen sie ihre gemächlichen Runden, als wären sie die Herren in diesem Monet-Teich.

Dabei sollten sie gar nicht dort sein. Das Bundesamt für Naturschutz listet Goldfische als "potenziell invasive Art", die ökologische Schäden anrichten kann. Die glitschigen Einwanderer würden Algen vertilgen, Würmer, Molch- und Libellenlarven. Groß wie Fußbälle und uralt können sie werden. Womöglich haben jene Menschen, die ihr Goldfischglas einst über dem Teich auskippten, gar nicht geahnt, dass so eine Tat, die verboten ist und mit einem Bußgeld geahndet werden kann, eine Goldfisch-Invasion nach sich zieht, die nun gar als Thema ins politische Gremium im Stadtbezirk hineingeschwappt ist. So hat die SPD-Fraktion den Antrag gestellt, den Teich zu reinigen und von den "scheinbar so harmlosen Zierfischen" zu befreien. Es werden nun also Leute mit Keschern kommen und die Goldfische aus dem friedlichen Teich fischen. Aber vielleicht finden sie ja den Weg zurück in ein Aquarium oder einen Gartenteich, wo sie dann jemand in aller Seelenruhe betrachten kann.

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Quelle:
SZ vom 08.08.2020
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