Viertel-Stunde:Ein Zeichen der Humanität

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Ilse Weber wurde in Auschwitz ermordet. (Foto: Wikipedia)

In Laim erinnert eine Straße an die jüdische Hörfunk- und Kinderbuchautorin Ilse Weber, die 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Zuvor war die Straße nach einem Antisemiten benannt

Glosse von Christina Seipel

Paul Anton de Lagarde würde sich wohl im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, dass sein Name, nach dem einst eine Straße im nordöstlichen Laim benannt war, ausgerechnet durch den einer jüdischen Schriftstellerin ersetzt wurde: Ilse Weber. Mehr als 90 Jahre lang, seit 1925, war der Theologe und Kulturphilosoph (1827 bis 1891) Namensgeber der kleinen Straße, die zur katholischen Pfarrgemeinde "Zu den Heiligen Zwölf Aposteln" führt.

Dann aber, vor knapp zehn Jahren, machte der Laimer Veteranen- und Kriegerverein darauf aufmerksam, dass es sich bei Lagarde um einen der prägenden Vordenker und Wegbegleiter des modernen Antisemitismus handelte. Wegen seiner aggressiven Judenfeindlichkeit erkannte ihm 2016 schließlich der Kommunalausschuss des Münchner Stadtrats die Ehrung durch einen Straßennamen ab. Seitdem heißt die Laimer Straße, welche die Schrobenhausener mit der Friedenheimer Straße verbindet, Ilse-Weber-Straße.

Die Entscheidung zu Gunsten der jüdischen Hörfunk- und Kinderbuchautorin, deren Leben und Schaffen schon mehrfach Thema von Münchner Veranstaltungen war, fiel als Zeichen gegen den Antisemitismus und die Gräueltaten des nationalsozialistischen Unrechtsregimes. Ausschlaggebend war auch ihr Engagement für die Kinder im Ghetto Theresienstadt, denen sie mit ihren Gedichten und Geschichten Trost spendete.

1903 wurde Ilse Weber im damals österreichisch-ungarischen Witkowitz (heute Tschechien) geboren. Mit ihrem Ehemann Willi Weber bekam sie zwei Söhne. Ihren älteren Sohn Hanuš schickte sie zu Kriegsbeginn mit einem Kindertransport nach England und rettete ihm so das Leben. Im Februar 1942 wurde Ilse Weber mit ihrem jüngeren Sohn Tomáš nach Theresienstadt deportiert. Während ihrer Arbeit in der dortigen Kinderkrankenstube unterhielt sie die Buben und Mädchen mit selbst verfassten Geschichten. Im Oktober 1944 wurde sie gemeinsam mit ihrem zehnjährigen Sohn und einigen der kranken Kinder ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Eine kleine Tafel, die unter dem Schild der ihr zu Ehren benannten Straße angebracht ist, erinnert heute an die Lebensgeschichte der Lyrikerin.

© SZ vom 03.07.2021 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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