Vier Wände für die Ewigkeit:Wo das Atomic weiterlebt

Der Glitzervorhang und die Lavalampen, ein mit Stickern vollgeklebter Spiegel und der Kondomautomat: Das Atomic Café soll im Stadtmuseum weiterleben. Es ist nicht die erste Auferstehung eines legendären Raums.

Von Ann-Kathrin Hipp

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Atomic Cafe in München, 2013

Quelle: Catherina Hess

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Seit Anfang des Jahres ist das Atomic Café Geschichte. Fast zwei Jahrzehnte lang prägte der Club das Münchner Nachtleben wie kaum ein anderer, war Indie-Disco und Pop-Treff, Heimat für Northern Soul und Folk. Mit seiner Schließung endet eine Ära - und Geschichten von Prügeleien und Knutschereien, von wilden Partys und entspannten Drinks verblassen. Sie bleiben nur noch als Erinnerung in den Köpfen und Herzen der Feiernden, DJs und Betreiber.

Um ein Andenken zu bewahren, sicherte sich der ein oder andere ein persönliches Erinnerungsstück. Die Einrichtung übernahm das Stadtmuseum. Es beherbergt den Glitzervorhang und Lavalampen, einen mit Stickern vollgeklebten Spiegel der Herrentoilette und den Kondomautomaten. Dazu Sitzbänke, Schaukästen, und Speisekarten. Noch wird die Einrichtung im Depot gelagert. Irgendwann soll sie so ausgestellt werden, wie sie einst in der Neuturmstraße 5 stand.

Atomic Cafe

Quelle: Atomic Cafe

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Das Comeback des Clubs ist nicht die erste Auferstehung eines legendären Raums: Immer wieder werden vollständige Zimmerinventare konserviert und an neuen Orten ausgestellt. Die Übernahme von Einrichtungen aus München sei im Stadtmuseum gang und gäbe, erzählt Ursula Eymold, Leiterin der Sammlung Stadtkultur und Volkskunde. "Wir sammeln Räume, die für München spezifisch sind und die Stadt über einen längeren Zeitraum geprägt haben", erklärt sie. So lagert neben dem Atomic Café Inventar eines Friseursalons, Möbel des Tivoli Kinos aus der Neuhauser Straße und Teile des Bauerngirgl, eine ehemalige Boazn in Obergiesing.

Doch nicht nur im Stadtmuseum werden gesamte Einrichtungen gezeigt. Diverse Räume in ganz München halten Gedanken an besondere Menschen, historische Ereignisse und persönliche Momentaufnahmen fest, die längst passé sind. Ganz plastisch nehmen sie die Besucher mit auf eine Reise zu verschiedenen Orten und Zeiten - besser als jede Chronik oder Erinnerungsfotos. Fünf Einrichtungen, ihre Geschichten und der Weg, der sie nach München führte.

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Quelle: Catherina Hess

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Eine bayerische Heimat in Jerusalem

Im Jahr 1935 floh Schalom Ben-Chorin vor dem NS-Regime nach Palästina. Jahrzehnte später kehrt mit seinem Nachlass ein Teil von ihm zurück in seine Heimatstadt München. Arbeitszimmer und Bibliothek wurden nach dem Tod des Schriftstellers und Religionsphilosophen im Jahr 1999 dem Münchner Stadtarchiv überlassen.

Dort steht das Zimmer nun, detailgetreu rekonstruiert, wie es mehr als fünf Jahrzehnte im Jerusalemer Stadtteil Romema gewachsen ist - von den aufgemalten Türen einmal abgesehen. Geprägt ist der Raum heute wie damals von Erinnerungen an die bayerische Heimat: In einer kleinen Vitrine sammeln sich Fotos, Figuren in Trachten und das Landeswappen. Der Sohn jüdischer Kaufleute hatte eine enge Bindung zu München, war einer der ersten Israelis deutscher Herkunft, die nach dem Holocaust ihre Heimat besuchten.

Stadtarchiv München: mittwochs 9 bis 12 Uhr. Voranmeldung unter Tel. 089-233 03 08 oder per E-Mail an stadtarchiv@muenchen.de

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Quelle: Catherina Hess

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Das Galileo-Experiment

Zugegeben: Das Arbeitszimmer Galileo Galileis im Deutschen Museum passt nicht ganz in diese Reihe. Niemand weiß, wie der Arbeitsort des italienischen Physikers tatsächlich aussah. So gesehen war es eine Art Experiment als der Raum 1959 zu Ehren des Wissenschaftlers eingerichtet wurde. Historische Fotografien und Geräte, die Galileo für seine Experimente nutzte, bildeten die Grundlage der Ausstellung, die Galileis Wirken von 1610 bis 1623 in Florenz zeigen soll. Originale wie Waag-Uhr, Armillarsphäre, Schreibtisch und Stühle wurden gemeinsam mit Nachbildungen arrangiert und inszeniert. So wurde die schiefe Ebene konstruiert, die Besuchern zeigt, wie der Wissenschaftler das Fallgesetz erkannte. Zusammengesetzt aus Puzzleteilen bleibt der Raum eine Mischung aus Historie und Fiktion.

Deutsches Museum: täglich von 9 bis 17 Uhr

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Quelle: Catherina Hess

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Hier walteten die Bayern-Bosse

Für eingefleischte Fans des FC Bayern ist das Präsidiumszimmer der Säbener Straße ein geschichtsträchtiger Ort. Präsidenten von Wilhelm Neudecker bis Franz Beckenbauer fällten hier von 1971 bis 2002 Entscheidungen, die Fußballgeschichte schrieben. Die Transfers von Lothar Matthäus oder Oliver Kahn wurden hier beschlossen, Taktiken ausgeklügelt, die seinerzeit zu sechs Pokalsiegen und 15 Meistertiteln führten.

Nach 2002 wurde das Zimmer als Presseraum genutzt, mit dem großen Umbau unter Jürgen Klinsmann wanderten die Möbel ins Archiv des Rekordmeisters. 2012 wurde das Vorstandszimmer zur Eröffnung der Erlebniswelt in der Allianz-Arena wieder aufgebaut - hinter einer Glasscheibe. Noch immer ist jeder Stuhl an seinem Platz, jeder Lichtschalter, wo er einst war. In der Vitrine stehen Ehrengaben und Pokale. Kratzer auf dem Marmortisch erinnern an Schafkopfpartien. In der Wand ist sogar ein falsches Fenster eingebaut, durch das der Blick auf das Trainingsgelände an der Säbener Straße zu gehen scheint.

FC Bayern Erlebniswelt: täglich von 10 bis 18 Uhr

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Quelle: Catherina Hess

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Der alte Tabakladen

Touristen biegen am Sebastiansplatz um die Ecke, gehen ins Stadtmuseum oder zum Jüdischen Zentrum. Amerikaner lauschen einem Stadtführer, der von Lederhosen und Dirndln erzählt. Doch in einem kleinen Geschäft am Rande des Platzes herrscht Stillstand. Die Türen sind geschlossen, die Schaufenster dunkel. Im Vorübergehen nehmen Passanten den Laden gegenüber dem städtischen Alten- und Service-Zentrum kaum wahr. Nur bei genauerer Betrachtung lässt sich die weiße Schrift auf der gläsernen Eingangstür erkennen: "Der kleine Tabakladen von der Zweibrückenstraße 1 um 1900."

Der Tabakladen ist ein Ausstellungsstück des Münchner Stadtmuseums, übernommen kurz nach dessen Schließung im Jahr 2008. Statt Tresen, Regale und Pfeifensammlung im Museum zu zeigen, entschied man sich, den kleinen Laden außerhalb der Ausstellung am Sebastiansplatz zu installieren. Nach 100 Jahren Zigarren und Zippern geht das Geschäft hier also in den Ruhestand. Es lässt sich nicht mehr betreten, aber durch die Schaufenster betrachten. Original eingerichtet, zeigt der kleine Tabakladen einen Ort, der lange Zeit den Münchner Alltag prägte - wenn auch nur als kleine Randnotiz.

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Quelle: Catherina Hess

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Erinnerungen an das Leben seiner Mutter

"Das Leben meiner Mutter" schrieb Oskar Maria Graf im Exil, in seinem kleinen Backsteinhaus an der Hillside Avenue in Manhattan. Fotos von einem tanzenden Paar in Tracht und seinem Geburtsort Berg zierten den Tisch, während er das Meisterwerk tippte. Ausgebürgert im Jahr 1934, nahm der Schriftsteller so aus der Ferne die bayerische Heimat in den Blick.

Tisch, Stuhl und die Schreibmaschine stehen heute in München. Nach Grafs Tod im Jahr 1967 überließ die Witwe dem Literaturarchiv Monacensia seinen Nachlass, übergab neben dem Inventar Briefe, Fotografien, Manuskripte, Schreibutensilien und Bierkrüge. 2008 rekonstruierte das Stadtmuseum das Arbeitszimmer nach einer Fotografie. In der Ausstellung "Typisch München" kann es noch bis Ende des Jahres besichtigt werden. Danach kehrt das Zimmer zurück ins Literaturarchiv, wo es vom Frühjahr 2016 an in der Schau "Literarisches München zur Zeit von Thomas Mann" ausgestellt werden soll.

Münchner Stadtmuseum: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr

© SZ.de/infu
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