Um die Situation für Geschäftsleute, Anwohner und Passanten in der Schillerstraße zu verbessern, plant die Polizei nun, dort eine Videoüberwachung zu installieren. Seit einiger Zeit ist die Straße im südlichen Bahnhofsviertel immer wieder in den Schlagzeilen – Drogenhandel, Gewalt und andere Kriminalität haben zugenommen. Nicht wenige führen das auf die „Befriedung“ des Alten Botanischen Gartens zurück. Seit die Polizei dort verstärkt kontrolliert und die Stadt ein Alkohol-, Cannabis- und Messerverbot eingeführt hat, sucht sich die kriminelle Klientel offensichtlich neue Treffpunkte.
Einer davon: die Schillerstraße. Reinhard Sigel, Vorsitzender des Vereins „Südliches Bahnhofsviertel“ und selbst Geschäftsmann in der Landwehrstraße, räumt ein, dass es „Probleme mit diesem Thema“ gebe. Allerdings sagt er auch: „Stadt und Polizei haben ein starkes Augenmerk auf unser Viertel.“ Das zeige sich in erhöhter Frequenz der Polizeistreifen und des Kommunalen Außendienstes und häufigerer Reinigung. Sigel: „Da hat sich einiges zum Positiven verändert.“
Die Videoüberwachung soll ein weiterer Baustein sein. Offiziell heißt es aus dem Polizeipräsidium zwar, die Einrichtung werde „geprüft“. Hinter vorgehaltener Hand jedoch sagen Beamte, sie seien sicher, dass sie kommen werde – unklar ist nur, wann und wo.
Als Standort käme die Kreuzung Landwehr-/Schillerstraße infrage, sodass die Polizei in beide Straßen blicken könnte. Die Bilder würden sowohl in der neuen Einsatzzentrale im Präsidium in der Ettstraße einlaufen als auch in der zuständigen Inspektion, das ist die Nummer 14 in der Beethovenstraße.
Bleibt die Frage nach dem Zeitpunkt. Der ist noch unklar, vor allem, weil das Genehmigungsverfahren ziemlich aufwendig ist. So muss die Polizei nachweisen, dass der Bereich, den sie überwachen will, auch tatsächlich ein Kriminalitätsschwerpunkt ist – und zwar nicht nur vorübergehend, sondern von einiger Dauer. Der Bereich muss zudem klar abgegrenzt sei. Deshalb ist zum Beispiel in Riem keine Videoüberwachung möglich, auch wenn dort verhältnismäßig viele Straftaten begangen werden. Die Tatorte sind aber relativ weit verstreut – eine Überwachung des ganzen Viertels ist jedoch nicht erlaubt. Die Videoüberwachung ist zudem zeitlich beschränkt. Sollte sie in der Schillerstraße ihre Schuldigkeit tun und sollte dort die Kriminalität nachhaltig sinken, dann müsste sie wieder eingestellt werden.

Momentan aber scheinen die Schillerstraßler ziemlich einmütig einverstanden zu sein. „Wir sind dem gegenüber grundsätzlich positiv gestimmt“, sagt Reinhard Sigel, der Vereinsvorsitzende. Und Ulrike Kless-Böker, Direktorin des Hotels „Schiller 5“ – dessen Adresse sich aus dem Namen ergibt – hält die Videokameras für notwendig – auch wenn sie ebenfalls sieht, dass KVR und Polizei „ganz viel gemacht“ hätten.
Beide jedoch, Kless-Böker und Sigel, singen gleichzeitig ein Loblied auf ihr Quartier: Sigel sagt, er nenne es immer das „Chancenviertel“ – noch nicht ganz durchgentrifiziert, einigermaßen erschwingliche Mieten, zentrale Lage. Nicht umsonst trägt das Viertel den Spitznamen „Klein-Istanbul“: Viele Ausländer, die am Hauptbahnhof ankamen, gingen schnurstracks ins Bahnhofsviertel und eröffneten dort ihr Gewerbe. Sigel: „Wir sind das internationalste Viertel Münchens.“
Gerade das begeistert Ulrike Klees-Böker: „Dieses wunderbare Multikulti. Ich gehe raus und kann mir mein Gemüse direkt beim Türken holen.“ Als sie vor dreieinhalb Jahren die Stellung im Hotel antrat, habe sie auch gedacht: „Brauch ich da jetzt ein Pfefferspray?“ Brauchte sie dann doch nicht. Heute sagt sie: „Ich habe keine Angst, auch wenn ich nachts rausgehe.“ Natürlich seien die Drogensüchtigen, die Dealer, die Obdachlosen, die Trinker kein schöner Anblick. Aber ebenso wie Reinhard Sigel sagt sie: „Wir lieben unser Viertel.“

