Süddeutsche Zeitung

Verwüstete Kulissen:Eine Bühne säuft ab

Nach einem verheerenden Wasserschaden ist das Theater Undsofort ein Trümmerhaufen. Schauspiel-Kollegen veranstalten eine Benefizaktion - und das Netzwerk Freie Szene München dringt auf Notfallhilfe von der Stadt

Lange ist das nicht auszuhalten. Es muss schnell gehen, der Schimmelgestank ist brutal. Und schon der Anblick setzt Heiko Dietz ziemlich zu. Ruinierte Sitzreihen, denen die Schutzplanen auch nichts halfen; verwüstete Kulissen, zermanschte Requisiten. Dietz patscht mit dem Turnschuh auf den klatschnassen Boden und stapft durch den Trümmerhaufen, den ein verheerender Wasserschaden in seiner Kellerbühne Theater Undsofort an der Kurfürstenstraße angerichtet hat. "Es ist bitter", sagt er.

Der Schauspiellehrer, Regisseur und Leiter dieses Privattheaters muss sich in diesen Tagen einer bitteren Realität stellen: Wenn ein Unglück wie dieses eine freie Münchner Bühne ereilt, dann kann es schnell vorbei sein mit der Spielstätte. Es ist alles hin - und Dietz hat kaum Geld, das wieder hinzubekommen. An diesem Fall wird wieder einmal deutlich, in welch prekäre Lage freie Bühnen in München unverschuldet schlittern können.

Allein, die Geschichte des Theaters Undsofort war bis zuletzt eine Erfolgsstory. Dazu brauchte es vor knapp neun Jahren "eine glückliche Fügung", wie Dietz den Umstand nennt, überhaupt - nach dem Rausschmiss im Glockenbachviertel - an solche Kellerräume zu einer fairen Miete gekommen zu sein. Es folgten stetig steigende Zuschauerzahlen; die Besucher schätzen vor allem Dauerbrenner wie "Die Maxvorstädter Kellermorde". Mit dem Barbetrieb kommt jedoch immer noch nicht genug herein, um das Haus gewinnbringend zu führen. Mit seiner Schauspielschule konnte Dietz den Betrieb über Wasser halten. Doch nun ist Land unter. "Die Lage existenzbedrohend", sagt er.

In den vergangenen Jahren war immer wieder vereinzelt Wasser von der Decke gesickert, darüber, an der Oberfläche, erstreckt sich der Innenhof des Haus-Ensembles. Und der hat eine marode, undichte Grundfläche, wie immer deutlicher wurde. Die Hauseigentümerin ließ sie wiederholt abdichten, doch es tropfte weiter. Im Juli dieses Jahres entschied sich die Vermieterin für eine Generalsanierung der Betondecke, Arbeiter rissen den Innenhof auf. "Und dann kam der Regen", berichtet Dietz. Es tropfte, nieselte, schüttete tagelang. Dietz: "Wir haben noch versucht, alles abzudecken aber schnell gemerkt: Das ist vergebliche Liebesmüh'."

Übrig blieb ein Bild der Verwüstung. Und zum Unglück kam noch Pech hinzu. Die Wassermassen sprengten die Brandschutz-Ummantelung der Stahlträger; die zerrissenen Matten sind wohl aus Asbest und bedecken nun als Fetzen-Teppich den Theaterraum. Die Folge: viel Aufwand, der sich lange hinziehen könnte. Doch eine lange Sanierungsphase wird Dietz wohl nicht durchhalten können, der Herbstspielplan ist ohnehin perdu.

Die Vermieterin gibt sich alle Mühe, so erzählt es Dietz, um "das schnellstmöglich hinzukriegen", wie diese versichert habe. Auch die zerstörte Ausstattung soll ersetzt werden, so die Zusage. Dietz hat keinen Zweifel an ihren redlichen Absichten - doch er zweifelt daran, dass er für sich eine Privatinsolvenz abwenden kann.

Bis Ende November, so der derzeitige Stand, soll alles wieder hergerichtet sein - immerhin ist der neue Estrichbelag im Innenhof schon fertig. Doch mit jedem Tag wird das Loch im Budget größer, das nur mit einem Privatkredit von einem Bekannten notdürftig abgefedert wird. Der Betrieb steht still, und der Trägerverein Theta mit 40 Mitgliedern hat kein Vermögen, um den Ausfall zu überbrücken. "Zum Glück gibt es große Solidarität von den Kollegen", sagt Dietz.

Die Geschichte vom abgesoffenen Theater sprach sich herum in der Szene - und die Chefs von Blutenburg-Theater, Drehleier, Teamtheater Salon, Issa-Bühne sowie vom Theater im Fraunhofer und dem Theater Kleines Spiel stellen ihre Bühnen für Undsofort-Inszenierungen zur Verfügung. Dietz kann nun zehn von zunächst 94 abgesagten Veranstaltungen doch zur Aufführung bringen. Zudem hat der Autor und Regisseur Andreas Kohn eine Benefizaktion organisiert, die am Freitag und Samstag, 22. und 23. September, im Theater HochX an der Entenbachstraße 37 über die Bühne geht. Josef Parzefall und Richard Oehmann führen ihr "Doctor Döblingers geschmackvolles Kasperltheater" auf (Freitag, 14.30 Uhr); tags darauf folgt um 20 Uhr Heiko Dietz selbst mit seinem Solo-Stück "Das Fieber". Die Einnahmen dienen ausschließlich dem Erhalt der Undsofort-Bühne.

Es ist kein Einzelfall, dass eine Privatbühne durch ein Baustellen-Malheur in eine Krise stürzt. Zuletzt erwischte es das Tams-Theater in Schwabing. Bei Abbrucharbeiten auf dem Nachbargrundstück wurde unglücklicherweise eine Wand eingerissen. Bühnenbauten und Requisiten mussten umgelagert, der ohnehin knappe Platz umorganisiert werden. Dabei ist der Etat bei privaten Bühnen ohnehin auf Kante genäht. Das Kulturreferat schüttet im laufenden Jahr 750 000 Euro an acht Theater aus (Metropol, Tams, Teamtheater, Pathos, Viel Lärm um Nichts, Blaue Maus, Rational sowie Undsofort). Eine Jury befindet über die jeweilige Fördersumme, die pro Empfänger höchstens 150 000 Euro beträgt; das Theater Undsofort hat heuer 60 000 Euro erhalten. Der Freistaat gibt nichts dazu; Münchner Bühnen der freien Szene gewährt das Kultusministerium keine Subventionen.

Mit dem Desaster in Dietz' Theater wird jetzt der Ruf von Künstlern nach mehr Unterstützung von der Stadt lauter. "Die kleinen Theater können auf eine solche Katastrophe nicht reagieren, es wird sofort existenzbedrohend", sagt Ute Gröbel, Vorstandsmitglied des Netzwerks Freie Szene München sowie Künstlerische Leiterin des HochX-Theaters. Sie appelliert an die Rathauspolitiker, einen "Feuerwehrtopf" im Haushalt einzurichten, ein Budget für in Not geratene Bühnen. Sie erinnert daran, dass in den vergangenen zwanzig Jahren viele Privattheater schließen mussten. Der Stadt müsse daran gelegen sein, die freie Szene besser zu schützen, fordert Gröbel.

Die Stadtverwaltung will sich einer Akuthilfe zumindest nicht verschließen, wie die Sprecherin des Kulturreferats, Jennifer Becker, signalisiert. "Wenn das Theater Undsofort in eine Notlage gerät, sind wir immer offen für Gespräche", sagt sie und versichert: "Wir wollen, dass das Theater bestehen bleibt."

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Quelle:
SZ vom 09.09.2017
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