Süddeutsche Zeitung

Klassik:Der Klang neuer Kadenzen

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Die Geigerin Veronika Eberle hat für ihre erste Soloplatte mit dem London Symphony Orchestra unter Simon Rattle und dem Komponisten Jörg Widmann zusammengearbeitet .

Von Michael Stallknecht

Endlich allein. Angekommen in der Kadenz, wo im klassischen Solokonzert der Solist ohne Orchester frei schalten und walten darf, auch in Ludwig van Beethovens Violinkonzert. Doch Veronika Eberle bleibt in ihrer Neueinspielung nicht lang allein. Protestierend mischt sich die Pauke ein, treibt die Violine in groteske Jagdmotivik. Kaum entkommen, lauert ihr auch noch der Kontrabass auf, anscheinend unzufrieden mit seiner eher bescheidenen Rolle bei Beethoven.

Schuld daran ist der Münchner Komponist Jörg Widmann. Und Eberle selbst, die ihre erste Soloaufnahme nur unter passenden Bedingungen vorlegen wollte. Schließlich gibt es neue CDs jedes Jahr im Übermaß - und von Beethovens einzigem vollendeten Violinkonzert allein beim Klassikstreaminganbieter Idagio Einspielungen mit 119 Geigern. Eberle, an der Münchner Musikhochschule bereits als Jungstudentin von Ana Chumachenco ausgebildet, live seitdem mit vielen berühmten Dirigenten und Orchestern zu hören, wartete. Auf die richtigen Partner, die zündende Idee. Erstere fand sie schließlich in Simon Rattle und dem London Symphony Orchestra, bei dessen hauseigenem Label die Platte erschienen ist. Letztere in Jörg Widmann, der ihr drei neue Kadenzen für die drei Sätze schrieb.

Kadenzen waren in der "Klassik" einmal der Ort für freie Improvisation - was sich leider immer weniger Interpreten trauten und trauen. Deshalb haben zu Beethovens Konzert schon einige berühmte Geiger ihre Kadenzen aufgeschrieben, ebenso Komponisten wie Camille Saint-Saëns oder Ferruccio Busoni neue komponiert. Doch der Musikbetrieb bleibt stur: Zu hören sind fast immer nur die von Fritz Kreisler, inzwischen nahezu ebenso kanonisch wie Beethovens Konzert selbst.

Widmann bricht dieses Monopol auf, intelligent und durchaus mit Respekt. Schließlich wies schon Beethoven selbst der Pauke eine ungewohnte Rolle zu, als er sie sein Violinkonzert eröffnen ließ. Widmann greift nicht nur humoristisch ihr ewiges Pochen auf, sondern verbindet auch alle drei Kadenzen durch Beethovensches Material aus sämtlichen Sätzen. Man meint geradezu eine Geschichte zu hören: In der (ungewöhnlich umfangreichen) Kadenz zum zweiten Satz verliert sich die Geige in höchsten Lagen, steigt einsam ins ewige Eis der Flageolette. Sanft wieder hinunter begleitet wird sie von der Konzertmeisterin, der Geigensolistin des Orchesters. Um sich im Finalsatz erneut in der Gesellschaft von Pauker und Kontrabassist wiederzufinden. Am Ende einigen sich das höchste und das tiefste Streichinstrument auf ein schräg angejazztes Duett. Concertare, das bedeutete schließlich ursprünglich auch den Wettstreit zwischen Instrumenten. Der hier umso besser gelingt, als die Orchestersolisten des London Symphony Orchestra schon bei Beethoven exzellent spielen.

Veronika Eberle glänzt auf ihrer Stradivari

Kaum nötig zu sagen, dass auch Eberle eine exzellente Solistin ist, blitzsauber in der Intonation, schlank und delikat im Ton. Sie hat lange genug gewartet, um auf ihrer Stradivari nun wirklich jede Note füllen zu können, das Rankenwerk der Läufe und gebrochenen Akkorde mit kluger Phrasierung zu beleben, längere Töne mittels Binnendynamik. Und Rattle bleibt in seinem Dirigat straff, musizierfreudig, ohne überbordendes Pathos. Die neuen Kadenzen aber prägen das Konzert als Ganzes, lassen etwa den zweiten Satz einsamer klingen als gewohnt.

Am Ende der Platte gibt Eberle sogar noch eine Zugabe: das Fragment des Violinkonzerts in C-Dur, an dem sich Beethoven mit Anfang Zwanzig versucht hatte. Schon im ersten Satz bricht es ab, hört einfach auf. Wäre Widmann nicht auch dazu eine Fortsetzung einfallen? Wir warten auf das nächste Gemeinschaftsprojekt der drei.

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