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Verletzte Syrer in München:Tragik, Zufall, Hoffnung

Vor drei Monaten wusste Amin nicht, wo Deutschland liegt. Dann wurde seine zwölfjährige Cousine und sein 17-jähriger Bruder in Syrien schwer verbrannt. Nur eine Behandlung in Deutschland konnte sie retten. Amin kam kurzerhand als Betreuer mit. Eine Flüchtlingsgeschichte.

Martin Jäschke

Nur sechs Buchstaben: S-c-h-w-e-r. Amin streicht mit dem Zeigefinger über das krakelige Wort in seinem Vokabelheft. Links davon steht die Übersetzung - die arabischen Schriftzeichen sind elegant geschwungen. Amin schaut hoch, lächelt und sagt: "Deutsch. . . schwer." Vor drei Monaten wusste Amin nicht einmal, wo Deutschland liegt. Heute stellt sich der Syrer in München seiner bisher größten Verantwortung. Für seine Familie.

Der Syrer Amin lebt derzeit in München, wo sein Cousin und seine Cousine, die bei einem Anschlag in Homs lebensgefährlich verbrannt wurden, im Haunerschen Kinderklinikum liegen. Hier muß er sich mit Hilfe von Bildern und Wörterbüchern verständigen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Amin ist 30 Jahre alt und lebt in Syrien - eigentlich. Noch bis vor wenigen Monaten hat er als Elektriker in der umkämpften Stadt Homs gearbeitet. Anfang des Jahres floh Amin aus seiner Heimat ins Nachbarland Libanon. Weil die Armee seine Heimatstadt beschießt und weil er nicht als Reservist eingezogen werden wollte. Seinen Nachnamen möchte er nicht nennen. "Man ist dort ständig auf der Flucht, von Straße zu Straße - aus Angst umzukommen", sagt Amin auf Arabisch. Jetzt lernt er eine neue Sprache mit unbekannten Schriftzeichen. Doch nicht für sich, sondern um seiner Cousine Hanadi, 12, und ihrem Bruder Ahmad, 17, ein Dolmetscher zu sein. Sie sind in Syrien schwer verbrannt. Jetzt werden sie in der Hauner'schen Kinderklinik in München behandelt.

Wie die beiden Jugendlichen - und somit Amin - nach Deutschland kamen, ist eine Geschichte voller Tragik, Zufall und Hoffnung. Sie beginnt am 13. März 2012: Hanadi und Ahmad werden Opfer eines Granatangriffs auf ihr Elternhaus - als in der Küche neben ihnen der Gaskocher explodiert, verbrennen ihre Körper. Oppositionelle bringen die Kinder nachts auf Schleichwegen nach Libanon. Die Eltern bleiben zurück, sie vermissen zu diesem Zeitpunkt zwei weitere Kinder.

Genau eine Woche später trifft ein deutscher Reporter während seiner Recherche nach syrischen Flüchtlingen in einem Krankenhaus in Libanon auf die Kinder. Von den Ärzten erfährt er, dass Hanadi und Ahmad dort wahrscheinlich sterben würden. Bei dem Jungen haben die Flammen die Hälfte der Haut zerstört, bei dem Mädchen sind es fast drei Viertel. Sie benötigen spezielle Hautverpflanzungen. Der Reporter nimmt Kontakt nach Deutschland auf und setzt eine beispiellose Rettungsaktion in Gang: Eine Münchnerin und zwei Ärzte überwinden gemeinsam binnen zwei Wochen diplomatische Hürden und organisieren den Transport der Kinder bis nach München. Seitdem behandelt ein Spezialisten-Team die Brandwunden.

Schon in Libanon kümmert sich Amin um seine verletzten Familienmitglieder. Als er erfährt, dass die Kinder in einem libanesischen Krankenhaus liegen, reist er so schnell es geht zu ihnen. Wegen der hohen Infektionsgefahr kann er sie zunächst nur durch eine Glasscheibe sehen. "Das war unerträglich für mich", erzählt Amin. Seine Stimme zittert, in seinen Augenwinkeln sammeln sich Tränen.

In den folgenden Wochen verbringt Amin viel Zeit bei Hanadi und Ahmad. Er reicht ihnen Essen, hilft, so gut es eben geht auf einer Intensivstation. Bevor die Kinder am 31. März mit einem Spezialflugzeug nach Deutschland gebracht werden, fragt Ahmad seinen Cousin: "Und wer geht mit uns?" Ohne zu zögern antwortet Amin: "Ich gehe mit." Amin bekommt eine Generalvollmacht. Er soll über die Behandlungen in Deutschland entscheiden.

Eine Woche später sitzt Amin zum ersten Mal in seinem Leben in einem Flugzeug. Dass er nach Deutschland reisen kann, ist nicht selbstverständlich: Als Flüchtling hat er keine gültigen Papiere. Als er in Frankfurt zwischenlandet, verlangt die Polizei seinen Pass. "No english" - Amin kann nur immer mit den Schultern zucken. Die Polizisten halten ihn fest, trotz eines Vermerks der Deutschen Botschaft im Pass, dass er zwei schwer verletzte Flüchtlinge begleitet. "Ich habe mir Sorgen gemacht wegen meines Anschlussflugs", erinnert sich Amin. Dass es noch eine Stunde früher ist als in Libanon, weiß er nicht. Zeitzonen, so etwas kennt er nicht.

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