"Vögel brauche er, Fische / mit Menschen aber / habe er's schwer ..." - Mit diesen Gedichtzeilen begann vor knapp einem Jahr (SZ vom 14.2.2019) unser SZ-Text über die Wolfgang-Bächler-Tagung im Münchner Lyrik Kabinett. Einen schönen Anfang, den die Autorin (sie schrieb auch diesen Artikel hier) da ausgewählt hatte - er hatte nur einen Fehler: Das auf der Tagung zitierte Gedicht hat nicht der Münchner Lyriker geschrieben, sondern Wolfgang Kunz, ein 2006 verstorbener Augsburger Dichter. Doch nicht ihm, sondern Bächler haben die beiden Herausgeber der "Gesammelten Gedichte", 2012 im S. Fischer-Verlag erschienen, die Verse zugeschrieben und auf Seite 349 gedruckt.
Die Einzige, der der Fehler auffiel, war Barbara Woeste. Sie betreibt in Augsburg das Antiquariat Lesekauz. Kunz, ein Literaturbesessener, war ein guter Kunde, einer, mit dem sie gern auch über Bücher redete. Als er 2006 starb, baten sie seine Angehörigen, sich um seinen literarischen Nachlass zu kümmern. Keine leichte Aufgabe, denn Kunz, 1945 in Memmingen geboren, hat einiges geschrieben, mehrere Bücher veröffentlicht und für seine Lyrik auch Preise erhalten. Nach Jahren als Dramaturg am Berner Stadttheater war er 1979 als Dramaturg an die Städtischen Bühnen Augsburgs gekommen, wurde, zehn Jahre später, zum ersten Literaturbeauftragten der Stadt.
Barbara Woeste holt alle seine Bücher auf den kleinen Tisch in ihrem Laden, zählt auf, was unvollendet oder unveröffentlicht blieb. Und sie bringt die Neue Rundschau, die Hauszeitung des S. Fischer-Verlags, in der das Kunz-Gedicht, um das es hier geht, im Heft 4 des Jahres 1988 erstmals erschienen ist. Gemeinsam mit drei weiteren übrigens, die ebenfalls in den "Gesammelten Gedichten" Bächlers gelandet sind, wenn auch in geänderter Reihenfolge. Das zitierte Gedicht trägt im Original den Titel "Wolfgang Bächler". Das hätte die Herausgeber doch irritieren müssen, findet Barbara Woeste. "Er hätte doch wohl kaum ein Gedicht nach sich selbst betitelt." Sie hat sich viele Gedanken darüber gemacht, wie es zu dem Irrtum kommen konnte. Kunz kannte Bächler wohl persönlich, sei mit ihm immer wieder in Kontakt gewesen, ob schriftlich oder persönlich, glaubt die Nachlassverwalterin. Vielleicht habe er Bächler die Gedichte übergeben oder per Post geschickt, mutmaßt sie. Vielleicht habe der Münchner Dichter (1925 - 2007), bekannt für unvorstellbares Chaos in der Wohnung, sie ohne Anschreiben zu den eigenen Papieren gelegt.
Nichts davon stimmt. Die Auflösung ist viel banaler. Eine "echt peinliche Sache", sagt Jürgen Hosemann, einer der Herausgeber und Lektor im S. Fischer-Verlag. "Unglaublich schmerzhaft, es gibt bloß einen einzigen Schuldigen: mich." Er habe keine Ausrede, keine Entschuldigung. Hosemann war auch nie in Bächlers Wohnung. "Wie es dort aussah, weiß ich nur durch Katja Bächler." Die Nichte des Dichters ist die zweite Herausgeberin. Der Fehler ist im Lektorat passiert. Hosemann hatte sich alle Bächler-Texte aus dem elektronischen Archiv des Verlags ausdrucken lassen, Prosa und Lyrik aus 30 Jahren. In dem Stapel fand sich auch die Einzelseite aus der Neuen Rundschau. "Die Überschrift ,Wolfgang Bächler' hielt ich für den Autorennamen, der über dem Gedichttext steht." Dass bei dieser Annahme dann der Titel fehlte, irritierte ihn nicht, schließlich verzichtete Bächler oft auf einen solchen. Hosemann erkannte einige Zeilen sofort wieder. Der Poet hatte in dem kurzen Prosatext "Unter den Menschen" geschrieben: "Ich kann ohne Hunde und Katzen leben. Vögel brauche ich, Fische brauche ich, Menschen brauche ich. Aber mit Menschen habe ich's schwer." Genau jene Zeilen also, die Kunz, verkürzt und in die indirekte Rede übertragen, übernommen hatte. Auch die Schlusszeile "ausbrechen in die Freiheit des Schweigens" findet sich exakt im Bächler-Gedicht "Ausbrechen" wieder. Und da Hosemann weiß, dass der Dichter seine Werke oft überarbeitete, vieles in verschiedenen Versionen existiert, wunderte ihn auch das nicht. Stilistisch und vom Gestus her passte das Gedicht jedenfalls in dessen Œuvre. "Ich war überzeugt, es ist ein Bächler."
Dem ersten Gedicht folgten auf seinem Schreibtisch aber drei weitere Einzelblätter, alle drei Ausdrucke aus der Rundschau, in der immer wieder auch Bächler-Gedichte erschienen waren. "Ohne nachzurecherchieren habe ich sie den ,Verstreut veröffentlichten Gedichten' zugeordnet." Das ist erstaunlich. In der Originalreihenfolge im Magazin steht auf Seite 82 über dem ersten Gedicht mit der Überschrift "Unbekannter Soldat" in großen Lettern Wolfgang Kunz, darunter prangt der allen vier Gedichten übergeordnete Titel "Kartenlesend". Auch dafür fand Hosemann eine Erklärung: Kunz musste ein Pseudonym Bächlers sein. So steht es jetzt jedenfalls in den Anmerkungen auf Seite 388 und 389 der "Gesammelten Gedichte".
So etwas sei ihm in den 20 Jahren als Lektor noch nie passiert, sagt Hosemann. Aber er hätte es noch schlimmer gefunden, wenn der Fehler nicht ans Licht gekommen wäre. Schließlich handle es sich bei dem Band um eine bleibende Referenzausgabe und die sollte möglichst fehlerfrei sein. "Wir werden das korrigieren." Im E-Book sofort. In der Druckausgabe wird ein Errata-Zettel beigelegt, auch wenn das aufwendig und teuer ist.
Den schriftlichen Nachlass Wolfgang Kunz' hat Woeste nach Pappenheim gegeben an die "Gesellschaft der Niederländter", eine Vereinigung, die laut Internetseite Geselligkeit im Freundeskreis mit der Ausübung künstlerischer Tätigkeiten verbindet. Kunz war dort jahrelang Mitglied, hat seine wertvolle Bibliothek auch der Gesellschaft vermacht. Auf der Internetseite des Stadtarchivs Pappenheim ist zu erfahren, der Nachlass Kunz' sei inzwischen gesichtet, die Bücher vor 1971, darunter viele Erstausgaben, würden in das Stadtarchiv integriert. Ziel sei es, diese gut 4000 Bücher umfassende Sammlung schrittweise über das Internet recherchierbar und für die Forschung nutzbar zu machen.
In Pappenheim ist Kunz auf seinen Wunsch hin auch beerdigt; sein Grab ist mit einem aufgeschlagenen Buch und einer Eule gestaltet. Vielleicht hätte es ihn sogar sehr amüsiert, dass seine Gedichte in einer Bächler-Ausgabe veröffentlicht worden sind.