Neues Konzept So will München die Zahl der Verkehrstoten auf Null reduzieren

Auf diese Weise links abzubiegen an der Lindwurmstraße ist für Radfahrer nicht ungefährlich und auch nicht so gedacht.

(Foto: Florian Peljak)
  • Der Stadtrat hat ein neues Verkehrssicherheitskonzept entwickelt, die sogenannte "Vision Zero"
  • Ziel ist, dass es keine Verkehrstoten mehr auf den Straßen der Landeshauptstadt geben soll.
  • Das KVR hat nun ein Maßnahmenbündel erarbeitet, das den ersten Schritt bilden soll.
Von Andreas Schubert

Spiegeln an Ampeln, mehr Sicherheit an Baustellen und auf Schulwegen: Mit einem neuen Konzept zur Verkehrssicherheit will die Stadt die Zahl der Verkehrstoten möglichst auf Null reduzieren. Diese "Vision Zero" hat der Stadtrat bereits im April beschlossen. Jetzt hat das Kreisverwaltungsreferat (KVR) ein Maßnahmenbündel erarbeitet, das den ersten Schritt zu mehr Verkehrssicherheit bilden soll. Diesen Dienstag stimmt der Kreisverwaltungsausschuss darüber ab.

Es geht dabei noch nicht darum, welche konkrete Kreuzung umgebaut oder welche Ampel eventuell anders geschaltet werden muss. Dazu bräuchte es gegebenenfalls eigene Beschlüsse. Die Vorlage soll die Verwaltung aber damit beauftragen, die Vorarbeit zu leisten. So soll zunächst untersucht werden, wo Baumaßnahmen nötig sind oder auf welchen Straßen das Tempo gedrosselt werden muss.

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Gerade die Radler haben an vielen Orten in der Stadt ein Problem: Viele Radwege sind sehr schmal und zum Beispiel durch einen Grünstreifen von der Autofahrbahn abgetrennt. Das kann spätestens an einer nächsten Kreuzung dazu führen, dass abbiegende Autos die Radfahrer übersehen. Dazu kommt noch, dass vielerorts Autofahrer illegal viel zu nahe an Kreuzungen parken und somit zusätzlich die Sicht auf die Radler versperren. Da die Stadt laut Kreisverwaltungsreferat nicht so viel Personal hat, um dies ständig kontrollieren zu können, schlägt die Behörde auch hier bauliche Maßnahmen vor, zum Beispiel, indem die Fahrbahn mit sogenannten Gehwegnasen an kritischen Stellen so verengt wird, dass hier niemand mehr stehen bleiben kann, ohne den restlichen Verkehr zu behindern.

Da gerade Lastwagenfahrer ein Problem haben, beim Rechtsabbiegen Radfahrer zu sehen, kommt es immer wieder zu tödlichen Unfällen. Noch immer verfügen viele Laster nicht über Tote-Winkel-Assistenten, die Leben retten könnten. Eine Möglichkeit, die Sicht auf den Radverkehr zu verbessern, könnten sogenannte Trixi-Spiegel sein. Das sind spezielle Spiegel, die an Ampeln angebracht werden und den Lkw-Fahrern die Sicht in den toten Winkel ermöglichen sollen. Benannt sind die Spiegel nach der Tochter des Erfinders, die selbst von einem abbiegenden Lastwagen überrollt wurde, den Unfall zwar überlebte, aber seither im Rollstuhl sitzt. 100 solcher Spiegel sollen nun versuchsweise an Knotenpunkten angebracht und deren Nutzen soll untersucht werden.

Besonders kritisch sind für Radler auch Baustellen, bei denen der Verkehr anders geführt wird. Mehr als 25 000 Baustellen gibt es jedes Jahr auf öffentlichen Straßen. Und so mancher Bauherr versäumt es, die Baustelle ordnungsgemäß zu sichern, sei es, weil die Beschilderung falsch ist oder die Baustellenfläche größer und die Verkehrsfläche kleiner ist als genehmigt. Hier wünscht sich das KVR mehr Personal, das die Baustellen besser überwacht - elf Stellen bräuchte es nach Angaben der Behörde dafür.

Fast 20 000 Unfälle mit Personenschaden im Jahr

Dass Handlungsbedarf besteht, ist schon seit Längerem klar. 20 Menschen kamen dieses Jahr bislang im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums München ums Leben. Dieses Frühjahr starb unter anderem ein neunjähriges Mädchen, das von einem nach rechts abbiegenden Lastwagen überrollt wurde, als es mit dem Fahrrad über eine Kreuzung fahren wollte. Laut einer im März veröffentlichten Studie passierten zwischen den Jahren 2010 und 2014 durchschnittlich jährlich 18 150 Verkehrsunfälle im Stadtgebiet, die einen Personenschaden oder einen Sachschaden mit einem Bußgeld zur Folge hatten.

Dazu kommen 26 200 Unfälle mit Sachschaden, sogenannte Kleinunfälle. Das KVR will diese Unfalldaten künftig schneller sammeln und analysieren können und sich die dafür nötige Software anschaffen. Damit wäre dann zum Beispiel eine Verkehrssicherheitskarte mit Unfallschwerpunkten und den Unfallursachen möglich. Weil viele Unfälle, gerade mit Radlern, gar nicht von der Polizei erfasst werden, will die Stadt künftig auch mit Kliniken und Notärzten kooperieren, versuchsweise zunächst für fünf Jahre.

Weiter sollen sich KVR, Bau- und Planungsreferat, Polizei und Münchner Verkehrsgesellschaft sechs Mal im Jahr zusammensetzen und sich in allen Fragen der Verkehrssicherheit abstimmen. Eine solche Zusammenarbeit ist deshalb sinnvoll, da mit dem Verkehr in der Stadt stets mehrere Referate befasst sind und es - noch - kein eigenes Verkehrsreferat gibt, in dem alle Verkehrsthemen zentral behandelt werden. Dabei wird es auch um die Schulwegsicherheit gehen, die ständig bewertet und intensiviert werden soll.

Für all die Maßnahmen sollen 2019 fünf neue Stellen und 2020 dann 17 weitere geschaffen werden. Doch auch wenn die Stadt noch so viel unternimmt, um die Zahl der Unfälle zu reduzieren, so sind letztlich auch die Verkehrsteilnehmer mit ihrem Verhalten für mehr Sicherheit verantwortlich. Eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit soll sie alle zu mehr Rücksichtnahme bewegen.

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