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Verkehrsproblem der Allianz Arena:Der ungeliebte Nachbar

Die großen Fußballfeste in der Münchner Fußball-Arena haben ihre Schattenseiten: Freimanner finden keine Parkplätze mehr und Stadiongäste stehen stundenlang im Stau.

Laura Bohlmann und Martin Jäschke

"Passen Sie auf, das ist eine Piss- und Kotzstelle!" Franz Obst deutet auf einen Stromkasten am Gehweg, das Pflaster ringsum ist feucht und fleckig. Gerade läuft die zweite Halbzeit des Champions-League-Halbfinales, Bayern München gegen Real Madrid. Für Obst bedeutet das Aufregung. Wieder einmal. Aber nicht etwa, weil er am Fernseher verpasste Torchancen mitverfolgt. Vielmehr, weil der Vorsitzende der Mietergemeinschaft Burmester-/Bauernfeindstraße einen abendlichen Rundgang durchs Viertel macht. Überall Falschparker.

MUENCHEN: Allianz-Arena / Parkplatzchaos etc

Parkplatzchaos beim Spiel des FC Bayern gegen Real Madrid: Die Verkehrssituation nach den Bayernspielen ist oft sehr unübersichtlich und chaotisch.

(Foto: Johannes Simon)

Obsts Problem: die Arena. Sie steht nur 1,5 Kilometer nördlich der Burmesterstraße. Und wie immer bei größeren Fußballspielen herrscht Parkchaos in den angrenzenden Siedlungen. Denn die Fußballfans suchen kostenlose Parkplätze, von denen sie nach dem Spiel schnell wegkommen. Unter Insidern gilt die Burmesterstraße als Top-Adresse. "Die Leute von auswärts kommen teils schon um 11.30 Uhr, parken hier ihr Auto und fahren mit der U-Bahn wieder weg. Damit sie abends das Parkhaus umgehen. Das sind Hunderte, Tausende."

Ein Anwohner, der seinen Hund ausführt, erzählt, dass er seinen Tagesablauf anders plant, wenn Spiele sind. "Samstags beim Einkaufen denkt man schon daran, dass man nicht zu spät fährt." Sonst sind die Parkplätze weg.

Franz Obst sagt, er habe nichts gegen Fußballfans. Ihn ärgern Autofahrer, die ihre Wagen vor seiner Tür abstellen, mitten auf der Straße oder auf dem Gehweg. "Der Golf da", sagt er und zeigt auf einen roten VW mitten in einer Kreuzungskurve, "der steht da mindestens schon seit 17.30 Uhr - und kein Ticket dran!" In 50 Metern Umkreis findet Obst mehr als ein Dutzend Falschparker. Nur bei einem steckt ein Strafzettel hinter dem Scheibenwischer.

Obst sagt, die Polizei im Viertel gehe stets rigoros gegen Falschparker vor - nur während der Fußballspiele nicht. Er erzählt von einem gehbehinderten Nachbarn, der kurz mit Warnblinker an der Straße stand, um sein Auto zu entladen und sofort von der Polizei zum Wegfahren aufgefordert wurde. "Mir stinkt, dass diese Inkonsequenz durchgezogen wird. Beim Fußball werden nicht ein oder zwei, sondern 37 Augen zugedrückt!"

Polizeisprecherin Claudia Künzel kann den Ärger der Anwohner verstehen. "Das ist ein ganz schwieriges Thema, das Problem ist uns bekannt." Die Beamten versuchten, während der Spiele so gut wie möglich in den Wohngebieten zu kontrollieren. Am Dienstag hätten die Kollegen insgesamt 160 Strafzettel an Falschparker ausgestellt. Ein Wagen in der Burmesterstraße sei abgeschleppt worden. Von den 318 zum Champions-League-Spiel eingesetzten Beamten könnten sich aber nur rund 20 um die Parkprobleme kümmern, und das auch nur während der Spielzeit. "Man kann natürlich verwarnen, verwarnen, verwarnen", so Künzel. "Aber ich fürchte, eine endgültige Lösung wird es nicht geben."

Absolute Fehlplanung, absolute Fehlplanung." Peter Schmidt zieht kräftig an seiner Zigarette und schüttelt mit dem Kopf. Aus der Frontscheibe seines Busses betrachtet er das Stadiongelände. Heute hat er freie Sicht auf die Ausfahrt des Busparkplatzes. "Nur wenn du hier auf der Pole Position stehst, kommst du schnell raus", erklärt er. Früh da sein müsse man dafür, die Polizisten überlisten und nach links rüberfahren. Wer hinten steht, wartet nach Spielende bis zu eineinhalb Stunden. "Warum gibt es für die Fußgänger keine Unterführung oder Brücke? So ist immer Chaos", schimpft Schmidt. Wenn die Fans zu ihren Autos strömen, blockieren sie die Straße.

Der Busfahrer fährt oft zu Fußballspielen und weiß, wie es anderswo geregelt wird. "In Italien werden die Busse von Mailand bis zum Gardasee von der Polizei eskortiert. Hier ist das einfach fehlgeplant", sagt er, und zündet sich noch eine Zigarette an.

Schmidts Kollegen vertreten sich die Beine oder essen eine Wurst bei Andrea Trost. Sie steht im "Arenagrill" und verkauft Bratwurst in der Semmel. "Heute war Wahnsinn", sagt sie. So viele Bratwürste seien lange nicht mehr über den Tresen gegangen. Den Verkehr hat sie von ihrer Grillbude aus gut im Blick. "66 000 Leute müssen ja irgendwo hin." Während der jüngsten zwei Spiele sei es aber noch chaotischer gewesen als sonst.

Ein Grund: Die Allianz-Arena hat den Parkplatz Mitte gesperrt, er wird für das Champions-League-Finale am 19. Mai umgebaut. Die Uefa stellt dort Event-Zelte und Unterkünfte auf. "Die 136 Busse, die dort eigentlich parken, werden auf eine Fläche vor dem Deutschen Theater umgeleitet", sagt Markus Hörwick, Pressesprecher des FC Bayern München. Es gebe zwar ein höheres Verkehrsaufkommen im Süden, "aber keine Komplikationen." Damit müsse man jetzt leben.

Als gegen 22.30 Uhr abgepfiffen wird, eilen vor dem Stadion schon die ersten Fans zu ihren Autos. Sie wollen möglichst schnell nach Hause. Vor dem Park-and-Ride-Parkhaus stellt Sybille Zimmermann mit ihren Mitarbeitern Warnhütchen auf. "Die Polizei will die Leute heute nur in eine Richtung abbiegen lassen. Sonst gäbe es hier gar kein Problem", erklärt sie. Bevor die ersten Heimfahrer die Ausfahrt verlassen, muss die Fahrtrichtung geregelt sein. Die Ordner in den gelben Jacken werden hektisch.

Die ersten Autos rollen an, der Kontrolleur an der Kasse stoppt sie nur mit Mühe. "Die wissen, dass es gleich eng wird, darum drücken sie aufs Gas", sagt Zimmermann. Wie auf Kommando heult der Motor eines schwarzen Sportwagens auf, der Wagen rast um die Kurve.

Jetzt strömen die Massen aus dem Stadion in Richtung Parkhaus, Busparkplatz und Taxistand. Eine blau-weiß-rote Fanwelle schwappt über das Areal. Verkehrsregeln oder Bürgersteige beachtet niemand. Die Taxifahrer haben Mühe, sich ihren Weg durch die Masse zu bahnen. Sie hupen lang und fahren aggressiv auf zwei Spuren gleichzeitig los. Als sie durch sind, ohne jemanden umzufahren, applaudiert eine Taxifahrerin hinter ihrem Steuer.

Vor dem Parkhaus steht der Verkehr nun komplett, weil sich auch die ersten Busse in Bewegung gesetzt haben. In der fünften Ebene warten die Fans und beobachten das Treiben unter ihnen.

1280 Autos müssen raus, das dauert. Ein Fan steht mit seinem Wagen immerhin schon in der Schlange nach unten. Den Motor hat er ausgestellt. "Uns bleibt nichts übrig, als zu warten. Aber das wissen wir ja, wenn wir herkommen", sagt er. Die anderen scheinen das ähnlich zu sehen. Sie diskutieren über das Spiel, essen Brezen, trinken Bier. Hier oben herrscht Gelassenheit - auch wenn unten Verkehrschaos herrscht.

© SZ vom 19.04.2012/ehm
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