Süddeutsche Zeitung

Verkehr:So läuft's im Luise-Kiesselbach-Tunnel

Seit einem Jahr fließt der Autoverkehr - die Arbeiten aber sind längst nicht abgeschlossen, vor allem an der Oberfläche. Das liegt auch an einem weiteren Großprojekt.

Den 20. Jahrestag angemessen zu feiern, das hat Michael Haberland "schlicht vergessen", wie er sagt. Dabei kann er sich noch gut an den 23. Juni 1996 erinnern, den Tag des Bürgerentscheids, bei dem die Mehrheit der Münchner Wähler für drei neue Tunnel am Mittleren Ring votierten.

Damals stand der Unternehmer im Foyer des Kreisverwaltungsreferats an der Ruppertstraße, wo die Ergebnisse aus den Wahllokalen einliefen. Am Ende feierten die Tunnel-Befürworter, unter ihnen Haberland. "Das lange Gesicht von OB Ude damals werde ich nie vergessen." Heute ist Haberland Präsident des Automobilklubs "Mobil in Deutschland". Und einer der größten Tunnel-Fans.

Fast täglich, sagt Haberland, fahre er durch die neuen Röhren unter dem Luise-Kiesselbach-Platz und der Garmischer Straße ins Büro. Der "Tunnel Südwest", wie die Stadt ihn nennt, wurde als letztes der drei damals beschlossenen Bauwerke in Betrieb genommen, vor knapp einem Jahr, am 27. Juli 2015.

Nach einigen Anlaufschwierigkeiten habe sich der Verkehr dort einigermaßen eingespielt - das findet zumindest Alexander Kreipl, der verkehrspolitische Sprecher des ADAC Südbayern. Und Haberland ist kaum zu bremsen in seiner Euphorie: "Sensationell gut" sei das Bauwerk geworden. "Ich jedenfalls bin froh, dass es den Tunnel gibt."

Dabei sind die Bauarbeiten noch immer nicht abgeschlossen. Nachdem der Verkehr weitgehend unter die Erde verlagert wurde, gingen die Ingenieure die Oberfläche an. So sind in der Garmischer Straße schon seit Längerem die Betoneinfassungen für die künftige Hochpromenade in der Straßenmitte zu sehen.

Dort werden voraussichtlich noch in diesem Jahr Bäume gepflanzt, Wege angelegt und Bänke errichtet. Auf dem Heckenstallertunnel wird nun kräftig gebaut. Dort entsteht ein neuer Park mit Grün- und Spielflächen.

Auch auf dem Luise-Kiesselbach-Platz dröhnt noch der Baustellenlärm. Zuletzt hatte das Baureferat dort noch eine Zufahrtsrampe von der Murnauer Straße aus in den Heckenstallertrog errichten müssen. Seit diese freigegeben wurde, können die Arbeiter nun die Linksabbiege-Möglichkeit aus dem Heckenstallertrog heraus in die Murnauer Straße fertigstellen.

Deshalb werden derzeit die Autos einspurig an der Stelle vorbeigeführt. Bis Anfang August wird das Ganze fertig sein, versichert Christian Zechmeister vom Baureferat. Stück für Stück arbeite man sich voran.

An diesem Wochenende zum Beispiel wird die Ausfahrt aus der westlichen Tunnelröhre heraus zur Waldfriedhofstraße für den Autoverkehr noch einmal komplett gesperrt - und zwar von Freitagabend bis Montagfrüh. Dann werden Arbeiter die endgültige Straßenlage fertigstellen mitsamt aller Abbiegespuren, etwa in die Waldfriedhofstraße hinein. In den Sommerferien wird zudem die Kreuzung mit der Ehrwalder beziehungsweise zur Treffauerstraße angepasst - dort ist während der Bauzeit ein Einbiegen von der Garmischer Straße aus in die Seitenstraßen nicht möglich.

Radfahrer und Fußgänger aus den angrenzenden Vierteln beklagen immer wieder die provisorische Verkehrsführung. Und auch Autoklub-Chef Haberland findet, "dass die Nacharbeiten nach der pünktlichen Tunneleröffnung etwas schleppend vorangehen".

Kritik am Tempolimit

Ansonsten aber gibt es viel Lob für den Tunnel. ADAC-Mann Kreipl zum Beispiel ist der Ansicht, dass das Bauwerk "aus Sicht der Anwohner auf jeden Fall gelungen ist". Auch der Verkehr laufe flüssiger, wenngleich er die Verwaltung auffordert, "die Entwicklung weiter zu beobachten und gegebenenfalls an kleineren Stellschrauben zu drehen". Was das denn konkret sein könnte? Da fällt auch dem ADAC-Sprecher nicht viel ein.

So hat er zwar festgestellt, dass es aus dem Trappentreutunnel heraus Richtung Süden immer wieder Stauprobleme gibt. Auf Höhe der Tankstelle kurz vor dem Abzweig zur Lindauer Autobahn verflechten sich diverse Fahrspuren - "dort ist es schon kritisch", sagt Kreipl. Die Abbiegespur zur Lindauer Autobahn ist aber bereits zweispurig, "eine dritte Spur geht da definitiv nicht".

Autofahrer bemängeln zudem immer wieder, dass die Stadt die Geschwindigkeitsbeschränkungen im Tunnel zu restriktiv handhabe. Tempo 40 oder gar Tempo 30 auf der Abfahrtsrampe von der Garmischer Autobahn kommend in Richtung Norden - das leuchtet manchem nicht ein. Entsprechend oft tappen Autofahrer in eine der 30 Radarfallen im Tunnel, allein im Mai wurden 13 000 Temposünder geblitzt.

Eng wird es auf dem Ring in Fahrtrichtung Norden immer wieder kurz vor der Donnersbergerbrücke. Dort hatte zwar die Stadt auf Antrag der CSU eine dritte Spur aus dem Trappentreutunnel heraus angelegt - doch auch die läuft mehr und mehr zu.

Die Zahl der Fahrzeuge zum Trappentreutunnel hin hat sich nach ersten Zählungen des Kreisverwaltungsreferats nach Fertigstellung des Tunnels um etwa 23 Prozent erhöht. Am anderen Ende des Tunnels, in Richtung Candidtunnel, hat der Verkehr dagegen kaum zugenommen. Nur knapp ein Prozent mehr Autos sind unterwegs - zu größeren Staus kommt es aber dennoch auch dort immer wieder.

Für Tunnel-Fan Haberland ist daher selbstverständlich, dass weitere Autoröhren bald kommen müssen. An der Landshuter Allee, an der Tegernseer Landstraße, vor allem im Englischen Garten - "da muss dringend etwas gemacht werden", sagt er. ADAC-Sprecher Kreipl indes dämpft die Erwartungen: Ein neuer Tunnel in der Landshuter Allee würde zwar die Belastungen der Anwohner durch Schmutz und Lärm mindern, sagt er: "Eine wesentliche Verbesserung des Verkehrsflusses erreicht man dadurch aber nicht."

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SZ vom 13.07.2016/hmai
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