Verkehr Kinder erziehen ihre Eltern

Aktionswoche gegen die morgendliche Auto-Rallye vor Münchens größter Grundschule an der Rotbuchenstraße: Vätern und Müttern, die ihre Söhne und Töchter zum Unterricht chauffieren, werden Alternativen aufgezeigt - bis hin zur "Pfiati-Bussi"-Zone

Von Julian Raff, Harlaching

"Zur Schule gehen" viele Kinder nur noch im Sinne einer Redensart, deren Bedeutung sich mittlerweile in Auspuffschwaden und Blechlawinen verliert. Auch in der kleinen Straße "Am Hollerbusch" stauen sich an einem schönen, kalten Februarmorgen die meist wuchtigen Pkw auf ganzer Länge und prägen das Bild mehr, als Mädchen und Buben, die zu Fuß unterwegs sind. Wirklich unschöne oder gefährliche Szenen bleiben zwar aus, allerdings geht es, wie die Schulweghelferinnen versichern, im Hochwinter auch etwas ruhiger zu als etwa an Regentagen. Ulrike Winter, Leiterin der Grundschule an der Rotbuchenstraße, beobachtet eigenen Aussagen zufolge regelmäßig "haarige Situationen" an den Schulbushaltestellen und am Zebrastreifen davor, den Eltern regelmäßig mit ihren Fahrzeugen blockierten.

Nichts geht mehr: Weil Eltern meinen, ihre Kinder morgens mit dem Auto zur Grundschule an die Rotbuchenstraße bringen zu müssen, bricht dort regelmäßig das Chaos aus.

(Foto: Robert Haas)

Die "Rotbuchenschule" ist in München natürlich nicht das einzige Ziel einer morgendlichen Pkw- und SUV-Rallye. Allerdings kommt hier einiges zusammen, um das Chaos komplett zu machen: Die mit rund 700 Kindern größte Grundschule Münchens grenzt direkt an das von gut 900 Schülern besuchte Theodolinden-Gymnasium (TLG) an. Zusammen mit einem großen Hort und zwei Kitas bildet sie ein regelrechtes Bildungs- und Betreuungszentrum für Giesing und Harlaching - das allerdings nie als solches konzipiert worden ist. Vielmehr wuchs der Komplex seit den 30er Jahren in die engen Neuharlachinger Straßen hinein. Der Schulsprengel reicht im Süden bis an die fast vier Straßenkilometer entfernte Südspitze Harlachings, von wo aus die meisten Eltern in der Früh ohnehin per Pkw ins Stadtgebiet fahren. Auf der westlich angrenzenden Wiese entsteht außerdem gerade das Fundament für einen provisorischen Schul- und Kita-Erweiterungsbau. Autos und Schulbusse kommen sich nun auch noch mit den Baufahrzeugen in die Quere.

Um den Verkehr zu bändigen, aber auch aus gesundheits- und verkehrspädagogischen Gründen, haben Schulleitung, Lehrer, Elternbeirat und Polizei nun eine Aktionswoche "Schulweg zu Fuß" vorbereitet.

(Foto: Robert Haas)

Um den Verkehr zu bändigen, aber auch aus gesundheits- und verkehrspädagogischen Gründen, haben Schulleitung, Lehrer, Elternbeirat und Polizei nun eine Aktionswoche "Schulweg zu Fuß" vorbereitet, die am Montag, 18. Februar startet, in erster Linie als Mitmachspiel für die Kinder: Wer zu Fuß geht, und sei es nur aus der nächsten Umgebung oder vom Süd-Harlachinger Elternhaus zur Schulbus-Haltestelle, der bekommt einen kleinen grünen Klebepunkt. Rund 3500 Punkte sollen am Ende der Woche (oder notfalls etwas später) ein großes, rotes, verdrossenes Gesicht in einen grünen Smiley verwandeln. Das Ganze werde ein wenig nach dem Motto "Kinder erziehen ihre Eltern" laufen, hofft Schulleiterin Winter. Wo das nicht reicht, werden außerdem Mitglieder des Elternbeirats während der Aktionswoche die Eltern-Chauffeure gezielt ansprechen.

Eine Aktionswoche will die Erwachsenen zum Umdenken veranlassen und zeigt Alternativen auf.

(Foto: Robert Haas)

"Wir sind nicht auf Krawall gebürstet", versichert Elternbeirat Michael Schwabe. Aufs konstruktive, sachliche Gespräch unter Erwachsenen setzt die Schule nach den schlechten Erfahrungen mit einer früheren Aktion, als Kinder nett gestaltete "Strafzettel" an Autofahrer verteilten und sich dafür "Unsäglichkeiten an den Kopf werfen lassen mussten", so Winter. Damals wie heute liegt mancher Nerv blank, gerade weil es Eltern halt praktisch finden, Arbeits- und Schulweg zu verbinden und so ihre Kinder unabsichtlich in den eigenen Stress hineinziehen.

Zu Fuß Punkte sammeln

Das "Eltern-Taxi" ist kein Problem speziell der Rotbuchenschule, das Phänomen lässt sich frühmorgens vor vielen Schulen in der ganzen Stadt beobachten. Appelle von Schulleitung oder Elternbeirat fruchten meist wenig. Um den mitunter katastrophalen Hol- und Bringverkehr einzudämmen, hat etwa die Maria-Ward-Grundschule im Schloss Nymphenburg im November 2017 die Aktion "Autofrei" gestartet. Jedes Kind, das zu Fuß kam, konnte Klebepunkte sammeln. Am Ende des Monats wurde dann die "Autofrei-Klasse" gekürt und mit einem Pokal - einem vergoldeten Turnschuh - ausgezeichnet. An einigen Tagen haben sich Buben und Mädchen, begleitet von einem Erwachsenen, zudem auf jedes herbeirollende Auto gestürzt und die chauffierenden Eltern gebeten, ihr Kind doch zu Fuß oder mit dem Roller zur Schule kommen zu lassen.

Auch vor der Waldorfschule in Daglfing haben sich unlängst Schülerinnen und Schüler wochenlang morgens auf die Straße gestellt, um gegen die Chauffiererei zu protestieren, mit Pappschildern mit Aufschriften wie "SUV? Nein danke". Es ging den Jugendlichen dabei vor allem um den Klimaschutz. Zuletzt blockierten sie die Einfahrt zum Parkplatz vor der Schule, um die Mitschüler dazu zu bringen, S-Bahn zu fahren - so lange, bis die Schulleitung den Protest unterband. Das Prinzip "Schulameisen" der Rotbuchenschule ist auch unter "Bus mit Füßen" bekannt, in München vom Verein Green City angestoßen: Kinder laufen gemeinsam, in Begleitung eines Elternteils, zur Schule. son

Dabei kann die Elterngruppe um Schwabe zahlreiche bewährte Alternativen anbieten, etwa die "Schulameisen"-Gruppen: Auf bisher sechs Routen gehen die Schüler, begleitet von je einem Erwachsenen, gemeinsam zur Schule. Die Kinder tanken frische Luft, sammeln neue Eindrücke und machen sich mit dem Verkehrsgeschehen vertraut, auch um ab der vierten Klasse als Radler selbst daran teilzunehmen. Allzu viele Buben und Mädchen dazu animieren möchte Winter aber nicht, da der längst viel zu kleine Pausenhof keinen Platz für neue Fahrradständer bietet.

Die Süd-Harlachinger haben es definitiv zu weit zum Gehen. Sie können dafür in den Schulbus einsteigen, dessen Betrieb aus Kostengründen eingestellt werden sollte, vor knapp zwei Jahren aber dauerhaft gesichert werden konnte - wegen des übergroßen Sprengels, aber auch zur Entspannung der Verkehrslage. Wer partout nicht aufs Auto verzichten will, kann schließlich eine "Pfiati-Bussi"-Zone in der Säbener Straße ansteuern. Bei der Kirche "Heilige Familie", 200 Meter entfernt vom Schultor, ist reichlich Platz. Eine offizielle und beschilderte Kurzhaltezone hat die Schule beim Kreisverwaltungsreferat beantragt.

Die Polizeiinspektion 23 begleitet die Aktion und wird das Ergebnis im Vorher-Nachher-Vergleich auswerten. Allerdings weiß der Kontaktbeamte Werner Staude wohl um den "Erziehungs- und Vorführeffekt" der Polizeipräsenz auf allzu eilige Autofahrer. Michael Schwabe will auf die Wirkung von Uniform und Streifenwagen bei der Ansprech-Aktion bewusst verzichten. Schließlich müsse es im Alltag auch ohne gehen. Außerdem ist der Elternbeirat davon überzeugt, dass "die meisten schon mit schlechtem Gewissen reinfahren".