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Verkehr im Mittelpunkt:Stille im Exil

Am coronabedingten Laimer Ausweichort wird die Pasinger Bürgerversammlung, anders als sonst, zu einer beschaulichen Angelegenheit. Dabei sind die Themen entzündlich wie immer

Von Jutta Czeguhn

Wenn der U-Bahn-Bau nicht 2002 gestoppt worden wäre, könnten wir heute Abend alle mit der U 5 heim nach Pasing fahren." Ein Blick in die akribisch locker bestuhlte Weite der Dreifachturnhalle an der Schrobenhauser Straße mag Frieder Volgelsgesang (CSU) am Montagabend zu diesem Gedankenspiel bewogen haben. Der Vorsitzende des Bezirksausschusses Pasing-Obermenzing begrüßte dort, nahe der U-Bahn-Station Friedenheimer Straße, ungewohnt wenig Publikum zur Bürgerversammlung. Das mag daran gelegen haben, dass dieser turnusmäßige Demokratieverstärker coronabedingt exterritorial in Laim stattfinden musste. Zudem dürfte die Fußball-EM die Menschen vom Kommen abgehalten haben. Und ein Fetzen-Gewitter war für den Abend auch noch angesagt.

Mobil im Westen

Immerhin eine gute Nachricht, in eine hoffentlich pandemiefreie Zukunft gerichtet: Die U-Bahn-Verlängerung nach Pasing, ja gar Freiham, ist jetzt Beschlusslage im Stadtrat. Was auch Versammlungsleiterin Katrin Habenschaden (Grüne) erfreuen mag, schließlich wohnt Münchens Zweite Bürgermeisterin in Aubing. Auch sie war Zeugin eines beschaulichen Abends. Normalerweise hagelt es auf Bürgerversammlungen im Stadtbezirk 21 zum Thema Verkehr Anträge, bis die Funken schlagen. Tradition haben da die Spießrutenläufe für Verwaltungsleute aus dem Kreisverwaltungs- oder Planungsreferat. Doch diesmal in der Laimer Halle blieb es mit insgesamt nicht einmal zehn Anträgen und Anfragen rekordverdächtig still unter den FFP2-Masken. Einzig Willy Schneider, ehemaliges SPD-Mitglied im Bezirksausschuss, ließ das Emotionsbarometer um ein paar Grade steigen. Er forderte von der Stadt ein Verkehrskonzept für den Münchner Westen, für Pasing und Obermenzing. Aktuell sei die Situation "menschenverachtend". Auch Frieder Vogelsgesang hatte kritische Töne angeschlagen. Was ein Konzept für die Umgestaltung des nördlichen Bereichs am Pasinger Bahnhof angehe, werde man auf "kommenden Herbst" vertröstet - und das seit bald zehn Jahren. Da war es an diesem Abend nur konsequent, dass Robert Adam vom Mobilitätsreferat Ergebnisse für "diesen Herbst" ankündigte. Grund zur Hoffnung gibt es aber für den S-Bahn-Halt an der Berduxstraße. Denn längst sind dort im Großquartier Menschen eingezogen, die man nur mit Bussen nicht wird heraus- und hineinschaufeln können. Laut Vogelsgesang wurde das circa 14 Millionen Euro teure Projekt im Sommer 2020 vom Freistaat positiv bewertet, die Stadt will sich an den Kosten beteiligen. Nun fordert der Bezirksausschuss einen Zeitplan für die Realisierung, "baldmöglichst".

Schulstadt Pasing

Gerade im Bau ist im Berdux-Quartier die neue Grundschule an der Hermine-von-Parish-Straße. Fraktionsübergreifend lautet der Wunsch der Stadtviertelpolitik, sie schon zum Schuljahr 2021/22 in Betrieb zu nehmen, um den Quartierskindern lange Wege zu ersparen beziehungsweise dort eine Zweigstelle für die Oselschule einzurichten. "Wir sind gespannt, ob uns das gelingt", so Vogelsgesang. Die Signale aus dem bayerischen Kultusministerium allerdings stimmen nicht gerade optimistisch. Immerhin hat Pasing einen Ruf als Schulstadt zu verteidigen. Katrin Habenschaden war es, die eine stattliche Liste an Ausbau- und Sanierungsprojekten vortragen konnte: Unter anderem wird das Elsa-Brändström-Gymnasium um einen Zug erweitert, auch das Karlsgymnasium soll vierzügig werden und eine Dreifachsporthalle bekommen. In der Bäckerstraße ist der Neubau einer fünfzügigen Realschule und einer drei- bis vierzügigen Grundschule vorgesehen.

Action für die Jugend

Sie soll Anlaufpunkt werden für junge Leute weit über den Stadtbezirk hinaus: die Actionsporthalle in der ehemaligen Eggenfabrik. "Es gab da eine wunderbare Planung mit einem Erweiterungsbau. Doch dann kam Corona", sagte Frieder Vogelsgesang. Wegen des enormen Lochs im Steuerhaushalt habe es ursprünglich geheißen, das Projekt werde gänzlich gestrichen. Nach aktuellem Stand, das mag die Action-Sportler etwas beruhigen, soll es abgeschmolzen im denkmalgeschützten Industriebau realisiert werden. Der Bereich östlich wartet dann als Vorhaltefläche auf den zweiten Bauabschnitt - "wenn es wieder Geld gibt".

Unter der Mariensäule

Er hat sich wie kaum ein anderer Ort in Pasing verändert, der Marienplatz. Ein dicker Supermarkt-Hotel-Gastro-Komplex ist an seiner Westseite entstanden. Auch auf der Piazza unter der historischen Säule von Pasings Schutzpatronin soll demnächst Pizza serviert werden. Ein nicht unumstrittenes Thema. Laut Frieder Vogelsgesang fordert man immer noch ein gestalterisches Gesamtkonzept von der Stadt. "Als der Platz fertiggestellt war, gab es dort eine Steinwüste mit farbigen konzentrischen Kreisen, die roten Blumentröge mit den Felsenbirnen kamen erst später auf intensives Drängen aus der Bevölkerung und dem Bezirksausschuss, wiewohl sie nicht jeden gefallen." Es gibt also Spielraum für Verbesserungen.

Alles Müll

Das gilt nach Ansicht vieler Bürger, gewiss auch jener in der Laimer Sporthalle, nicht minder für die Entsorgungssysteme der Landeshauptstadt. Die Post an den Bezirksausschuss ist laut Frieder Vogelsgesang gespickt mit Beschwerden über die Zustände an den Wertstoffcontainern. Vielleicht sagt es viel über diese Bürgerversammlung aus, dass es am Montagabend nur einen einzigen Beschwerde-Antrag zu diesem Dauer-Ärgernis gab.

© SZ vom 23.06.2021
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