Münchner Momente:Na servus, da ist er wieder

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Der Hoppla-jetzt-komm-ich-Münchner hat auf sämtlichen Feldern des Lebens Vorfahrt - vor allem auf der Straße. Da fühlt er sich wie der große Formel-I-Pilot Philipp Amthor.

Von Wolfgang Görl

Schon klar, man soll nicht mit dem Auto fahren, jedenfalls nicht, wenn man Gefahr läuft, dabei erwischt zu werden. Erstens schadet die Fahrerei dem Klima, und zweitens führt sie angesichts der Unfähigkeit aller anderen Verkehrsteilnehmer zu Wutausbrüchen, die den Blutdruck auf 180 km/h steigern und so viel Adrenalin freisetzen, dass es aus den Ohren schießt.

Und doch ist eine Autofahrt manchmal unvermeidlich, beispielsweise wenn das Lastenrad einen Platten hat oder der Weg zur nächsten Kneipe länger als hundert Meter ist. Auch will ein Auto ab und zu bewegt werden, da ist es wie ein Pferd, nur noch sensibler. Man muss also Verständnis haben, wenn der Durchschnittsmünchner gelegentlich in seinen 300-PS-Kleinwagen steigt, den heiligen Christophorus um Vergebung bittet und dann schmusesanft aufs Gaspedal tritt, natürlich mit schlechtem Gewissen.

Eigentlich ist München ein gutes Pflaster für eine gemütliche Spritztour. In vielen Straßen darf man nicht schneller als 30 fahren, was das sachte Dahingleiten zur staatsbürgerlichen Pflicht macht. Und es ist ja auch wunderbar: Leerlauf rein, sich entspannt im Fahrersitz zurücklehnen und die Vorstellung genießen, man wäre Helios, der im Sonnenwagen gemächlich übers Himmelszelt zockelt.

Aber dann das: Von hinten erschallt eine Hupe, schauerlich wie die Trompeten der Apokalypse. Im Rückspiegel ist eine fette Limousine zu sehen, die sich auf circa eineinhalb Zentimeter genähert hat. Der Mann, der das Gefährt steuert, fuchtelt hysterisch mit den Händen herum, haut abwechselnd auf Stirn und Hupe und brüllt seine Frontscheibe an. Das Gesicht gleicht einer Horrorfratze. Alles in allem bietet er den Anblick eines Menschen, der dringend professionelle Hilfe braucht.

Na servus, da ist er wieder: der Hoppla-jetzt-komm-ich-Münchner. Er gehört zur Stadt wie die Frauenkirche oder die Hundehaufen. Dieser Menschentyp ist in Allach ebenso zu finden wie in Bogenhausen, er kann Handwerker sein oder Akademiker, Fußballfan oder Theaterabonnent. In krassen Fällen sogar eine Frau, aber das ist selten.

Der Hoppla-jetzt-komm-ich-Münchner hat auf sämtlichen Feldern des Lebens Vorfahrt, vor allem aber auf der Straße. Sobald er hinterm Steuer sitzt, fühlt er sich wie einer, der jüngst mit 120 in einer 70er-Zone aufgefallen sein soll: der große Formel-I-Pilot Philipp Amthor. Da gelten keine Verkehrsregeln, und schon gar kein Tempolimit. Taucht ein Tempo-30-Schild auf, tritt er aus Protest gegen die staatlich organisierte Freiheitsberaubung demonstrativ aufs Gaspedal. Und systemkonforme 30-km/h-Schleicher würde er gerne von der Straße bugsieren, gäbe es da nicht Beulen an seiner Stoßstange. Wär schon blöd, müsste sein supercooler Hoppla-jetzt-komm-ich-Flitzer für ein paar Tage in die Werkstatt. Andererseits halb so schlimm: Er hat ja auch ein Fahrrad.

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