Verkehr Die Nachfrage nach Carsharing wächst

Nocht tut sich die Stadt mit der Ausweisung von speziellen Carsharing-Parkplätzen schwer.

(Foto: Lukas Barth)
  • In München startet mit "Oply" ein neuer Carsharing-Anbieter.
  • Das Unternehmen mit Sitz in Berlin bringt zunächst 100 Autos auf Münchens Straßen.
  • Die Fahrzeuge können nicht ausgeliehen und dann irgendwo im Stadtgebiet wieder abgestellt werden, sondern sind stationsbasiert.
Von Andreas Schubert

Im Stau stehen. Keinen Parkplatz finden. Einen teuren Garagenplatz bezahlen. Münchens Straßen sind inzwischen so voll, dass immer mehr Leute auf ein eigenes Auto verzichten. Stattdessen setzen viele - wenn sie wirklich mal ein Auto brauchen - auf Carsharing. Der Markt wächst weiter, wenn auch langsam: An diesem Dienstag startet ein neuer Carsharing-Anbieter in München. "Oply" heißt das Unternehmen mit Sitz in Berlin. Es ist eine Tochter der luxemburgischen Firma Examotive S. A., die an urbanen Mobilitätsformen wie autonomem Fahren und eben Carsharing arbeitet. Größter Anteilseigner der Examotive ist der chinesische Automobilkonzern SAIC.

100 Autos bringt Oply zunächst auf Münchens Straßen. Das System ähnelt dem von Flinkster respektive Stattauto. Die Fahrzeuge können nicht ausgeliehen und dann irgendwo im Stadtgebiet wieder abgestellt werden, sondern sind stationsbasiert. Als "Stationen" dienen in diesem Fall 41 Münchner Parklizenzgebiete, in denen jeweils zwei bis drei Autos zu finden sein werden. Wer sie ausleiht, muss sie dorthin auch wieder zurückbringen, das Modell geht also eher in Richtung Autovermietung.

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Daimler und BMW prüfen bereits bei der EU-Kartellbehörde eine Fusion ihrer Carsharing-Töchter. Bislang hatte Autovermieter Sixt die Pläne blockiert.

Die Registrierung erfolgt wie bei den Wettbewerbern per App, zahlen können die Kunden per Kreditkarte oder Sepa-Lastschriftverfahren. Dann kann man sich entweder spontan einen Wagen anmieten, etwa für eine Einkaufsfahrt, oder bis zu sechs Monate im Voraus reservieren, zum Beispiel für eine Urlaubsreise. München ist die erste Stadt, in der Oply auf den Markt drängt, weitere seien geplant, sagt Oply-Geschäftsführerin Katharina Wagner. Wenn das Modell funktioniert, dann will Oply das Angebot auch weiter ausbauen. Die Autos fahren mit einem Wiesbadener Kennzeichen - laut Wagner gibt es mit den hessischen Behörden einen Deal zur vereinfachten Zulassung der Wagen.

Um den Markt zu erkunden, hat Oply eine Umfrage beim Marktforschungsunternehmen Innofact in Auftrag gegeben. 517 Münchner wurden dabei zum Thema Carsharing befragt, das Ergebnis: 45,8 Prozent haben im vergangenen Jahr mindestens einmal ein Auto ausgeliehen, 17,2 Prozent haben einen Carsharing-Anbieter genutzt, knapp 55 Prozent der Befragten gaben an, dass sie künftig Carsharing nutzen wollen. Nur gut ein Drittel ist allerdings zufrieden mit dem Carsharing-Angebot in München, wobei sich 75 Prozent vorstellen können, auf ein eigenes Auto in Zukunft ganz zu verzichten.

Letztere Antwort spricht Bände, wenn es ums Thema Autofahren in München geht. Dann ist nur selten von "Freude am Fahren" die Rede, wie sie etwa BMW seit Jahren in seiner Werbung propagiert. BMW ist selbst in München unter der Marke Drive-Now mit 750 Carsharing-Fahrzeugen (darunter 85 Elektro-Autos) der größte Anbieter in der Stadt, gefolgt vom Anbieter Car2Go, der zur Daimler AG gehört und in der Stadt 550 Autos auf der Straße hat. Der Zusammenschluss beider Anbieter gilt als sichere Sache, derzeit allerdings wollen beide die Berichte über eine Fusion nicht kommentieren.

"Free-Floating-Carsharing" nennt sich das Modell von Car2go und Drive-Now im Branchenjargon. Es bedeutet, dass - anders als beim stationsbasierten Modell - die Autos spontan per App angemietet und irgendwo im Geschäftsgebiet abgestellt werden können. Die Autos kann man aber auch stunden- oder tageweise buchen.

Mit einer Flotte von 100 Autos startet der Berliner Anbieter Oply in 41 Münchner Parklizenzgebieten.

(Foto: Jakob Berr)

Laut dem Bundesverband Carsharing, in dem 135 Mitglieder organisiert sind, wächst jedoch vor allem das stationsgebundene Leihsystem. Verschiedenen Untersuchungen zufolge kann sich der Umstieg vom eigenen Auto auf Carsharing für Kunden lohnen, die weniger als 10 000 Kilometer pro Jahr fahren. Das setzt dann voraus, dass sie den Rest ihrer Wege zu Fuß, mit dem Rad oder dem ÖPNV zurücklegen. Die stationsgebundenen Carsharing-Modelle sind also als Ergänzung zu den anderen Mobilitätsformen zu verstehen.

Der älteste Münchner Anbieter Stattauto, der 450 Autos verschiedener Klassen auf festen Parkplätzen zur Verfügung stellt, bietet deshalb vergünstigte Konditionen für Kunden an, die ein Abo des Münchner Verkehrs- und Tarifverbunds haben. Kunden der Bahntochter Flinkster, die in München 120 Fahrzeuge betreibt, fahren günstiger, wenn sie eine Bahn-Card besitzen. Flinkster-Fahrzeuge sind auch in kleineren Städten an Bahnhöfen zu finden. Hier kooperiert die Bahntochter unter anderem mit lokalen Anbietern. Man sehe Flinkster als Teil einer Reisekette, sagt ein Bahnsprecher. Und hier bestehe noch eindeutig ein Wachstumsmarkt.

Diesem Wachstum würde die Stadt München auch gerne gerecht werden. Doch noch ist offen, wann die Verwaltung aktiv etwas für das Carsharing tun kann. Seit im September 2017 das neue Carsharing-Gesetz in Kraft getreten ist, dürfen Kommunen zwar Parkplätze für Carsharing-Fahrzeuge reservieren oder günstigere Parkgebühren verlangen. Aber so einfach ist es nach Auskunft des Kreisverwaltungsreferats (KVR) nicht, erst seien noch einige bürokratische Hürden zu nehmen. So fehle etwa noch ein bayerisches Carsharing-Gesetz, das unter anderem die Vergabekriterien für Stellplätze im stationsbasierten Carsharing regelt. Zudem müsse in der Straßenverkehrsordnung noch die Kennzeichnung der Fahrzeuge definiert werden sowie die nötigen Verkehrszeichen zur Einrichtung reservierter Parkplätze.

Dennoch arbeitet das KVR derzeit zusammen mit dem Planungsreferat an einer Stadtratsvorlage für ein Sharing-Gesamtkonzept in München, bei dem es auch um die Privilegien für Carsharing-Fahrzeuge geht. Sogenannte Mobilitätsstationen als Pilotprojekte gibt es bereits, an denen Carsharing Vorrang hat, etwa an der Münchner Freiheit oder im Domagkpark.

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