Verhörspezialist bei der Kriminalpolizei:Gestik und Mimik unter Kontrolle

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Auf was achten Sie dann?

Neben Inhalt der Aussagen auf Gestik und Mimik. Man muss sich das so vorstellen: Ich sitze dem Zeugen gegenüber, mit einem Abstand, dass sich die Füße nicht berühren. Es ist kein Tisch zwischen uns, damit ich jede Reaktion beobachten kann. Der Zeuge sollte keine Armlehnen haben, damit er etwas mit seinen Händen machen muss. Die Hände sind sehr interessant, weil ich die aus den Augenwinkeln beobachten kann. Wenn ich nämlich ständig nach unten auf seine Füße starre, ist das zu auffällig.

Im Fernsehkrimi strahlt Beschuldigten grelles Licht ins Gesicht, um es so richtig ungemütlich zu machen.

Nein, ich will kein unangenehmes Gefühl erzeugen. Stress ist hinderlich, es schränkt die Erinnerung ein.

Sie sitzen sich also gegenüber: Welche Gestik und Mimik ist interessant?

Jeder Mensch verhält sich anders, jeder hat sich Körperhaltungen angewöhnt. Aber wenn jemand eine halbe Stunde jeden Satz mit Händen und Füßen begleitet und dann stiller wird, fällt das auf. Es geht also für mich vor allem um abweichendes Verhalten. Landläufig denkt man: Wer Augenkontakt unterbricht, lügt. Also versuchen Lügner oft krampfhaft Augenkontakt zu halten. Das fällt auf. Eigentlich unterbrechen wir im Gespräch doch ständig den Augenkontakt, weil Starren unangenehm ist. Bei so etwas entsteht bei einem Polizisten ein Bauchgefühl, dass etwas nicht stimmt.

Kann ein Zeuge es durchhalten, sich eine ganze Aussage über zu verstellen?

Zu stressig. Er muss sich auf die Frage konzentrieren, eine gelogene Antwort geben und seine Geschichte weiter auf diese Lüge aufbauen. Das ist Höchstarbeit für den Kopf. Dabei vergisst man mal seine Körpersprache. Und macht sich so verdächtig.

Zurück zum Messerangriff: Was machen Sie, wenn der Zeuge weiter behauptet, nichts gesehen zu haben?

Der Zeuge muss etwas gesehen haben. Bei einer Prügelei in einer Wirtschaft, bei der einer ein Messer zieht, schauen alle hin. Das halte ich ihm vor. Dann erzählt er vielleicht bröckchenweise mehr. Dann argumentiere ich, dass er sich strafbar machen kann, wenn er nicht die Wahrheit sagt. Will er wirklich Gefahr laufen, selbst dran zu sein, weil sich ein anderer geprügelt hat? So etwas wirkt oft, damit ein Zeuge die emotionale Hürde nimmt und aussagt.

Bei Beschuldigten ist es wahrscheinlich schwieriger, über die Hürde zu helfen?

Aufwendiger. Ich muss immer schauen, warum jemand lügt. Und dann kann ich an dem Grund arbeiten. Ein Pfleger etwa hat ein falsches Medikament gegeben, jemand ist gestorben. Dann spreche ich das offen an. Es ist klar, dass er seinen Beruf verliert. Es gibt aber ein Leben nach der Tat. Man kann sich unterhalten, wie es weitergeht. Wir machen bei Vernehmungen auch immer ein Stück weit Sozialarbeit.

Sprechen Sie auch offen an, wenn Sie glauben, dass einer lügt?

Nein. Wenn ich jemanden mit einer Lüge konfrontiere, macht er zu. Ich muss ihn in das Lügengebilde hineinlaufen lassen.

Hatten Sie schon einmal das Gefühl, jemanden nicht geknackt zu haben?

Das Gefühl hat man ab und zu. Aber wo ist die Kontrolle? Wer es schafft, mich anzulügen, löst die Lüge hinterher nicht auf. Man kann nur schauen, dass man andere Beweise sammelt, um ihn zu überführen. Eine Vernehmung ist ja nur ein Teil der Ermittlungsarbeit. Es gibt noch viele weitere Möglichkeiten, ein Verbrechen aufzuklären.

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