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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Berührung aus der Ferne

Verena Nolte ist als Autorin, Übersetzerin und Kuratorin internationaler Kulturprojekte in München tätig. In diesem Herbst ist ihr Buch "Der Milchkrug" (Folio) erschienen.

(Foto: Mila Pavan)

Kulturlockdown, Tag 29: Die Autorin und Veranstalterin schreibt über die Möglichkeit der literarischen Begegnung

Gastbeitrag von Verena Nolte

Vierzehn Tage vorbei, keine Infektionsmeldung. Ich konnte aufatmen. Anfang September hatten wir es gewagt, zusammenzukommen. Zwei literarische "Halbzirkel" bildeten über den Äther hinweg und mithilfe von Streams den "Paperbridge Circle". Wir trafen uns, wenn auch auf Abstand, im Literaturhaus Berlin, das schon zu Beginn der Pandemie mit Online-Lesungen experimentiert hatte. Unsere ukrainischen Gegenüber versammelten sich in einem Kunstkeller in Iwano-Frankiwsk, dem früheren Stanislau. Von unseren Exkursionen ins Innere unserer Städte drehten wir Filme und zeigten sie einander und dem Publikum draußen im Stream. Die Sprachbarriere überwanden die Dolmetscher und Übersetzer für uns.

Also ein ukrainischer Livestream und ein deutscher, um diesen Literaturaustausch, trotz der Unmöglichkeit zu reisen, auch im sechsten Jahr fortzusetzen. Niemand von uns hatte dieses Format zuvor erprobt, in dem auf jeder Seite ein Technikteam und eine Schar Schriftstellerinnen und Schriftsteller sich verschwören mussten. Tatsächlich war es, als berührten wir uns. Alle sagten wir danach, wir würden es jederzeit wieder versuchen, auch wenn es wegen eines plötzlichen Serverausfalls nicht gelang, das Publikum live dazuzuholen. Auf paperbridge.de sind die beiden Videos der Livestreams fortan abrufbar. Hoffen wir, dass unser Publikum, trotz Bildschirmüberreizung und Sehnsucht nach wirklicher Begegnung, uns aufsucht.

Szenenwechsel ins Analoge. Ende September hielt ich das fertige Buch in der Hand, für das ich vergangenes Jahr bei wiederholten Reisen zu meiner Protagonistin Paula Morandell am Kalterer See in Südtirol recherchiert hatte. Paula wollte erzählen, was ihre Kindheit im Krieg und der Folgezeit verstört hatte und bis heute nicht fortgeht. Ich erforschte die weithin vergessene Geschichte dieses Landes, ließ mich von Paula an die Orte des Geschehens führen. Das verändert den Blick, auch den der Münchner Fotografin, die uns begleitete. Schön blieb das Land immer noch, aber durch das, was Paula erzählte und ich sonst noch in Archiven herausfand, wurden die Wunden sichtbar, die der Durchlauf der Geschichte hinterlassen hat. In den Wintermonaten hieß es, alles zu Papier, vielmehr in den Laptop zu bringen. Nach letzten Antworten in Kaltern zu suchen, gerade noch bevor die Grenzen geschlossen wurden, das Virus uns aus der Bahn warf.

Für den Abschluss des Textes war das Eingesperrtsein förderlich. Auch das Lektorat mit dem Verlag ließ sich konzentriert durchlaufen. Die Zusammenarbeit mit der Buchgestalterin in ihrem Studio im Münchner Fruchthof fiel zum Glück in die kurze Zeit der Lockerung. Als "Der Milchkrug" erschien, schaffte ich noch einen Ausflug nach Kaltern und Bozen für Presseinterviews auf Abstand. Buchvorstellungen, gemeinsam mit Paula, wurden geplant und abgesagt. So geht es fast allen, die in diesem Jahr neue Bücher haben. Aber es gibt Radiosendungen, Kritiken, Leseproben. Noch sind die lebenswichtigen Buchhandlungen, jedenfalls bei uns und in Südtirol, geöffnet. In Österreich müssen sie online arbeiten. "Der Milchkrug" wird seinen Weg finden. Und die fragile Papierbrücke bekommt Unterstützung von einem ruhmreichen Theater: Die Münchner Kammerspiele planen im kommenden Jahr die Gründung eines Festivals zwischen Kiew und München.

Alle Folgen der Serie auf sz.de/kultur-lockdown

© SZ vom 30.11.2020
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