Süddeutsche Zeitung

Verdienst von Wiesnwirten:Geldmaschine Oktoberfest

Das Wiesn-Prinzip ist schnell erklärt: Wir Gäste bezahlen mehr als zehn Euro pro Mass, damit der Festwirt reich wird. Aber wie hoch ist sein Gewinn nach 16 Tagen wirklich?

Von Katja Riedel

München ist ja eine Stadt, in der es viele bestgehütete Geheimnisse gibt. Was Pep Guardiola während der Halbzeit in der Kabine seinen Jungs vom FC Bayern zuruft, zum Beispiel. Gleich zwei dieser Geheimnisse allerhöchster Tragweite haben jedoch nicht mit Fußball, sondern mit dem Spektakel zu tun, das sich jährlich auf der Theresienwiese und unter den dort befindlichen Zeltdächern abspielt, genau genommen in deren Hinterzimmern. Dort, wo die Wirte ihre Ausgaben und, noch interessanter, ihre Einnahmen verbuchen.

Wie wird man Wiesnwirt, heißt das erste Wiesn-Geheimnis. Und wie reich werden die Glücklichen damit eigentlich, wenn sie es endlich geschafft haben, Herren über Blaskapellen und Hendl, über Eichstriche, Wiesnreservierungen und muskelbepackte Bedienungen zu sein? Und damit über eine mutmaßliche Goldgrube.

Eine verbindliche Antwort gibt es darauf nicht. Denn die 14 Wiesnwirte erstellen keine Jahresabschlüsse, die öffentlich für jedermann einsehbar wären und schwer erklärbare Phänomene wie den Chickeria-Teller für 19,80 Euro oder eine Mass zu 10,30 Euro mit Fakten unterfüttern könnten.

Roiderer zahlt 2,16 Millionen Euro für den Aufbau eines Wiesn-Zelts

Wenn man Wirtesprecher Toni Roiderer zu diesen Fakten befragt, dann klingt das so, als müsste man ihn bedauern: Wer Wiesnwirt werden wolle, müsse zu allererst den Verzicht lernen, sagte er. Man müsse die Wirte nämlich eigentlich fragen, wie sie es schafften, trotz immens steigender Kosten ein herrliches Bier mit 13,7 Prozent Stammwürze "so billig herzugeben", wie Roiderer in einem SZ-Interview sagte. 2,16 Millionen Euro habe er 2013 allein gezahlt, bis das Zelt stand. Ordner kosteten 430 000 Euro, Versicherungen eine sechsstellige Summe. 70 Fremdfirmen beschäftige er beim Aufbau seines Hacker-Festzelts. Bedauern muss man den Mann und seine 13 Kollegen wohl dennoch nicht.

Denn alle Zelte sind gut gehende Großbetriebe, und was ein Wiesnwirt mit einem solchen Zelt verdienen kann, das wurde mittlerweile schon aktenkundig. Vor Gericht nämlich, wo Ex-Hippodrom-Wirt Sepp Krätz finanziell die Lederhosen runterlassen musste, weil er 1,1 Millionen Euro Steuern hinterzogen hatte: Vor Steuern, so trug Krätz vor, hatte er mit seinem Promi-Zelt 3,1 Millionen Euro Gewinn gemacht.

Wirtesprecher Roiderer dementierte freilich, dass dies Standard sei. Der Krätz, der habe halt ein ganz anderes Preissegment gehabt, ein Zelt, in dem die Promis Champagner schlürften und Schnaps tranken, nicht nur Bier und Alkoholfreies wie unter seinem Hacker-Zeltdach.

Und auch Krätz' Nachfolger Siegfried Able rechnete laut Handelsblatt damit, den sogenannten "Break-even" binnen fünf Jahren zu erreichen. Jenen Moment also, in dem sich seine Investition erstmals rentiert. Mehr als sieben Millionen Euro will er in seinen Marstall gesteckt haben. Bei einer angestrebten Zelt-Lebensdauer von 15 Jahren klingt das nach keinem schlechten Geschäft.

Ernst & Young hat errechnet, wann die Mass 15 Euro kosten wird

Ein schlechtes Geschäft soll das Oktoberfest aber für die Stadt sein - jedenfalls bemängelte dies das städtische Revisionsamt. Die Rechnungsprüfer nahmen sich die Standgelder und Kosten seit 2002 vor - und bekrittelten, dass Wirte und Schausteller gemessen an ihren Umsätzen viel zu billig davonkämen.

Die Stadt als Veranstalterin will mit den Standgeldern selbst kein Geld verdienen; setzt sie doch auf die gesamtwirtschaftlichen Effekte der Wiesn für die Stadt. Auf "rund eine Milliarde Euro" schätzt Wiesn-Chef und Zweiter Bürgermeister Josef Schmid (CSU) das Ausmaß dieser Wertschöpfung.

Davon profitieren nicht nur die Wirte und Schausteller, sondern auch andere Gastronomen und Hoteliers der Stadt, dazu Taxifahrer oder der Innenstadthandel. Dennoch, so die Rechnungsprüfer, sei es doch ein Unding, dass die Stadt mitunter sogar Miese mache. Allein 2008 stand hinter dem Minus die Zahl von 212 889 Euro und 74 Cent. Seitdem sind die Standmieten leicht gestiegen - aber auch der Bierpreis.

Durchschnittsgewinn von 1,2 Millionen Euro pro Wirt

2024 wird für Wiesnbesucher wohl ein hartes Jahr - dann, so hat es das Münchner Team der Unternehmensberatung Ernst & Young (EY) berechnet, werden Kunden erstmals 15 Euro und mehr pro Mass zahlen müssen. Mit einem Augenzwinkern nimmt sich EY seit vier Jahren der Wiesn an, für die Digitalkonferenz "Bits & Pretzls" und für ihre Kunden haben die Berater die harten Wiesnfakten in eine Präsentation gepackt, die daherkommt wie eine Analyse.

Tatsächlich ist sie aber nicht so bierernst zu nehmen, wie sie aussieht. Beachtet man alle Kosten und bekannten Durchschnittsverzehre, kommen die Unternehmensberater zu einem Durchschnittsgewinn von 1,2 Millionen Euro für einen Wiesnwirt vor Steuern.

Kein schlechter Schnitt für 16 Geschäftstage. Wobei die Berechnung manchen Unsicherheitsfaktor enthält. Die verzehrten Ochsen der gleichnamigen Braterei haben die Berater realitätswidrig auf alle Zelte aufgeteilt. Und die Wiesnbedienungen verdienen in dieser Berechnung mit durchschnittlich 3712 Euro weit kärglicher, als kolportiert wird: nämlich bis zu 15 000 Euro bei einem idealen Verhältnis aus Armstärke, Durchsetzungskraft und Charme, deren Zusammenspiel die Trinkgeldquote bestimmen.

Es gibt Menschen, die Urlaub nehmen, um Krüge zu stemmen, statt im Büro Emails zu schreiben. Und Studenten, die mit dem größten Volksfest der Welt ihre Ausbildung finanzieren. Mit 16 Tagen auch ökonomischen Wahnsinns.

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Quelle:
SZ vom 02.10.2015/tba
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