Opernpremiere:Salz in der faden Suppe

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Opernpremiere: Falstaff (Claudio Otelli) versucht die Eifersucht seines Nebenbuhlers Mr. Ford (Samuel Hasselhorn) zu kühlen.

Falstaff (Claudio Otelli) versucht die Eifersucht seines Nebenbuhlers Mr. Ford (Samuel Hasselhorn) zu kühlen.

(Foto: Pedro Malinowski/Staatstheater Nürnberg)

David Hermann inszeniert Verdis "Falstaff" mit Björn Huestege am Pult der wendigen Staatsphilharmonie Nürnberg.

Von Klaus Kalchschmid, Nürnberg

Das Geld zum Anstreichen reichte nicht mehr, aber trotzdem hat das (Dreh-)Bühnenbild (Jo Schramm) für "Falstaff am Staatstheater Nürnberg großen Charme, dabei besteht es ganz aus unbehandeltem, hellen Pressspan. KEBABKING ist die Bar überschrieben, vor der Falstaff zecht, beim Ehepaar Ford gibt es dagegen eine Galerie, in der mittels Zeitschriften-Lektüre im Sessel entspannt wird, freilich ohne dass je eines der zahlreichen Bücher hinter ihnen in die Hand genommen wird. Aber die sehen mit ihren weißen Rücken eh nach Fake aus, wie der Pool, in dem Falstaff sich später versteckt und nicht erst auf der Flucht vor dem eifersüchtigen Gatten Alices in die Themse geworfen werden muss.

Einzig als dieser neureiche Herr Ford Falstaff zum Komplizen der Verführung der eigenen Frau machen will und merkt, was da zwischen dem Schwerenöter und ihr läuft, bekommt das Bühnenbild während seines Eifer-Tobsuchts-Anfalls prächtige Farben, und alles beginnt bunt zu leuchten, gemäß der finalen Erkenntnis Falstaffs, dass er "das Salz in der faden Suppe" der Dutzendmenschen sei, wie die heutigen, frechen Obertitel wissen.

David Hermanns Regie macht aus allen Sängerinnen und Sängern wunderbar aufgekratzte, lebendige Singschauspieler. Wie in einer Boulevard-Komödie sitzen jede Geste und Bewegung punktgenau auf Verdis so anspielungsreiche Musik, die in wenigen Sekunden immer gleich ein paar Volten schlägt. Björn Huestege am Pult der wendigen Staatsphilharmonie Nürnberg kitzelt das mit Verve heraus und auch sängerdarstellerisch gibt es keinen einzigen Ausfall.

Cloë Morgan als Nanetta verzaubert mit der schönsten Stimme des ganzen Abends

So bei den zahlreichen kleinen und mittleren Partien wie Dr. Cajus (Hans Kittelmann) und Bardolfo (Martin Platz), beide wunderbare Spiel-Tenöre im Wortsinn, sowie Pistola (Nicola Karnolsky) über Mrs. Meg Page (mit viel Mut zum Slapstick: Corinna Scheurle) bis zu Mrs. Quickly (ein herrlicher Buffo-Alt: Almerija Delic). Mrs. Ford (ein Sopran mit vielen Schattierungen: Emily Newton), hat hier durchaus (auch erotische) Gefühle für Falstaff und fordert damit ihren langweiligen Gatten im hellblauen Anzug heraus, der sie vernachlässigt und gleich mit einem Dutzend identisch gekleideter Männer zum Vertreiben des Nebenbuhlers aufläuft. Samuel Hasselhorn spielt und singt das prächtig mit schönem Kavaliers-Bariton. Und dann ist da das junge lyrische Paar, dem Verdis größte Sympathien gelten: der junge Tenor Sergei Nikolaev ist ein entzückend sanft Verliebter in kurzen Hosen, Cloë Morgan als seine Nanetta aber verzaubert mit der schönsten Stimme des ganzen Abends.

Claudio Otelli gibt mit entspanntem Bariton in der Titelpartie einen ganz normalen Mann reiferen Alters, schon glatzköpfig, aber keineswegs dickbäuchig. So schlicht er gekleidet ist, so mythisch überhöht gibt er sich im mitternächtlichen Wald, wo man ihm übel mitspielt: Analog dem animierten Affen, der Fords Eifersuchtsmonolog sprengt und zu Beginn des dritten Akts den Plafond erklimmt, ist er ein wildes, haarig-zotteliges, übermenschliches Wesen (Kostüme: Carla Caminati) und in der liebevollen Umarmung durch Alice sieht es ganz nach "Die Schöne und das Biest" aus.

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