Verbraucherschutz "Kennen Sie die Zoonose-Verordnung?" - "Jetzt schon."

"Sagenumwobenes Wammerl": Behörden schlossen die Großmetzgerei nach dem Fund von Listerien.

(Foto: dpa)
  • Der ehemalige Chef der Großmetzgerei Sieber muss sich wegen Verstößen gegen das Lebensmittelrecht vor Gericht verantworten.
  • Einen Strafbefehl hatte der Geschäftsführer nicht akzeptiert, er will seine Unschuld beweisen.
  • Seine Mitarbeiter offenbaren in der Verhandlung allerdings große Wissenslücken, was die Hygienevorschriften betrifft.
Von David Costanzo, Wolfratshausen

Wer Lebensmittel herstellt, muss eine Reihe von Vorschriften beachten - die Zoonoseverordnung ist eine von ihnen. Darin geht es um Erreger, die zwischen Mensch und Tier übertragen werden, Listerien gehören dazu. Wer solche Bakterien nachweist, muss sie den Behörden melden. "Kennen Sie die Zoonoseverordnung?", fragt Richter Helmut Berger die frühere Qualitätsfachkraft der Großmetzgerei Sieber. Die antwortet: "Jetzt schon." Die gleiche Wissenslücke offenbart auch ihr Vorgesetzter, der Qualitätsmanager.

Am Montag hat die Aufarbeitung des Listerien-Skandals um die Großmetzgerei Sieber begonnen und sie liefert nicht nur Verbrauchern neue Einblicke in die Produktion von Schinken und Speck - sondern auch den Mitarbeitern.

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Der frühere Firmenchef Dietmar Schach muss sich vor dem Wolfratshauser Amtsgericht wegen Verstößen gegen das Lebensmittelrecht verantworten. Er hatte einen Strafbefehl über 2250 Euro nicht akzeptiert. Schach will seine Unschuld beweisen. Staatsanwalt Michael Moker wirft dem 52-Jährigen vor, vorsätzlich gesundheitsschädliche Lebensmittel in den Handel gebracht zu haben.

Schon 2013 sollen zwei Proben Debrecziner über dem Grenzwert mit Listerien belastet gewesen sein. Auch 2015 habe es Probleme gegeben, so die Anklage. Drei beauftragte Labors sollen geraten haben, Waren und Hygiene zu überprüfen. Die insgesamt zwölf positiven Proben soll Schach seinen Mitarbeitern und dem Landratsamt verschwiegen haben. Im März 2016 war schließlich in einem Supermarkt bei Nürnberg ein hochgradig belastetes Wacholderwammerl aufgetaucht, der Skandal kam ins Rollen.

Der frühere Firmenchef beteuerte zum Prozessauftakt seine Unschuld: "Ich hätte es nie im Leben zugelassen, dass für Menschen gefährliche Produkte in Verkehr kommen." Die Vorwürfe seien "Mutmaßungen" und aus dem Zusammenhang gerissen. Die Großmetzgerei habe sich freiwillig den anspruchsvollsten Standards unterworfen. Weil der Betrieb so vorbildlich sei, habe sich 2008 nach einer Krise sogar der Freistaat mit einer halben Million Euro als stiller Teilhaber engagiert, sagte Schachs Verteidiger Martin Hintermayer.

"Aber es heißt doch: mindestens haltbar bis?"

Die Listerien-Befunde stammten laut Schach aus internen Analysen, um die Sicherheit zu gewährleisten - etwa ob eine neue Verpackung die Würste bis zum angestrebten Mindesthaltbarkeitsdatum unter dem Grenzwert hält. Wenn nicht, erklärte der frühere Sieber-Qualitätsmanager das Prozedere, werde eben das Mindesthaltbarkeitsdatum reduziert und wieder getestet. Amtsrichter Berger fragte ungläubig nach: "Aber es heißt doch: mindestens haltbar bis?" Man könne doch nicht darauf vertrauen, dass niemand mehr die Waren nach dem Ablauf esse.

Schach wies auch den Vorwurf zurück, Befunde verheimlicht zu haben. Alles sei stets gemeinsam besprochen worden, gemeinsam sei gegebenenfalls auch der Ablauf in der Produktion verändert worden. Der Qualitätsmanager und seine Mitarbeiterin konnten sich jedoch nicht an frühere Proben erinnern.

In dem Prozess geht es nicht um die Pleite des Unternehmens: Insolvenzverwalter Josef Hingerl will den Freistaat auf 13 Millionen Euro Schadenersatz verklagen, weil er die Schließung des Betriebs für rechtswidrig hält. Es geht auch nicht um den Lebensmittelskandal, den das "sagenumwobene Wammerl" (Richter Berger) auslöste. Die Gesundheitsbehörden vermuten einen Zuammenhang zwischen Listerien auf Sieber-Produkten und einer Erkrankungswelle in Süddeutschland mit fast 80 Infektionen und acht Toten. Seit der Schließung des Unternehmens seien keine Kranken und Toten mehr hinzugekommen, erklärt das Landratsamt.

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