Immersive Kunst-Schau in MünchenVirtuell eintauchen in van Goghs Farbenrausch

Lesezeit: 3 Min.

Projektion des Gelben Hauses in Arles, in dem Vincent van Gogh mit Paul Gauguin lebte.
Projektion des Gelben Hauses in Arles, in dem Vincent van Gogh mit Paul Gauguin lebte. Morris Mac Matzen

Knallgelbe Sonnenblumen, tiefblaue Sternennächte, endlose goldene Weizenfelder: In der Utopia-Halle können Besucher in van Goghs Welten baden. Warum der Sprung in die Bilder trotz KI aber nicht wirklich gelingt.

Von Constanze Baumann

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Van Gogh malte in Schüben. Phasen stiller Erschöpfung wechselten mit fiebriger Produktivität. Rund 900 Gemälde schuf er in nur zehn Jahren – am Ende seines Lebens ungefähr eines pro Tag. Nicht ganz so zahlreich, aber doch reichlich sind die immersiven Shows, die ihn heute feiern. Kein anderer Maler wird so häufig mit Projektionen und spektakulären Soundkulissen „erlebbar“ gemacht, wie der berühmte Niederländer. „Imagine van Gogh“, „Immersive van Gogh Exhibit“, „Van Gogh – The Immersive Experience“ oder „Beyond van Gogh“ – die Liste ist lang. Kaum eine Großstadt, in der er nicht schon als Projektion zu Gast war. Selbst in der Fiktion erscheint er in dieser Form: In der Serie „Emily in Paris“ flaniert die Protagonistin Emily durch eine Van-Gogh-Ausstellung im Atelier des Lumières und schwärmt, umgeben von wirbelnden Sternen: „This is incredible!“

Auch München hatte van Gogh bereits in immersiver Form zu Gast: 2021 brachte die australische Schau „Van Gogh Alive“ den Maler in die bayerische Landeshauptstadt. Jetzt, vier Jahre später, bietet das Utopia erneut die Gelegenheit, in die farbenfrohen Welten einzutauchen. „Vincent. Zwischen Wahn und Wunder“ ist noch bis zum 11. Januar 2026 zu sehen.

Die Macher versprechen eine Besonderheit: Erzählt wird aus der Perspektive von Johanna van Gogh-Bonger, der Schwägerin, die mit der Herausgabe der Briefe und Organisation der ersten Ausstellungen entscheidend dazu beitrug, dass aus dem zu Lebzeiten verkannten Maler ein Mythos wurde.

Im Eingangsraum blickt ihr Porträt auf die Besucher. Über den Audioguide führt sie durch Vincents Lebensstationen. Vom niederländischen Zundert bis ins französische Auvers-sur-Oise. Die Audioclips liefern jedoch selten mehr als ohnehin auf den Texttafeln zu lesen ist. Schnell zeigt sich: Die Ausstellung arbeitet ungenau. Wie deren Produzent Nick Hellenbroich der Süddeutschen Zeitung bestätigte, waren bei der Konzeption keine Kunsthistoriker beteiligt – und man merkt das. So ist etwa ein Gemälde als „Porträt von Theo van Gogh“ beschriftet, obwohl es in der Forschung umstritten ist, ob tatsächlich der Bruder oder doch Vincent selbst abgebildet ist. Der korrekte Werktitel lautet daher „Selbstporträt oder Porträt von Theo van Gogh“.

Solche Nachlässigkeiten untergraben das Vertrauen in die Ernsthaftigkeit der Schau und machen deutlich, dass hier eher Marketingprofis als Fachleute am Werk waren.

Auch technisch hakt es bei der Presseführung: Manchmal erkennt der Audioguide nicht, wo man sich befindet, und spielt das falsche Audio ab, manchmal springt er gar nicht an. Und wer sich bewegt, riskiert, dass die Erzählung von vorn beginnt. Auch im letzten Raum, wo man sich mit einem Selbstporträt van Goghs unterhalten kann, enttäuscht die Technik zumindest anfangs noch. Die KI stammelt unverständliche Antworten – Gespräche entstehen nicht.

Der Höhepunkt der Ausstellung ist der Showroom: Auf zehn Meter breite und fünf Meter hohe Wände werden van Goghs berühmteste Werke projiziert, untermalt von Musik und Zitaten. Die Reise beginnt im Auktionshaus Christie’s, wo seine Gemälde für Millionen gehandelt werden. Stimmengewirr, Geschäftigkeit, Spannung, das leise Summen von Kameras und Telefonen. Dann rollen sommerliche Landschaften über die Wände, die Felder und Straßen von Arles, aufgetragen mit kräftigen Pinselstrichen. Vogelgezwitscher erfüllt den Raum, im Hintergrund plätschert sanfte Klaviermusik von Yann Tiersen. Man sinkt in die Sitzsäcke, lässt sich treiben, wird Teil der Landschaft.

Kaleidoskopartig: eine bunte Bildergalerie der berühmtesten Gemälde.
Kaleidoskopartig: eine bunte Bildergalerie der berühmtesten Gemälde. Morris Mac Matzen
Echte Gemälde gibt es nicht zu sehen. Dafür aber hochwertige Drucke.
Echte Gemälde gibt es nicht zu sehen. Dafür aber hochwertige Drucke. Morris Mac Matzen

Ein Gewitter zieht auf, Licht und Schatten flackern über den Boden, van Gogh wird in die psychiatrische Klinik von Saint-Rémy eingeliefert. Schließlich kehrt Ruhe ein, er verlässt die Krankenanstalt und lässt sich in Auvers-sur-Oise nieder. „Ich fühle mich hier ruhig und frei“, hört man ihn sagen. Doch dann: Ein Schuss zerreißt die Idylle. Die Wände färben sich rot – van Gogh hat sich das Leben genommen. Johannas Porträt erscheint, sie verspricht mit größtem Pathos, Vincents Werk lebendig zu halten. Der Abspann rollt, und die Streichmusik tut ihr Bestes, die Dramatik zu maximieren.

Doch was bleibt von all dem Spektakel, wenn man wieder nach draußen tritt? Ist man van Gogh tatsächlich nähergekommen, so wie es die Veranstalter versprechen? Nicht wirklich. Johannas Erzählperspektive schafft es kaum, „einen neuen Blick auf die finale Schaffensperiode“ des Künstlers zu eröffnen. Am Ende bleibt die Ausstellung ein konventioneller Überblick über van Goghs Leben. Weder Johannas eigene Geschichte wird greifbar, noch wird richtig erläutert, wie sie aus einem zu Lebzeiten verkannten Maler ein Millionenphänomen machte.

Die Projektionen überwältigen, statt zu erklären, machen eindeutig, was mehrdeutig ist. Man sieht viel – und versteht doch wenig. Das Wenige, was man erfährt, bleibt an der Oberfläche. „Vincent. Zwischen Wahn und Wunder“ will gefallen, nicht herausfordern.

Wer also ins Utopia kommt, um Neues zu erfahren, wird enttäuscht sein. Wer aber eine Stunde lang in Farben, Licht und Musik baden möchte, wird glücklich hinausgehen – mit einem Lächeln und vermutlich vielen neuen Selfies in der Galerie. Zwischen überdimensionalen Bilderrahmen, einem Teppich aus Sonnenblumen und Spiegeln in allen Winkeln lädt „Vincent. Zwischen Wahn und Wunder“ weniger zum Nachdenken als zum Knipsen ein. Es ist eine Show, aber keine Ausstellung.

Vincent. Zwischen Wahn und Wunder – Van Gogh Immersiv, Utopia, Heßstraße 132, bis 11. Januar 2026, Montag bis Sonntag: 10-20 Uhr, www.vangoghimmersiv.com

Korrektur: Nicht der Sounddesigner der Schau - wie es in einer früheren Fassung dieses Textes hieß - hat bestätigt, dass keine Kunsthistoriker an der Ausstellungskonzeption beteiligt gewesen seien, sondern deren Produzent.

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