Organisch, skulptural und chunky – so könnte man die Silberringe von Vanessa Kohler, 27, und Leon Oskui, 26, beschreiben. Ursprünglich nur als Weihnachtsgeschenk angedacht, haben die beiden schnell ihren Freundeskreis ausgestattet – und daraufhin entschieden, das Label VALE zu gründen. „Uns macht der Prozess so viel Spaß und es ist ein toller Ausgleich zum digitalen Alltag“, sagt Vanessa. „Etwas mit den Händen zu machen, ist total meditativ.“

Beide haben einen Informatik-Hintergrund, sie hatten zuvor keine Berührungspunkte mit Handwerk. Die Skills haben sie sich über YouTube, Google und Trial and Error angeeignet. Sie standen ständig vor neuen Problemen, haben recherchiert, neues Werkzeug gekauft und weitergemacht. Es sei nicht einfach gewesen, an Infos zu kommen, weshalb die beiden schließlich zu Goldschmieden in München gegangen sind, die ziemlich hilfsbereit waren und sie unterstützt haben. Das war ein Prozess von mehr als einem Jahr.

Zuerst formen sie die Ringe komplett aus Wachs. Mal haben sie bereits eine konkrete Vorstellung im Kopf, mal entsteht etwas durch Zufall, wenn sie mit Werkzeugen experimentieren und plötzlich eine neue Textur entsteht. Dann kommt der Wachsring in eine Gießerei, wo ein Gipsmodell erstellt, das Wachs ausgeschmolzen und Silber hineingegossen wird. Dann geht es an die Nachbearbeitung: Es wird geschliffen, poliert und gebürstet, bis das Silber richtig glänzt. Am Ende kommt noch der 925-Stempel drauf.

Für Vanessa hat der Blumenring „Oris“ eine besondere Bedeutung. Diesen hat sie für den Geburtstag einer Freundin entworfen und hergestellt, wobei sie sich genau überlegt hat, was ihr gefallen und was zu ihr passen könnte. Bisher haben sie den Ring 22 weitere Male verkauft, aber jedes Mal sieht er ein bisschen anders aus. Leons Lieblingsring ist der „Bubble“-Ring, der aus vielen kleinen Tropfen besteht, die alle einzeln mit Wachs draufgeträufelt werden – und der sein erster Ring überhaupt war.

Vanessa und Leon entwerfen Silberringe, die jeder tragen kann – unabhängig vom Geschlecht. „Viele Männer haben eine Hürde, Ringe zu tragen“, sagt Leon. Auch viele seiner Freunde trauten sich anfangs nur an ganz schlichte Modelle heran oder konnten sich überhaupt keinen Schmuck an ihrer Hand vorstellen. Mittlerweile tragen viele davon ausgefallene Entwürfe und haben sogar ein neues Selbstbewusstsein dadurch gewonnen. „Uns gefällt der Gedanke, diese Hemmung ein bisschen zu nehmen.“

Die beiden haben das Gefühl, dass viele Leute sich gerade wieder vermehrt für Handwerkskunst interessieren, dass generell die Wertschätzung steigt. Die Leute sehnen sich wieder nach etwas Besonderem: nach Einzelstücken, die stundenlang nur für sie angefertigt werden, die es so kein zweites Mal auf der Welt gibt und dadurch auch einen emotionalen Wert bekommen. „Auch ich selbst schätze Handwerk viel mehr, seit ich weiß, wie viel Arbeit dahintersteckt“, sagt Leon.

Vanessa und Leon träumen außerdem von einem Atelierplatz. So müssten sie nicht mehr all die Werkzeuge zu Hause ein- und auspacken und den Schmutz durch Wachs, durch das Bohren und Schleifen ständig beseitigen. Profit steht bei den beiden aber nicht im Fokus. Sie wollen das Label ohne finanziellen Druck weiterführen und ihren kreativen Prozess erhalten. „Wenn das Label wächst, schön. Wenn nicht, ist es trotzdem etwas, das uns unglaublich viel gibt“, sagt Leon.
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