Was ist Wahrheit? „Ist sie Meinung, Haltung, ein Gefühl gegenüber etwas oder jemandem?“, fragt die Schauspielerin Uschi Glas, 81, im Literaturhaus. Um dieses „wabbelige Ding zu fassen“, hat sie einen ungewöhnlich persönlichen, bereichernden, aber für sie auch schmerzhaften Weg beschritten. Denn die Antwort suchte sie im Dialog mit Charlotte Knobloch, 93, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München.
Daraus entstand ein Buch, von dem Literaturhaus-Chefin Tanja Graf sich erhofft, dass es insbesondere viele junge Menschen lesen mögen. „Es sind Gespräche, die nach dem grausamen antisemitischen Anschlag auf eine Chanukka-Feier in Sydney besondere Brisanz gewonnen haben“, betont Graf.
Auf dem Podium erzählt Uschi Glas, befragt von Moderatorin Ilka Petersen, von dem Entstehungsprozess ihres Buchs „Du bist unwiderstehlich, Wahrheit“, dessen Titel eine Gedichtzeile der jüdischen Lyrikerin und Holocaust-Überlebenden Rose Ausländer aufgreift. Nach dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 schloss sie sich mit ihrem Mann Dieter Hermann den Schweigemärschen „Run for Their Lives“ an, die Guy Katz, Wirtschaftsprofessor an der Hochschule München, in der Stadt initiierte. Er und Dafna Gerstner, die anders als ihr Bruder den Angriff der Hamas im Kibbuz Be’eri in einem Schutzraum überlebte, werden später noch auf dem Podium (ebenso wie im Buch) ihre Erfahrungen beitragen.
„Ich weiß noch, als ich auf dem Geschwister-Scholl-Platz auf die Gruppe der Demonstranten traf, dass einige mich anschauten, als wenn sie sagen wollten: ‚Was will die denn hier?‘“. Doch Uschi Glas zog von da an unbeirrt jeden Sonntag mit den Demonstranten mit, die an das Schicksal der verschleppten israelischen Geiseln erinnerten. „Erschreckend war der Hass, der uns auf der Straße entgegenschlug“, sagt sie. Vorab hatten sich die Teilnehmer des Zuges auf absolutes Schweigen bei ihrem Marsch geeinigt. „Daran habe ich mich gehalten, obwohl ich öfter versucht war, diesen Menschen entgegenzuschreien“, sagt Uschi Glas. Die früh als „Schätzchen“ berühmt gewordene Schauspielerin bekräftigt: „Ich war noch nie gut darin, den Mund zu halten.“
Deshalb lasse sie sich von ihrem Engagement für die Demokratie, von dem öffentlichen Austausch über Werte und Menschlichkeit auch nicht durch Hetze, sogar Morddrohungen abhalten. Im Gegenteil, sie fragte Charlotte Knobloch über eine gemeinsame Freundin für ihr Buchprojekt an. „Die Idee war, Nachfahren der Tätergeneration mit der Opfergeneration in Dialog zu bringen“, sagt Glas.

Auch wenn Charlotte Knobloch an diesem Abend nicht anwesend ist, wird sie durch die Erzählungen von Glas lebendig greifbar im Raum. Die Autorin schildert, wie Knobloch als Vierjährige in München ihre Mutter verlor: Weil diese sich den Repressalien nicht gewachsen fühlte, die ihr als Deutsche, die mit einem jüdischen Mann verheiratet war, entgegenschlugen, verließ sie Mann und Tochter. Einige Zeit danach habe die kleine Charlotte ihre Mutter zufällig auf der Straße gesehen, sie „Mama!“ gerufen –, „und die wandte sich ab, das ist unfassbar für mich“, sagt Glas sichtlich betroffen.
Als Mutterersatz fungierte fortan die Großmutter väterlicherseits. Und die stand bald vor einer furchtbaren Wahl: Entweder sie selbst oder die Enkelin sollten ins KZ deportiert werden. Die Großmutter opferte sich. Danach beschloss der Vater, seine Tochter wegzuschicken, zu ihrem früheren Kindermädchen Kreszentia. Die gab die neunjährige Charlotte als ihr uneheliches Kind aus.
„Wer das Leben auf einem Dorf, besonders in einem bayerischen katholischen Dorf kennt wie ich, weiß, was das damals für diese junge Frau bedeutete. Sogar ihren Vater belog sie, nur dem Pfarrer beichtete sie die Wahrheit. Und der schützte sie“, sagt die gebürtige Niederbayerin voller Hochachtung.
Im Laufe ihrer Treffen lernt sie Knobloch nicht nur als charakterstarke Persönlichkeit kennen, sondern trotz dieser „schrecklichen Trennungen in ihrem Leben“ auch als einen Menschen mit viel Wärme und Humor. „Als sie mir erzählte, wie sie ihre Lebensliebe und späteren Mann kennenlernte, leuchtete sie wie ein Mädchen von 17 Jahren, das war unglaublich“, erinnert sich Uschi Glas.
Parallel kristallisiert sich für sie ein anderes Anliegen immer drängender heraus: Sie will um die Haltung und Taten ihrer Eltern in der Zeit des Nationalsozialismus wissen. „Gefragt habe ich schon als 17-Jährige immer wieder“, sagt Uschi Glas. Während ihre Mutter dann regelmäßig aufstand und das Zimmer verließ, antwortete ihr Vater: „Das verstehst du nicht, Uschi.“ „Eine Wand aus Schweigen, die viele meiner Altersgenossen damals erlebten.“
Im Kontext ihres Buchprojekts beauftragte sie einen Ahnenforscher. Zutage kam, dass ihr Vater mit 18 Jahren Mitglied der NSDAP und ab 1944 zur Waffen-SS eingezogen worden war. „Er war Funker und hat nichts Schlimmes gemacht wohl. Aber dieses Wissen hat mich sehr geschmerzt und belastet. Und ich dachte mir: Das ist die Wahrheit, mit ihr musst du leben.“ Dazu kam das Gefühl, sofort ihre Gesprächspartnerin über diese Wahrheit informieren zu müssen. Wie hat Charlotte Knobloch reagiert, fragt die Moderatorin. „Sie sagte zu mir: Das ist mir egal! Wir sind in keiner Sippenhaft.“
Am Ende dieses sehr berührenden Abends betont Guy Katz dennoch das positiv Menschliche, das sich als „roter Faden“ durch das Gehörte ziehe: „Es gab das Kindermädchen, das Charlotte gerettet hat. Und dein Vater, Uschi, konnte dir trotz allem etwas geben. Und in Sydney haben zwei Männer die Kugeln für ihre Frauen auf sich genommen.“ Auch das gehört zur Wahrheit.


