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US-Tournee:Solo auf dem Grünstreifen

Mariss Jansons und Riccardo Muti in Chicago

Treffen zweier Maestri: Mariss Jansons und Riccardo Muti mit dem BR-Symphonieorchester.

(Foto: Peter Meisel/BR/oh)

Erstmals seit 2003 geht das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks auf Tournee durch die Metropolen der amerikanischen Ostküste. Eine Reise, die von Klassikfans in USA und Kanada mit Spannung erwartet wird. SZ-Kulturredakteur Egbert Tholl begleitet die Tour und schildert in einem "Symphonischen Tagebuch" hier täglich seine Eindrücke von den Auftritten der Münchner Musiker und der Kultur- und Klassikszene zwischen Montreal und Washington.

Es geht immer noch ein bisserl härter. Von Ann Arbor nach Chicago fahren wir mit dem Bus. Mit drei Bussen, die alle auch fröhlich aufbrechen, reichlich früh, aber die Fahrt dauert ja auch fünf Stunden, und das Konzert in Chicago ist bereits um 16 Uhr, die Anspielprobe - Meister Jansons' Akustiktest - bereits um 14.30 Uhr. Alles geht gut, zwei Stunden lang, dann macht der Bus, in dem ich sitze, seltsame Geräusche, der Fahrer fährt auf den Randstreifen, das Gefährt lässt sich nicht mehr dazu bewegen, seinen Motor abermals ins Gang zu setzen.

Nun kann man sich am Highway ein wenig die Beine vertreten, Martin Angerer spielt zur Aufmunterung auf dem Grünstreifen ein bisschen Trompete und die beiden anderen Busse, bislang vor uns, drehen um und kommen vorbei, um uns aufzusammeln. Im Hotel in Chicago angekommen, müssen wir leider feststellen, dass die meisten der Zimmer noch nicht fertig sind und wohl erst nach dem Konzert bezogen werden können. Für einen mitreisenden Journalisten ist das nicht tragisch, für einen Musiker, der sich auf das Konzert vorbereiten will, nach fünf Stunden im Bus ein paar Minuten Ruhe braucht, um dann 80 Minuten Schostakowitsch gestalten zu können, ist es hart.

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Aber der Lohn der Mühen ist enorm. Als die Musiker in Arbeitskleidung kurz vor dem Konzert leicht identifizierbar auf dem Trottoir stehen, werden sie vor dem Symphony Center herzlich willkommen geheißen ("good to have you here"), später wird das Publikum mit dem letzten Ton aufspringen, restlos begeistert. Generell sind die Zuhörer auf dieser Tour herzhaft enthusiasmiert, aber hier in Chicago sind sie noch mal wahnsinniger.

Zwei Dirigenten - ein Desaster

Gewohnt sind sie hier viel Musik, von vielen illustren Gästen und vor allen von Riccardo Muti, dem Chef des Chicago Symphony Orchestra. Zur Probe kommt Muti vorbei, begrüßt das Orchester, das er, so Muti, seit Dekaden bewundere, herzlich umarmt er Mariss Jansons, eng umschlungen stehen sie auf dem Podium, und Muti meint, ein Dirigent sei schon ein Problem, zwei seien ein Desaster.

Die Siebte von Schostakowitsch gerät zum Triumph. Vielleicht ist es ein bisschen wie bei Theaterproben mit Frank Castorf, der erst mit der völligen Erschöpfung der Schauspieler ans ersehnte Ziel gelangt. Nun zielt Jansons stets herzliches, gleichwohl unabdingbares Tun ja keineswegs auf die physische Überforderung seiner Musiker. Aber wie die hier aus den widrigen Umständen heraus ein fabelhaftes, mitreißendes Musizieren hinkriegen, das ist schon enorm.

Der Saal trägt einiges dazu bei, ich finde ihn von allen auf dieser Tournee bislang am tollsten, er hat fast die Durchsichtigkeit und Homogenität von Montreal, dem Lieblingssaal der meisten Musiker, weil sie sich dort auf dem Podium am besten hören, wirklich kommunizieren können -, aber viel mehr Druck. Musik wird zum physischen Erlebnis, was gerade bei der Siebten, vor allem im ersten und im vierten Satz, unabdingbar ist.

In des Gasteigs Weite ist die dramaturgische Konsequenz, die Klangerzählung vom Leben und dessen Bedrohung, so nicht erfahrbar, auch wenn das Münchner Konzert in der Erinnerung auch sehr beeindruckend war. Aber wichtige Details, die Abläufe der argumentativ eingesetzten Themen, hört man nun viel zwingender.

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