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US-Tournee:Mit den Symphonikern im Jazzclub

Erstmals seit vielen Jahren geht das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks auf Tournee durch die Metropolen der amerikanischen Ostküste. Eine Reise, die von Klassikfans in USA und Kanada mit Spannung erwartet wird. SZ-Kulturredakteur Egbert Tholl begleitet die Tour und schildert in einem "Symphonischen Tagebuch" hier täglich seine Eindrücke von den Auftritten der Münchner Musiker und der Kultur- und Klassikszene zwischen Montreal und Washington.

Von Egbert Tholl, Washington

Das habe ich vermisst: Du sitzt in deinem Hotelzimmer am Laptop (das habe ich nicht vermisst) und hörst Musik, die gerade irgendwo im Gebäude entsteht (das schon). Die ersten übenden Musiker konnte man gestern bereits eine halbe Stunde nach dem Einchecken im Hotel hören, als wollten sie die knapp neun Stunden des holprigen Flugs wegspielen und sich dabei versichern, dass in jenen engen Stunden ihre hochgezüchtete Spezialistentätigkeit keinen Schaden genommen hat.

Man könnte ihnen auch zurufen, heute ist doch noch ein freier Tag, geht hinaus in die Sonne, zumal die Hauptgruppe noch später ankommt, nämlich aus Frankfurt, wo das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks noch schnell vor der USA-Tournee ein Konzert gab. Nur einige Musiker reisten mit den Journalisten zusammen aus München an. Und waren eher da.

Das Gefühl, durch eine Filmkulisse zu wandern

Washington fühlt sich an wie eine weiße Sonntagsstadt, es laufen nicht einmal viele Touristen herum, alles ist ungeheuer entspannt. Vor dem Weißen Haus stehen ein paar Demonstranten, die dem Präsidenten klar machen wollen, was sie von seiner mangelnden Durchsetzungskraft gegenüber der amerikanischen Waffenlobby halten: "Shame on You Obama." Washington war einst die Mordhauptstadt der USA, aber davon merkt man bis auf die wenigen Entrüsteten in der Pennsylvania Avenue nichts mehr.

Musik gab es gestern Abend doch ein bisschen, auf der Straße in Georgetown, einer reizenden Gegend, an deren Rand unser Hotel liegt. Zwei Musiker, einer spielte Posaune, der andere Schlagzeug. Sie standen vor einem Jazzclub, nicht darin, und sie spielten ihre Parts, während aus einem Ghettoblaster - seltsames Wort in einem mehrheitlichen weißen Hipster-Viertel, dem ältesten der Stadt - der eigentliche Song herauspulste. "Living in America" von James Brown, eines seiner blödesten Lieder, hier passt es natürlich rasend gut, klingt sogar auf einmal toll, dank der beiden Musikanten.

Ohnehin hat man hier das Gefühl, sich die ganze Zeit in einem Kinofilm oder einer Fernsehserie zu bewegen. Selbst wenn man hier noch nie gewesen sein sollte, kennt man es. Selbst die Sirene eines Feuerwehrwagens ist einem vertraut, die Orte eh, Kapitol und Mister Lincoln in Stein, davor das flache Wasserbecken. War das nicht in "Forrest Gump"? Ja, aber vermutlich spielte es auch in tausend anderen Filmen eine Rolle.

Warum sagen alle "Baby" zu mir?

Dann wandert man durch verschiedene Museen, die alle trotz ihrer Großartigkeit keinen Eintritt kosten, weil sie zu irgendwelchen Stiftungen gehören. Warum sagen alle dicken, wunderbar lachenden schwarzen Damen des Sicherheitspersonals "Baby" zu mir? Sagen die immer Baby? Die Musik im Hotel formiert sich nun zu einer ganz und gar reizenden Melodie, klingt wie aus einer Spieldose, altmodisch, zart.

Doch alles wird für mich gerade überwölbt von einem ganz bestimmten Museumsbesuch. Sonnendurchflutete Stadt, junge Frauen mit Yogamatten unterm Arm, Holocaust-Museum. Ich war im "United States Holocaust Memorial Museum", dreieinhalb Stunden, und danach taumelt man lange Zeit durch die Stadt, als umgäbe einen die hier ungemein geputzte, amerikanische Wohlbefindlichkeit, die sich je wirklich völlig überraschend ausbreitet, wie ein dicker, falscher Kokon. Falsch, weil sie für einen selbst gerade nicht zugänglich ist. Das Museum ist grandios. Und völlig erschütternd.

Selbst wenn man seine Uni-Magisterprüfung über den Holocaust gemacht hat, diverse entsprechende Museen kennt, also viel weiß und hartgesotten ist - wie die hier mit einer objektiven Härte ein eigentlich nicht aufbereitbar erscheinendes riesen Thema aufbereiten, das ist kolossal. Jetzt noch Konzerte hören . . . na ja, morgen.

In seinem"American Diary" beschreibt Egbert Tholl in den nächsten Tagen seine Eindrücke von der USA-Tournee des BR-Symphonieorchesters

© SZ vom 13.04.2016/ebri

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