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Urteil:Versuchter Mord nach Kippen-Streit

Gericht verurteilt Familienvater, der sein Opfer brutal verprügelt hat

Das Motiv, das Nikolay T. für seine Tat nannte, verstört: "Aus Wut und Verärgerung" darüber, dass ihm ein anderer Mann keine Zigaretten gab, hat der 32-jährige Gebäudereiniger ihn fast zu Tode getreten. Nikolay T. trug bei der Tat, die sich am 22. März vergangenen Jahres an der Reichenbachbrücke ereignete, Arbeitsschuhe mit Stahlkappen. "Ich wollte meiner Wut freien Lauf lassen", sagte T. in dem Prozess vor dem Schwurgericht am Landgericht München I. Für die brutale Attacke wurde der 32-Jährige jetzt wegen versuchten Mordes zu sieben Jahren Haft verurteilt. Außerdem ordnete das Gericht die Unterbringung des alkoholabhängigen Familienvaters in einer Entziehungsanstalt an.

Das Opfer von Nikolay T. war eine Zufallsbekanntschaft. Der 60-Jährige hielt sich am frühen Abend jenes 22. März ebenfalls an der Isar auf und trank dort Bier. Als er gegen 19 Uhr nach Hause gehen wollte, sah er den Gebäudereiniger im Gras liegen. Dieser war so betrunken, dass er nicht mehr ansprechbar war. Der 60-Jährige bedeckte T. mit Kleidern, damit er sich nicht unterkühlt. Inzwischen hatte ein Passant den Rettungsdienst alarmiert. Die Helfer stellten fest, dass T. zwar stark betrunken war, ihm sonst aber nichts fehlte. Der 60-Jährige sicherte den Rettungshelfern zu, dass er sich um den Gebäudereiniger kümmern werde. "Ich hab' ihn verhätschelt wie ein Kind", sagte der Mann bei seiner Vernehmung vor dem Schwurgericht.

Nachdem es den Rettungssanitätern gelungen war, Nikolay T. zu wecken, ging der 60-Jährige mit ihm in einen nahegelegenen Getränkeladen, um dort Bier zu holen. Danach setzten sich beide auf eine Parkbank an der Ecke Reichenbachbrücke und Eduard-Schmid-Straße. Nach einer Weile fragte T. den 60-Jährigen, ob er eine Zigarette haben könne. Der Mann sagte, er rauche nicht. Nikolay T. fragte noch einmal. Beim dritten Mal war der 60-Jährige genervt und fuhr den Gebäudereiniger an, er solle jetzt "mit seinen Scheiß-Zigaretten aufhören". Nikolay T. schlug und trat daraufhin ohne Vorwarnung zu.

Das Opfer erlitt bei der Attacke eine Nasenbeinfraktur sowie mehrere Prellungen. Es sei "verwunderlich, dass dem Geschädigten so wenig passiert ist", erklärte Staatsanwältin Nina Prantl - und forderte, den Angeklagten wegen versuchten Mordes zu elf Jahren Haft zu verurteilen. Von dem Übergriff gibt es ein Video eines Passanten. Nikolay T. habe mit dem rechten Fuß mindestens acht Mal "schwungvoll gegen Kopf und Oberkörper getreten", so die Staatsanwältin, damit habe er den Tod des 60-Jährigen billigend in Kauf genommen. Der Verteidiger des Familienvaters, Christian Gerber, plädierte auf eine Verurteilung zu drei Jahren Haft wegen gefährlicher Körperverletzung. Doch das Gericht entschied auf versuchten Mord.

© SZ vom 18.03.2020

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