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Urteil:Das soll Münchens Kulturwelt sein?

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Die schönen Musen und ihre dunklen Seiten: Der Strafprozess gegen den Ex-Rektor der Münchner Musikhochschule polarisiert Kultur-Interessierte.

(Foto: imago)

Das Urteil gegen den ehemaligen Rektor der Münchner Musikhochschule bewegt die Gemüter

Zur Berichterstattung über den Prozess gegen den Ex-Rektor der Musikhochschule München, insbesondere zu den Leserbriefen, die am 28./29. Mai unter dem Titel "Münchens Kulturwelt ist entsetzt" abgedruckt wurden:

Schmierentheater

Was am meisten bei dem Studium der Leserbriefe aus "Münchens Kulturwelt" schockiert, ist das Rechtsverständnis der Autoren von einer unabhängigen Justiz, das aus jedem Brief hervorgeht. Da wird ein rechtsstaatlich von einem deutschen Schöffengericht ergangenes Urteil übel beschimpft und als Ergebnis eines Komplotts dargestellt, das der Einhaltung und Beachtung jeglicher rechtsstaatlicher Grundsätze entbehrt. Der mehrfach namentlich benannte Vorsitzende Richter wird in einer Weise attackiert, die sprachlos macht , beinahe so, als wäre der Richter derjenige, der anstatt des verurteilten Sexualstraftäters Mauser wegen Rechtsbeugung auf die Anklagebank gehöre. Ja geht's noch? Das soll Münchens Kulturwelt sein? Ein brillanter Kopf wie Hans Magnus Enzensberger gibt sich für ein derartiges Schmierentheater her?

Und welches Geschlechterverständnis, welcher Respekt gegenüber Frauen und insbesondere welche Haltung zu sexistischen männlichen Übergriffen kommt denn da bei den älteren Herren und der Dame zum Vorschein? Die Opfer: neurotische karrieresüchtige Tussen, die sich zurückgesetzt fühlen; sollen sich doch nicht so anstellen, wären doch sicher gerne mit dem sich selbst angeblich als für Frauen unwiderstehlich haltenden bedeutenden Künstler ins Bett gegangen, wenn's denn der Karriere genützt hätte!

Oh je, man dachte, dass diese Zeiten ein für allemal der Vergangenheit angehören würden. Zumindest in Münchens Kulturwelt scheint das wohl keineswegs so zu sein. Wo bleibt denn nun der Aufschrei der übrigen Mitglieder dieser Kulturwelt? Fehlanzeige? Haben die Leserbriefschreiber tatsächlich stellvertretend für die Münchner Kulturwelt geschrieben? Es wäre schlimm.

Die Leserbriefe sind empörend und traurig zugleich. Es bleibt zu hoffen, dass deren Verfasser dem Delinquenten damit für die Berufungsinstanz einen Bärendienst erwiesen haben.

Rainer Lechleitner, Baldham

Was wirklich entsetzlich ist

Sexuelle Übergriffe hart ahnden. Dies war nach den Silvester-Ereignissen in Köln der ungeteilte Tenor der öffentlichen Meinung. Aber: Gilt das nur für Täter aus "fremden" Kulturen, in deren Heimatland die Gleichberechtigung der Frau nicht Grundrecht ist? Bei renommierten Vertretern der Münchner Kulturwelt heißt das dann: "Kratzen an den Grenzen des Erlaubten" (Zitat Udo Schmidt-Steingraeber) oder "man muss in Fällen, in denen Aussage gegen Aussage steht, die Glaubwürdigkeit der Anklägerin prüfen" (Zitat Hans Magnus Enzensberger). Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wird hier - zugegebenermaßen sprachlich brillant: wer kommt schon auf die Idee Damen mit tückischen Tellerminen zu vergleichen? - der Spieß einfach umgedreht und die Integrität der Klägerin in Frage gestellt. Ein geschickter Kniff, denn Integrität ist oftmals genauso schwer zu beweisen wie Schuld. Auch das Wissen um solche Mechanismen könnte eine Frau veranlassen, erst nach vielen Jahren und aus aktuellem Anlass Anzeige zu erstatten. Wer sich dennoch nicht scheut, einen Vorfall ans Licht zu bringen, hat meines Erachtens höchsten Respekt verdient. Im vorliegenden Fall hat die Klägerin ja in erster Instanz Recht bekommen. Den Verlust seines guten Rufes und seiner Pensionsansprüche hätte sich der Beklagte demnach selbst zuzuschreiben.

Selbstverständlich steht ihm das Recht zu, Berufung einzulegen. Auch in zweiter Instanz wird aber nicht die Lebensleistung eines (ich zitiere) "Komponisten, Pianisten, Musikschriftstellers, ehemaligen Rektors, Professors" verhandelt, sondern schlichtweg die mutmaßliche Tat. Und die wird dann von Neuem ergebnisoffen beleuchtet. Es könnte also auch so sein: Die Klägerin hat es nicht nötig, ihre Künstlerpersönlichkeit durch Mobbing aufzuwerten, und sie spricht einfach die Wahrheit. Zu Recht wäre auch dann Münchens Kulturwelt entsetzt. Allerdings aus anderen Gründen als den in den Leserbriefen vom 28./29. Mai genannten.

Roswitha Kuttig, München

Blamable Empörung

Als langjährige SZ-Leserin habe ich die Vielfalt der auf der Leserbriefseite vertretenen Ansichten stets geschätzt. Umso enttäuschter, umso entsetzter war ich, als ich im Fall des Herrn Mauser feststellen musste, dass alle abgedruckten Leserbriefe in dasselbe Horn stießen: Empörung über den Urteilsspruch und über die Äußerungen des Richters allenthalben und einhellig. Den "Damen", die die sexuelle Belästigung zur Anzeige gebracht hatten, galt höchstens die ein oder andere sarkastische Bemerkung. Kann es sein, dass keine anders lautenden Meinungen vertreten wurden, dass es, bis auf eine, keine Reaktionen von Frauen gab (genau so war es bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Briefe vom 28./29. Mai; d. Red.)? Schwer vorstellbar. Und wenn es so war: Wie bestürzend. Auch ich finde die Bemerkungen des Richters unangemessen und hätte es begrüßt, wenn er sich dieser Äußerungen enthalten hätte. Besonders bedauerlich aber finde ich, dass er dadurch einen Nebenschauplatz eröffnet hat, der erlaubt, vom eigentlichen Skandalon abzulenken. Die Unangemessenheit der Äußerungen des Richters ("Grapscher" etcetera) liegt im Bereich des Geschmacks - die Unangemessenheit im Verhalten des Angeklagten (um es milde auszudrücken) wahrlich nicht. Schön wär's, wenn die Herren Leserbriefschreiber (und eine Dame) Recht hätten mit ihrer Annahme, dass Fähigkeit zu langjähriger Freundschaft und künstlerische Klasse zwingend in untadeliges Verhalten münden.

Dr. Dagmar Leupold, München

Elite auf Biertischniveau

"Münchens Kulturwelt ist entsetzt." - Ach nein, wie schön. Die kulturelle Elite der Landeshauptstadt distanziert sich vom "Grabscher" der Hochschule für Musik? Sie ist entsetzt ob der aufgedeckten, jahrelangen Nötigung von Studentinnen und einer Mitarbeiterin? Nein. Sie ist entsetzt ob einer "Blamage der Justiz", eines "Komplotts", ob einer "Hexenverfolgung". Nur wirft sie damit die Frage auf, wem hier eigentlich Kramers Hammer auf den Kopf gefallen ist. Die Crème de la Crème der kulturellen Elite nicht nur Münchens, sondern der ganzen Bundesrepublik gibt sich einem Modus der Kritik hin, der sich in keiner Weise von den dürftigen Allgemeinplätzen im Augustinerkeller unterscheidet.

Peinlich und bezeichnend zu lesen, wie einhellig die alten Herren und eine Dame Justizkritik auf dem Niveau von Pegida und AfD leisten, wie die Opfer zu Schuldigen umstilisiert werden und das eitle Geschwätz von langjährigen Freundschaften im Ton von Nachmittagssendungen der Privatsender herüberkommt. Bezeichnend, da doch gerade von der Intelligenz die Zeit und das Vermögen erwartet werden können, dass sie ihre Köpfe zum Denken und nicht für die Banausie aufwenden.

Gerade, dass Hans Magnus Enzensberger, Dieter Borchmeyer und Michael Krüger sich nicht zurückhalten konnten, lässt vermuten, dass hier die Riege derer versammelt ist, die sich im Lichte des eigenen Ruhms sonnen, da sie nichts mehr zu verlieren haben - und wäre dies nicht ein ausgelaugter Topos des 19. Jahrhunderts, möchte man fast von der Münchner Provinzialität sprechen. Bei solch einer willfährigen und unterwürfigen "kulturellen Elite" braucht es nicht Wunder zu nehmen, dass sich niemand mehr einen feuchten Kehricht um diese Liga der angegrauten Greise kümmert. Sie haben ausgedient.

Patrick Becker, Berlin

Was Freunde so alles ausblenden

Mit Verwunderung habe ich die Leserbriefe unter der SZ-Überschrift "Münchens Kulturwelt ist entsetzt" zur Kenntnis genommen. Wie man den Beiträgen entnehmen kann, sind die Verfasser mit dem verurteilten Siegfried Mauser eng befreundet. Die Verurteilung eines guten Freundes wegen sexueller Übergriffe ist sicher eine schwere Erschütterung, denn sie stellt das eigene Urteilsvermögen und vielleicht sogar die Freundschaft in Frage. Es gehört zum Wesen der Freundschaft, in so einem Fall eher am Richter als am Freund zu zweifeln. Eine objektive Beurteilung des Vorgangs oder des Richterspruch, ist auf dieser Grundlage unwahrscheinlich.

Ich entnehme den Beiträgen, dass sich deren Verfasser nicht mit der Typologie von Sexualstraftaten auseinandergesetzt haben. Es ist viel von Verdiensten, von Ehre und von der gesellschaftlichen Stellung des Verurteilten die Rede. Es ist bekannt, dass dies nicht im Widerspruch zu einem möglichen Täterprofil steht, sondern sogar oft Voraussetzung ist, da sich gerade in diesem Zusammenhang die Möglichkeiten zu Übergriffen ergeben und der Schutz vor Entdeckung stark erhöht ist. Mit einem Machtgefälle zwischen Täter und Opfer verhält es sich ebenso. Dabei spielt das Niveau des gesellschaftlichen Rahmens und die Frage, ob diese Macht institutionell oder anderweitig begründet ist, keine Rolle. Was hier zur Ehrenrettung von Herrn Mauser angeführt wird, dient also gerade nicht dazu, den Richterspruch in Zweifel zu ziehen und es berechtigt schon gar nicht, aus Opfern kurzerhand Täter zu machen und sie zu diffamieren.

Es ist vielleicht die freundschaftliche Pflicht, den Verurteilten in Schutz zu nehmen, aber es ist völlig unangemessen und entspricht hoffentlich nicht dem Niveau der "Münchner Kulturwelt", den in Rede stehenden Prozess in die Nähe von Hexenverfolgung zu stellen (Schmidt-Steingraeber) oder die Zeugen mit Tellerminen zu vergleichen (Enzensberger). Herr Enzensberger, der offensichtlich genau weiß, wie die Sache gelaufen ist, gibt uns mit seinem Beitrag einen großzügigen Einblick in den Charakter seiner Gedankenwelt.

Die "Münchner Mauserwelt" könnte eine Revision dringend gebrauchen.

Christoph Kern, Staufen im Breisgau

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