Uraufführung in der Staatsoper Expressive Bilder mit philosophischer Tiefe

Die weit verzweigte, vielfarbig schillernde Geschichte wird in Köstümen, Bühnenbild, von Tänzern und großer Statisterie in Mauerstürzen, Sintfluten und Feuerwänden opulent aufbereitet. Nicht einfach nacherzählt, nicht künstlich dramatisiert - Sloterdijk wollte von Anfang an "keinen vertonten Tatort", sondern in expressive Bilder aufgelöst, die einander ablösen, ergänzen, ineinanderfallen - sich einerseits selbst genug sind, im Gesamteindruck aber doch auf eine unterschwellige Ebene hinweisen, auf der ernste Dinge, im Grunde der Ernst des Lebens in all seiner unterhaltsam-prachtvollen Erscheinung verhandelt wird.

Nicht erst da kommt der Philosoph Peter Sloterdijk ins Spiel, der nicht nur das Libretto geschrieben hat, sondern schon im Vorfeld das denkerische Handwerk geliefert hat, um den künstlerischen Rahmen dieser in zwei Jahren erarbeiteten Riesenunternehmung abzustecken. Auch Jörg Widmann hat sich lange mit Thema und theatralischer Umsetzung befasst, ihn schien aber, das hörte man schon bei seinen ersten Arbeitsberichten heraus, wie immer die Begeisterung zu leiten, die schiere Schaffensfreude, die angesichts eines so umfangreichen und vieldeutbaren Stoffes wie der Geschichte der Stadt und des Phänomens Babylon zu erwarten war.

Für Widmann war Babylon von Anfang an zugleich konkreter historischer Ort, phantastische Vision, Mythos und abstraktes Phänomen. Und so arbeitet er auch selten mit klanglicher Bebilderung von Szenen und Figuren, sondern vielmehr mit dem Spannungsverhältnis unterschiedlicher musikalischer Schichten und Idiome.

Der bayerische Defiliermarsch scheitert

Immer meint man etwas zu verstehen und muss doch erleben, wie sich bei konkreterem Hinhören wieder alles verflüchtigt und gleichzeitig schon wieder eine neue Klangebene eingezogen wurde, deren Anfang und Ende unbegreiflich bleibt. Widmann arbeitet virtuos mit diesen Eindrücken des Verstehens und Nichtverstehens, mit Emotionen und deren plötzlicher Auflösung, mit Gedanken, die in einem vorkonkreten Zustand verharren. Dass auch mal etwas missglücken kann, zeigt der Versuch, mit bayerischem Defiliermarsch und Hupfauf-Fragmenten komische Elemente einzubringen.

Dass daneben aber unglaublich viel gelingen kann, beeindruckte an diesem Abend aufs Nachhaltigste. Immer wieder gibt es anrüherende Momente, die allein der elaborierten Musiksprache geschuldet sind und wie aus dem Nichts auftauchen und ebenso schnell wieder verschwinden oder sich auflösen in komplexe Dialoge und durchaus auch sperrige Klangszenen. Widmann hat in der Ausbalancierung von musikalischer Vertrautheit und durchaus auch schroffen Reizen inzwischen bewundernswerte Könnerschaft erlangt, er spielt mit traditionellen Formen ebenso virtuos wie mit freien Strukturen.

Das wichtigste aber: Er verliert nie den Faden zum Gegenstand, zum Stück, zur Story, zu den Bildern, zu den Protagonisten. In dieser Uraufführung jedenfalls passte alles: das wortgewaltige Libretto, die bis ins kleinste Detail austarierte Partitur, die ausgezeichneten Solisten, Chor und Orchester, schließlich eine mitreißende Regie. Das Publikum dankte mit viel Beifall und noch mehr Begeisterung, Sloterdijk stolpert über einen vergessenen babylonischen Mauerstein, als ein unverhoffter Buhruf aus dem Zuschauerraum kommt. Während sich alle beinahe bis zum Bühnenboden verneigen, nickt er - erschrocken oder unerschrocken? - kurz und knapp.