Uraufführung in der Staatsoper Orgiastische Szenen und Glitzerkostüme

In München ging es diesmal eher um ruhigere Bildeindrücke, die sich jedoch nicht minder stark einprägten. Neben dem springflutartig überlaufenden Euphrat (verkörpert auch durch die Sorpanistin Gabriele Schnaut), singende Planeten in Glitzerkostümen, Chormassen in Buchstabenkleidern, die den im Hintergrund als Buchstabenfluss herabstürzenden Euphrat in die Vorderbühne hinein fortlaufen lassen, gibt es orgiastische Szenen mit übermannsgroßen Phalli und ebenso ausladenden Vulven, aber im Sinnzusammenhang des Opferfestes wirkt das alles weit weniger obszön als gewohnt.

Immerhin geht es darum, dass Tammu (stimmlich und darstellerisch von unerschütterlicher Sicherheit: Jussi Myllys), Exiljude und Freund des Priesterkönigs von Babylon (hervorragend: Willard White), sich durch die Priesterin Inanna (in der wohl schwierigsten Partie des Abends glänzend und am Ende zu Recht mit Beifall überschüttet: Anna Prohaska) nicht nur sexuell angezogen fühlt, sondern dermaßen in seinen geistigen Grundfesten erschüttert ist, dass ihm nicht nur Tradition und Glaube, sondern sogar die eigene Seele (virtuos und sicher auch in unverschämt hoher Lage: Claron McFadden) abhanden kommt.

Tammu ist hin- und hergerissen zwischen der geliebten Seele, die nun einsam umherirrt, und der mächtigen Prieserin Inanna, die ihn schließlich vollkommen in Bann schlägt. Der Priesterkönig erneuert derweil die Weltordnung und schafft vor allem Integration vor allem durch die neuen Opferrituale. Das funktioniert nur, wenn es wirkliche Opfer sind, die das Sein und Bewusstsein des Opfernden nachhaltig verändern, und das heißt: Die Götter fordern das, was der König am meisten liebt. Es trifft Tammu.

Erschaffung einer opferfreien Welt

Die Geliebte, Inanna, erwirkt bei den Göttern eine Rücknahme des Opfers, und die beiden Liebenden schaffen eine neue, opferfreie Welt. Bis dahin aber ist es ein steiniger, schmerzensreicher Weg, zu dem der Komponist Widmann einen ebenso steten und intensieven Klangfluss kreiert hat. Das Erstaunliche dabei: Wie er die Babylonische Vielsprachigkeit in eine kongeniale Vielklanglichkeit umsetzt, die verständlich wirkt und beinahe vertraut, aber genau besehen dann doch im Vagen bleibt und rein ästhetitsche, vom Inhalt abstrahierte Aspekte damit in den Vordergrund gelangen. Ganz so, wie man ein vielsprachiges Stimmengewirr akustisch erfassen würde.

Der göttliche und menschliche Leidensweg, der am Ende zu einer Neuordnung der Welt in sieben Wochentagen führt, beginnt in den Ruinen von Babylon, wo zwischen den Trümmern der Stadtmauer der letzte Überlebendem, ein Skorpionmensch herumgeistert und den biblischen Fluch verkündet, der über der Stadt liegt: "Wer dich wieder aufbaut, sei verflucht, sein erstes Kind soll sterben bei der Gründung der Stadt, sein jüngstes Kind soll sterben beim Einsetzen der Stadttore."

Düstere Szenerie: Die Sopranistin Anna Prohaska in der weiblichen Hauptrolle der Inanna.

(Foto: dpa)

Widmann hat diesen Fluch nicht als Drohgebärde komponiert, sondern als große Klage über den Untergang der babylonischen Hochkultur, und der Countertenor Kai Wessel trifft wunderbar all die Zwischentöne von Trauer und Verzweiflung, die der Komponist mit genialischem Gespür eingeflochten hat. Aus dem Off hört man den Chor in beinahe vertrauten Harmonien, choralartig angelegt, auf den Himmel vertrauend.

Später, gegen Ende der sieben Bilder, in denen die oft oratorienhafte Oper angelegt ist, wird auch der Himmel eingestürzt sein und die Zeitordnung vernichtet. Zur Klage des Skorpionmenschen jaulen die Bläser wie wilde Hunde und Kojoten in dieser Trümmerstadtwüste, darüber schieben sich zuweilen Glissandi wie der Nachhall der Trompeten von Jericho, die einst die Stadtmauer zum Einsturz brachten, schließlich übernehmen Figuren auf der Bühne mit gekrümmten Blasinstrumenten diese Rolle, aus dem Orchestergraben kommt der Klang von tiefen Holztrompeten.

"Babylon" in der Staatsoper

Jaulen und Klagen mit philosophischem Hintergrund

Was der Chor singt, versteht man bis auf die Anrufung "Babylon" nicht, es sind wohl Namen von Herrschern aus glanzvollen Tagen, auf der Lauftext-Leiste über der Bühne erscheinen dazu Keilschriftzeichen. Hinter den buchstabenbehafteten Mauerquadern erhebt sich ein Turm, rechterhand die vierbrüstige Statue der Göttin Inanna.

Nun erst eröffnet das erste Bild, die "einsame Seele" sucht nach Tammu, der sie verlassen und sich in die Priesterin Inanna verliebt hat. In die Liebe gefallen sei er "wie in den Rachen eines Löwen", lässt ihn Sloterdijk in biblisch anmutender versartiger Prosa sagen, so wie er generell sowohl im Tonfall, in Wortwahl und Erzählmelodie eine ganz eigene Sprachmusik entwickelt, die der eigentlichen Klangwelt Widmanns aber nie im Wege steht oder tautologisch zuvorkommt. Sloterdijk verzichtet allerdings weitgehend auf orientalische Überparfümierung der Metaphern, sodass ein lakonisch abgeklärter Grundklang entsteht, der die humanistische Wende in der überlieferten Katastrophengeschichte beinahe authentisch werden lässt.

Eine Frage bleibt offen

Nach den opulenten Festen und der alles zerstörenden Flut, hier dargestellt in holographischen Bildern von Tsunami und Atompilz, stellt Sloterijk kurzerhand einen menschheitsverbindenden Neuanfang, eine Auflehnung gegen längst machtlose Götter und "die Illusion vom sichern Heil". "Und doch", sagt der Skorpionmensch ganz am Schluss, "ich lebe". Nur eine Frage bohrt in ihm, nachdem er die ganze Welt und sein ganzes Leben als allmähliche Untergangskatastrophe erlebt hat: Woher das Sanfte und Gute kommt.