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Uraufführung "Bayerische Suffragetten":Kampf dem Vergessen

Bayerische Suffragetten

Frei sein: Szene mit Lucy Wilke, Anna Gesa Raija Lappe, Edith Saldanha und Thomas Hauser (v.li.).

(Foto: Julian Baumann)

Die Kammerspiele widmen sich der Frauenbewegung

Von Yvonne Poppek

Vier Tage dauerte er, der erste "bayerische Frauentag", vom 18. bis zum 21. Oktober 1899. Organisiert hatte ihn der Münchner "Verein für Fraueninteressen"; das Café Luitpold in der Brienner Straße und der Saal des alten Rathauses dienten als Versammlungsorte. Auf dem Kongress wurde viel gesprochen, viel natürlich von Frauen. Blickt man heute auf das Ereignis zurück, ist jedoch überraschend, was davon übrig ist. Alle Originaltexte der Rednerinnen seien nicht mehr da, sagt Jessica Glause. Erhalten seien drei Reden von Männern und die Zeitungsberichterstattung - ebenfalls von Männern. Möglicherweise liegt hier schon der erste Fehler im System, die durchweg männliche Perspektive auf die frühe Frauenbewegung. Viel ist jedenfalls nicht im kollektiven Bewusstsein geblieben von den Kämpferinnen und dem Kongress von damals. Die Inszenierung "Bayerische Suffragetten" an den Münchner Kammerspielen, die am Sonntag, 27. Juni, Premiere hat, soll dies nun etwas ändern.

Glause hat diesen Abend konzipiert und führt Regie. Zwei Jahre lang, so erzählt sie, habe sie sich in das Thema eingearbeitet. Wenn man sich mit ihr unterhält, scheint dieser Zeitrahmen fast etwas knapp bemessen. Glause jongliert mit Jahreszahlen, Namen und Ereignissen, dass einem schwindelig werden kann. Sie sei auf das Thema gestoßen, als sie für sich selbst nach einem "emanzipatorischen und feministischen Erbe" suchte. Sie begegnete Anita Augspurg, Sophia Goudstikker, Ika Freudenberg, Marie Haushofer, Emma Haushofer-Merk, Carry Brachvogl und anderen. Eine starke, bürgerliche Frauenbewegung, die in Vergessenheit geraten ist. Darüber sei sie verwundert gewesen - und auch darüber, wie wenig dafür getan werde, sie zurück ins Gedächtnis zu rufen.

Die 1980 geborene Regisseurin hat sich mit ihren recherchebasierten Inszenierungen einen Namen gemacht. In München trat sie mit ihren Stückentwicklungen "Moses", "Noah" sowie "Eva und Adam" an der Bayerischen Staatsoper in Erscheinung. Für "Bayerische Suffragetten" habe sie eine Textfassung geschrieben, die dann im Probenprozess "angeeignet und überschrieben" worden sei, erzählt sie. Im Zentrum stünde der Zeitraum von 1886 bis 1899, in etwa von der Gründung des berühmten Fotosalons "Elvira" durch Anita Augspurg und Sophia Goudstikker bis zum ersten bayerischen Frauentag.

Neun Schauspielerinnen und ein Schauspieler werden bei Glause auf der Bühne stehen. Wobei sie alle Frauenrollen spielen und durchweg eine weibliche Perspektive einnehmen werden, sagt die Regisseurin. "Stellvertreter für ihre Figuren", so nennt sie die Darsteller, eine psychologische Deutung interessiert sie nicht, auch wenn es zentral um die drei Frauenrechtlerinnen Augspurg, Goudstikker und Freudenberg geht, die mit Annette Paulmann, Katharina Bach und Jelena Kuljić besetzt sind. Der Abend werde im Heute mit dem "Schmerz der Vergessenheit" beginnen, sagt Glause, jener Vergessenheit, der sie diese Frauen entreißen will, um ein historisches Bewusstsein zu schaffen. Der feministische Kampf verlaufe nicht in Wellen, sondern bilde einen Strom, sagt sie. "Unsere Ahninnen sind schon da."

Bayerische Suffragetten, Uraufführung: Sonntag, 27. Juni, 19.30 Uhr, Kammerspiele

© SZ vom 23.06.2021
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