Süddeutsche Zeitung

Unzureichender Schutz gegen Stalking:Wenn Liebe zum Albtraum wird

Lesezeit: 5 min

SMS-Terror, Morddrohungen, nächtliches Auflauern: Opfer von Stalkern wissen oft nicht mehr, wie sie sich vor ihren Verfolgern schützen sollen. Seit fünf Jahren stellt der sogenannte "Nachstellungs-Paragraph" Stalking unter Strafe - doch die Betroffenen fühlen sich nach wie vor im Stich gelassen.

Beate Wild

Kennengelernt hatte Markus Koch die Frau bei einer Partnerbörse im Internet. Nach einigen Mails und Telefonaten trafen sich die beiden. Aus der Bekanntschaft wurde eine Beziehung. Koch, der in Wirklichkeit anders heißt, wohnt in Bayreuth. Am Wochenende fuhr er oft zu seiner neuen Freundin in der Nähe von Regensburg. Alles schien gut. Bis die neue Liebe sich als Stalkerin entpuppte.

Auf einmal bekam Koch 50 SMS am Tag. Die Anrufe konnte er kaum noch zählen. "Wo bist du?" und "was isst du?" waren noch die harmlosen Fragen einer Kontrollwut, die häufig in aggressiven Anfällen endete. Wenn sie sich trafen, beschmiss die Frau ihn schon mal mit Geschirr. Sie bedrohte ihn mit einem Messer. Sie warf ihn mitten in der Nacht aus der Wohnung. Einmal versuchte sie, ihn mit dem Auto zu überfahren.

Am nächsten Tag war sie wieder die liebste Frau, die man sich vorstellen kann", erzählt der 47-Jährige. Monate ging das so. Ende Februar konnte Koch nicht mehr. Er ging zur Polizei und zu der Beratungsstelle "Gemeinsam gegen Stalking e.V.". Er bekam den Rat, die Beziehung zu beenden und den Kontakt abzubrechen. Das tat er.

Doch nun ging es erst richtig los mit den Nachstellungen. Der Tenor der Botschaften war immer der gleiche: "Gib mir eine letzte Chance, ich liebe dich doch." Koch hat keine dieser Nachrichten jemals beantwortet. "Das ist die einzige richtige Reaktion", sagt Ingrid Pfeifer von "Gemeinsam gegen Stalking". Wenn Betroffene immer wieder mit dem Stalker in Verbindung treten, fühlt dieser sich nur aufgefordert weiterzumachen. Pfeifer war einst selbst Stalkingopfer und hilft seither anderen Betroffenen. Seit fünf Jahren gibt es den sogenannten Stalking-Paragraphen, § 238 Strafgesetzbuch, der die "Nachstellung" strafrechtlich verfolgt. "Stalking bezeichnet das beabsichtigte und wiederholte Belästigen eines Menschen, so dass dessen Sicherheit bedroht und seine Lebensgestaltung schwerwiegend beeinträchtigt ist", sagt Harald Frießner vom Polizeikommissariat 105 in München, das sich um Opfer kümmert.

Nach Schätzungen gibt es in Deutschland 600 000 Stalking-Opfer. Die Dunkelziffer ist hoch. Viele zeigen ihre Peiniger nicht an. Die polizeiliche Kriminalstatistik für Bayern weist für das vergangene Jahr 1760 Stalking-Fälle aus, 2010 waren es 1899. Verurteilt wurden 2010 nur 55 Personen, davon 44 Männer. Der Grund für die geringen Fallzahlen ist laut Justizministerium, dass Stalking häufig in Zusammenhang mit häuslicher Gewalt auftrete und diese Kombinationsfälle hier nicht auftauchen.

Frießner empfiehlt Betroffenen, durch eine einstweilige Anordnung beim Amtsgericht ein Näherungsverbot zu erwirken. Doch es ist bekannt, dass es in der Regel zwei bis vier Jahre dauert, bis ein Stalker von seinem Opfer ablässt. Oftmals handelt es sich um Wiederholungstäter, die vorher schon andere Menschen verfolgt haben. "Gegen meinen Stalker wurden insgesamt 64 einstweilige Verfügungen erlassen, gegen alle hat er verstoßen", berichtet Pfeifer. Er schrieb ihr SMS wie: "Ich bin gleich bei dir. Wehe, wenn ich dich mit einem anderen erwische." Er drohte ihr mit Mord, lauerte ihr plötzlich im Hausflur auf, hackte ihren E-Mail-Zugang, rief sie dauernd in der Arbeit an. "Ich hatte keinen Schutzraum, keine Privatsphäre mehr", sagt die 46-Jährige.

Leider kommen die meisten Betroffenen erst nach sechs Monaten zu uns, also dann, wenn sie schon fertig sind mit den Nerven", sagt Karl-Günter Theobald, Stalking-Experte bei der Opferschutz-Organisation "Weißer Ring". Die Täter beschreibt er als beziehungsgestört und besitzergreifend, aber durchaus überdurchschnittlich intelligent und der oberen Mitte der Gesellschaft angehörend. "Oft wurden die Stalker von einem Ex-Partner verletzt und begreifen das nicht nur als Liebeskummer, sondern als tiefgehende Kränkung", erklärt Theobald. 85 Prozent der Stalker sind Männer, nur 15 Prozent Frauen. 95 Prozent der Täter sind geistig völlig gesund. Nur selten liege eine psychische Störung vor.

Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) hat sich jahrelang dafür eingesetzt, dass Stalking endlich zum Straftatbestand wurde. Doch heute sagt sie über den Paragraphen: "Die Erfahrungen der Praxis zeigen, dass er noch nicht weit genug geht." So erfasse das Gesetz nur "schwerwiegende Beeinträchtigungen der Lebensführung". Darunter wird etwa verstanden, dass das Opfer umziehen muss. Die psychische Belastung reiche dagegen nicht aus, den Täter zu verurteilen. "Das ist für mich kein effektiver Opferschutz", sagt Merk.

Dass der Stalking-Paragraph die Opfer nicht genug schützt, findet auch Christine Doering. Die junge Mutter wurde von ihrem Ex-Freund und Vater ihres Babys mehr als zwei Jahre verfolgt. Während der Schwangerschaft hatte sich Doering von dem Mann getrennt, da er sich extrem aggressiv verhielt. Daraufhin flippte er aus. Er hämmerte nachts an ihre Wohnungstür und drohte, sie und ihr Kind umzubringen. Er bombardierte sie täglich mit SMS und Anrufen. Er lauerte im Auto vor ihrer Haustür herum.

Sie zeigte den Ex-Freund an und erwirkte insgesamt drei einstweilige Anordnungen, gegen die er immer wieder sofort verstieß. "Ich hatte Angst um mein Leben", sagt die 31-Jährige. Man habe ihr geraten, sämtliche Vorfälle zu dokumentieren und jeden Verstoß gegen das Näherungsverbot sofort anzuzeigen. "Das kostet so viel Kraft, das können sie sich nicht vorstellen", sagt Doering. Im Juli ist nun endlich der Prozess gegen ihren Verfolger. Danach hofft sie, dass es endlich vorbei ist.

Auch Koch hofft, dass sein Martyrium bald endet. Von den Experten weiß er, dass die schlimmsten Stalking-Phasen meist erst nach dem Beenden einer Beziehung kommen. Das liegt bei ihm erst einen Monat zurück. Möglicherweise hat er noch einen langen Leidensweg vor sich. "Ich bin fix und fertig", sagt er, "das wünsche ich meinem schlimmsten Feind nicht."

Verhaltensregeln für Opfer von Stalkern

Stalking-Opfer sollten nicht zögern, sich an eine Hilfsorganisation für Betroffene zu wenden. Diese sind im Internet zu finden, zum Beispiel unter:

www.gemeinsam-gegen-stalking.de

www.deutsche-stalkingopferhilfe.de

www.weisser-ring.de

[] Bei Gesundheitsproblemen ist es ratsam, ärztliche und/oder psychotherapeutische Hilfseinrichtungen aufzusuchen. Für Frauen können Selbstbehauptungskurse dazu beitragen, das Selbstwertgefühl zu erhöhen.

[] Um sich vor Nachstellungen zu schützen, können Betroffene beim Amtsgericht eine "Einstweilige Verfügung/Schutzanordnung" nach dem Gewaltschutzgesetz beantragen. Der Stalker darf sich dem Opfer dann für ein paar Monate nicht mehr nähern. Missachtet er dies, macht er sich strafbar und muss mit einer Freiheits- oder Geldstrafe rechnen.

[] Betroffene sollten dem Stalker unmissverständlich klar machen, dass sie keinen Kontakt mehr wünschen.

[] Konsequent bleiben: Keine SMS, Mails oder Anrufe beantworten. Das soll dem Täter signalisieren, dass seine Bemühungen vergeblich sind.

[] Anzeige bei der Polizei erstatten.

[] Bei einer akuten Bedrohung sofort die Polizei über den Notruf 110 alarmieren.

[] Wird man von dem Stalker im Auto verfolgt, unverzüglich zur nächsten Polizeidienststelle fahren.

[] Das gesamte Umfeld, also Familie, Freunde, Arbeitskollegen und Nachbarn, informieren. Das Umfeld ist dann bei einer Kontaktaufnahme des Stalkers vorgewarnt und gibt etwa nicht die neue Telefonnummer oder Adresse des Opfers heraus.

[] Alles dokumentieren, was der Stalker schickt, mitteilt oder unternimmt. Alle Mails, SMS und Mobilbox-Nachrichten sollten aufgehoben werden. Diese Beweismittel können für ein Gerichtsverfahren wichtig sein.

[] Persönliche Daten gehören nicht in den Hausmüll. Sorgsam mit persönlichen Unterlagen umgehen.

[] Hat der Stalker die Festnetznummer des Opfers, ist die Anschaffung eines Anrufbeantworters ratsam, um Mitteilungen des Stalkers zu dokumentieren.

[] Ein zweites Handy ist zu empfehlen. Damit ist es möglich, sich von den Anrufen abzuschirmen, sie aber trotzdem, einschließlich der eingegangenen SMS, gut zu dokumentieren.

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SZ vom 31.03.2012
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