Unzureichender Schutz gegen Stalking Wenn Liebe zum Albtraum wird

SMS-Terror, Morddrohungen, nächtliches Auflauern: Opfer von Stalkern wissen oft nicht mehr, wie sie sich vor ihren Verfolgern schützen sollen. Seit fünf Jahren stellt der sogenannte "Nachstellungs-Paragraph" Stalking unter Strafe - doch die Betroffenen fühlen sich nach wie vor im Stich gelassen.

Von Beate Wild

Kennengelernt hatte Markus Koch die Frau bei einer Partnerbörse im Internet. Nach einigen Mails und Telefonaten trafen sich die beiden. Aus der Bekanntschaft wurde eine Beziehung. Koch, der in Wirklichkeit anders heißt, wohnt in Bayreuth. Am Wochenende fuhr er oft zu seiner neuen Freundin in der Nähe von Regensburg. Alles schien gut. Bis die neue Liebe sich als Stalkerin entpuppte.

Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland 600.000 Stalking-Opfer. Wie diese junge Frau werden die meisten Betroffenen von ihren Verfolgern mit unzähligen SMS bombadiert.

(Foto: picture alliance / dpa)

Auf einmal bekam Koch 50 SMS am Tag. Die Anrufe konnte er kaum noch zählen. "Wo bist du?" und "was isst du?" waren noch die harmlosen Fragen einer Kontrollwut, die häufig in aggressiven Anfällen endete. Wenn sie sich trafen, beschmiss die Frau ihn schon mal mit Geschirr. Sie bedrohte ihn mit einem Messer. Sie warf ihn mitten in der Nacht aus der Wohnung. Einmal versuchte sie, ihn mit dem Auto zu überfahren.

Am nächsten Tag war sie wieder die liebste Frau, die man sich vorstellen kann", erzählt der 47-Jährige. Monate ging das so. Ende Februar konnte Koch nicht mehr. Er ging zur Polizei und zu der Beratungsstelle "Gemeinsam gegen Stalking e.V.". Er bekam den Rat, die Beziehung zu beenden und den Kontakt abzubrechen. Das tat er.

Doch nun ging es erst richtig los mit den Nachstellungen. Der Tenor der Botschaften war immer der gleiche: "Gib mir eine letzte Chance, ich liebe dich doch." Koch hat keine dieser Nachrichten jemals beantwortet. "Das ist die einzige richtige Reaktion", sagt Ingrid Pfeifer von "Gemeinsam gegen Stalking". Wenn Betroffene immer wieder mit dem Stalker in Verbindung treten, fühlt dieser sich nur aufgefordert weiterzumachen. Pfeifer war einst selbst Stalkingopfer und hilft seither anderen Betroffenen. Seit fünf Jahren gibt es den sogenannten Stalking-Paragraphen, § 238 Strafgesetzbuch, der die "Nachstellung" strafrechtlich verfolgt. "Stalking bezeichnet das beabsichtigte und wiederholte Belästigen eines Menschen, so dass dessen Sicherheit bedroht und seine Lebensgestaltung schwerwiegend beeinträchtigt ist", sagt Harald Frießner vom Polizeikommissariat 105 in München, das sich um Opfer kümmert.

Nach Schätzungen gibt es in Deutschland 600 000 Stalking-Opfer. Die Dunkelziffer ist hoch. Viele zeigen ihre Peiniger nicht an. Die polizeiliche Kriminalstatistik für Bayern weist für das vergangene Jahr 1760 Stalking-Fälle aus, 2010 waren es 1899. Verurteilt wurden 2010 nur 55 Personen, davon 44 Männer. Der Grund für die geringen Fallzahlen ist laut Justizministerium, dass Stalking häufig in Zusammenhang mit häuslicher Gewalt auftrete und diese Kombinationsfälle hier nicht auftauchen.

Frießner empfiehlt Betroffenen, durch eine einstweilige Anordnung beim Amtsgericht ein Näherungsverbot zu erwirken. Doch es ist bekannt, dass es in der Regel zwei bis vier Jahre dauert, bis ein Stalker von seinem Opfer ablässt. Oftmals handelt es sich um Wiederholungstäter, die vorher schon andere Menschen verfolgt haben. "Gegen meinen Stalker wurden insgesamt 64 einstweilige Verfügungen erlassen, gegen alle hat er verstoßen", berichtet Pfeifer. Er schrieb ihr SMS wie: "Ich bin gleich bei dir. Wehe, wenn ich dich mit einem anderen erwische." Er drohte ihr mit Mord, lauerte ihr plötzlich im Hausflur auf, hackte ihren E-Mail-Zugang, rief sie dauernd in der Arbeit an. "Ich hatte keinen Schutzraum, keine Privatsphäre mehr", sagt die 46-Jährige.