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Unterricht im Provisorium:Kindheit im Container

In den Pavillons an der Gertrud-Grunow-Straße ist derzeit eine Förderschule untergebracht.

(Foto: Catherina Hess)
  • München hat ein Problem: Jahrelang hat die Stadt an ihren Schulen gespart, um den Haushalt zu konsolidieren.
  • Zugleich ist die Einwohnerzahl gestiegen, besonders viele junge Familien sind zugezogen. Nun fehlt es an Schulen.
  • Nun will die Stadt Abhilfe schaffen - mit Pavillons. Sind alle Projekte abgeschlossen, besteht etwa ein Viertel der Münchner Schullandschaft zumindest teilweise aus Containern.

Mehr als 80 Millionen Euro für den Neubau und die Sanierung des Schulzentrums an der Grandlstraße in Obermenzing, 65 Millionen für das Gymnasium an der Knorrstraße, 47 Millionen Euro für die Generalinstandsetzung des Wilhelmsgymnasiums: Wenn es um Schulgebäude geht, ist der Münchner Stadtrat äußerst spendabel. Genauso wenig aber sparen die Kommunalpolitiker mit ihrer Kritik am Bildungsreferat. Erst kürzlich monierte SPD-Fraktionschef Alexander Reissl wieder, dass in der Stadt zwar ständig neue Wohngebiete fertig würden, die Schulen für die Kinder, die dort einziehen, aber auf sich warten ließen. Mit einer Ausnahme. An der Gertrud-Grunow-Straße am Frankfurter Ring lief es genau anders herum.

Die Straße ist so neu, dass kein Navigationsgerät sie kennt. Das ist eigentlich auch nicht schlimm, denn dort steht nichts außer ein paar Rohbauten, einer Straßenbahnhaltestelle und einem bunten Container, den die Stadt vor einer großen umzäunten Baugrube aufgestellt hat. Der Container, den Stadtschulrat Rainer Schweppe lieber Pavillon nennt, sollte nach ursprünglicher Planung Grundschulklassen beherbergen, bis der Festbau am gegenüberliegenden Bauhausplatz fertig ist.

Kein Unterschied zum normalen Klassenzimmer: Unterricht im Container.

(Foto: Catherina Hess)

Doch die Schüler fehlten: Das neue Quartier in der ehemaligen Funkkaserne entwickelte sich langsamer als gedacht. Damit der Container nicht leer bleibt, zog das Sonderpädagogische Förderzentrum München Nord-Ost ein, dessen Gebäude an der Rothpletzstraße längst zu klein geworden ist. Erst im September sollen nun die ersten Grundschüler einziehen.

288 Klassenzimmer binnen zwei Jahren - zusätzlich

Sie werden bei weitem nicht die einzigen Kinder in München sein, die in einem Provisorium unterrichtet werden. 35 Pavillon-Anlagen stehen bereits. In diesem Jahr kommen noch einmal 17 hinzu, für die der Stadtrat bereits 50 Millionen Euro bewilligt hat. 14 von ihnen schaffen zusätzlichen Raum, um die Platznot an bestehenden Schulen zu lindern. Insgesamt 102 Klassenzimmer für 2550 Schüler finden dort Platz. Zusätzlich errichtet die Stadt drei Container als Interimslösungen für Schulen, die saniert werden. Im kommenden Jahr plant das Bildungsreferat noch einmal 30 Pavillons, die der Stadtrat im Juli beschließen soll. 28 davon ermöglichen es der Stadt, in 186 Klassenzimmern 4650 zusätzliche Schüler aufzunehmen. Zwei dienen als Ersatzquartiere bei Baumaßnahmen. Sind alle Projekte abgeschlossen, besteht etwa ein Viertel der Münchner Schullandschaft zumindest teilweise aus Containern.

288 Klassenzimmer binnen zwei Jahren extra, um den Raumbedarf für 7200 zusätzliche Schüler abzufangen: Diese Dimensionen zeigen, vor welch großen Herausforderungen die Stadt steht. Jahrelang hat die Politik an den Schulen gespart, um den Haushalt zu konsolidieren - obwohl die Kommune rein rechtlich als Sachaufwandsträger für den Bau, den Unterhalt und die Ausstattung von öffentlichen Bildungseinrichtungen zuständig ist.

Gleichzeitig ist München immer schneller gewachsen. Und es ziehen zumeist junge Leute oder Familien mit Kindern in die Stadt. Sie brauchen nicht nur Wohnraum, sondern eben auch Schulen. Dazu kommt, dass die Geburtenrate in der bayerischen Landeshauptstadt über dem deutschlandweiten Schnitt liegt. Ein viertes Problem: Viele Schulhäuser, die in der Nachkriegszeit bis in die Siebzigerjahre hinein gebaut wurden, sind marode und müssen erneuert werden. Kurzum: Das Bildungsreferat kommt nicht mehr hinterher.

Nun sollen also die Pavillons Abhilfe schaffen. Ihr Vorteil: Obwohl sie die gleichen baurechtlichen Voraussetzungen, etwa was den Brandschutz oder die Abstandsflächen betrifft, einhalten müssen, können sie schneller und flexibler errichtet werden als Festbauten, meistens sind sie auch günstiger. "Somit können sie den steigenden oder übergangsweisen Bedarf kurzfristiger decken", sagt eine Sprecherin des Bildungsreferats. Eine Notlösung also. Ihr Nachteil: Von außen sehen sie nicht besonders schön aus. Architekten kritisierten unlängst die uniforme Bauweise, die auch dem Schulklima abträglich sei. Und die Eltern sind ohnehin erst einmal skeptisch, wenn sie hören, dass ihr Kind seine gesamte Grundschulzeit in einem Container verbringen soll.

Auch der Pavillon an der Gertrud-Grunow-Straße sieht von außen aus wie ein Baucontainer, besser gesagt, wie viele neben- und übereinandergestapelte Container, deren Fassaden bunt bemalt wurden. Im Inneren aber ist kein Unterschied zu einer herkömmlichen Schule erkennbar, außer dass der Keller fehlt und die Räume nicht den typischen verbrauchten Schulgeruch verströmen.

"Es ist sehr viel angenehmer als viele denken"

Zwölf schallgedämmte Klassenzimmer finden im dreigeschossigen Haupttrakt Platz, dazu acht Zimmer für die ganztägige Betreuung. Sechs davon liegen zwischen den Klassenzimmern, so dass sie vormittags auch genutzt werden können, um die Klassen in kleinere Gruppen zu teilen. Eine Mensa, drei Pausenräume, zwei Fachräume und Teamräume mit eigenen Arbeitsplätzen für Lehrer und einer Teeküche ergänzen die Ausstattung - eine Seltenheit an Münchens Schulen.

"Es ist sehr viel angenehmer, als viele denken", sagt Stadtschulrat Schweppe. Die neuen Möbel ermöglichten einen modernen Unterricht, sagt er, während er vor einem Lehrerpult steht. Die Kinder haben ihre Tische um den ihres Pädagogen gruppiert. "Da kann man ganz anders arbeiten", sagt Schweppe. Die Klassenzimmer hier in der Gertrud-Grunow-Straße haben noch klassische Tafeln. In der nächsten Generation aber, die in diesem Jahr aufgestellt wird, bekommen alle Container Whiteboards. "Wir entwickeln die Pavillons weiter nach dem Lernhausprinzip", erklärt er. Kleinere Einheiten in der großen Schule sollen Identifikation schaffen und innovative Unterrichtskonzepte ermöglichen.

Und was sagen die Nutzer? "Wir würden am liebsten hierbleiben", sagt Katharina Weber, Leiterin des Sonderpädagogischen Förderzentrums. Kinder, Lehrer und Verwaltungspersonal fühlten sich sehr wohl. Das aber geht nicht. Spätestens im übernächsten Schuljahr hat der Vorläufer der Grundschule am Bauhausplatz dann den Pavillon komplett übernommen. Das Förderzentrum zieht zurück in die Rothpletzstraße - in einen Container.

© SZ vom 04.05.2015

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