Untergiesing/Harlaching Nicht mehr und nicht weniger

Live-Spaß oder Belästigung? Beim Sechziger-Stadion gehen die Ansichten auseinander.

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Die Bürgerversammlung für Untergiesing-Harlaching hält das Fassungsvermögen des Stadions an der Grünwalder Straße für genau richtig. Anträge auf Vergrößerung und Verkleinerung werden jeweils abgelehnt

Von Julian Raff, Untergiesing/Harlaching

Auch wenn der Stadionsprecher das ganze Viertel mit bespaßt und die Polizei bei mancher Drittliga-Partie alle Hände voll zu tun hat, können die Giesinger im Stadtbezirk 18 mit dem Status quo im Sechziger-Stadion offenbar leben: Nicht mehr, aber auch nicht weniger, lautet die Beschlusslage zu den Ausbauplänen bei der Bürgerversammlung in Untergiesing-Harlaching. Die Aussprache in der Säbener-Halle verzeichnete mit anfangs gut 350 Besuchern wieder mehr Zulauf als in den Vorjahren. Alfred Hauck, Chef der Giesinger Polizeiinspektion hatte sich eingangs "für Fußballverhältnisse sehr zufrieden" mit der Situation im und ums Stadion gezeigt und die "achtsamen" Löwen-Fans gelobt.

Die Verkehrsbehinderung habe sich mit kurzen Sperrungen des Candidbergs und der Tramlinie ebenfalls in Grenzen gehalten, so Hauck. Da müsse er schon "Wasser in den Wein gießen", hielt ein Nachbar dagegen, der aus Angst vor rabiaten Fans anonym bleiben will. Die Polizei bekomme wohl, zumindest offiziell, weniger von den "unhaltbaren Zuständen" mit als der Bürger, begründete der Giesinger seinen Antrag, die derzeit 15 000 Stadionplätze wieder auf den Stand von 12 500 zu reduzieren. Die Mehrheit lehnte den Rückbau ab, sprach sich aber zugleich gegen eine Erweiterung auf 18 600 oder mehr Plätze aus - mit dem Nein zu einer Pro-Initiative und mit großer Mehrheit für zwei Contra-Anträge.

Einen davon hatte mit Franz Hager ein Untergiesinger gestellt, dem man sicher keinen Groll auf Verein und Spielstätte nachsagen kann: Der 92-Jährige spielte 1935 erstmals selbst im Rund, pfiff später als Schiedsrichter Tausende Spiele und war jahrzehntelang für den TSV als Schiedsrichterbetreuer tätig. Allerdings sieht sich Hager, von 1977 bis 2008 für die SPD im Bezirksausschuss, auch als Sprecher seiner teils entnervten Nachbarn. Über die Lautstärke der Stadionanlage, die Fangesänge locker übertönt, gehen die Meinungen dabei auseinander. Während ein Anwohner per Anfrage anregte, die Lautsprecher zu drosseln und stärker ins Stadion hinein auszurichten, zeigte sich eine andere Nachbarin begeistert von der Möglichkeit, Spiele bei offenem Fenster zugleich per Liveticker und Gratis-Stadionreportage zu verfolgen. Weniger Verständnis zeigten die fußballaffinen Giesinger für lautstarkes Gebolze auf dem Freigelände der Fromundschule. Für viele überraschend, forderten sie per Antrag zeitliche Einschränkungen.

Auch in Untergiesing-Harlaching dreht sich nicht alles um Fußball: Ein ungelöstes Problem bleibt seit 2012 der Zustand der Isar-Hangwege zwischen Trattoria Antica und Menterschwaige. Wie eine Anwohnerin beklagte, bleibe das nahe Isartal von der Hochleite aus unzugänglich, seit die Stadt die Wege verfallen lasse, um einerseits Haftungsansprüche, anderseits naturzerstörerische Sicherungsmaßnahmen mit Stahlnetzen und Betonwänden zu vermeiden. Dabei ließen sich die steilen Holztreppen sanft sanieren, wenn der wilde Hang nicht mehr als Grünanlage eingestuft würde, sondern als eigenverantwortlich begehbarer Wald, lautete der Vorschlag, den die Versammlung mit großer Mehrheit annahm. Der Steilhang zerschneidet den Bezirk auch weiter nördlich: Am Harlachinger Berg dürfen bergab fahrende Radler den neuen breiten Weg wegen des Rechtsfahrgebots nicht nutzen. Sie müssen stattdessen die rasante, kurvige Abfahrt auf der überfüllten Straße wagen. Die laut Kreisverwaltungsreferat für eine Linksfahr-Lizenz nötigen "besonderen Umstände" sah die Versammlung als gegeben und plädierte für eine Öffnung.

Erleichterungen für Radler fordern die Bürger an diversen Stellen. Vierrädrig könne man sich im hiesigen Dauerstau schließlich nicht mehr frei bewegen, klagte ein Bürger. Sein mehrheitlich angenommener Lösungsvorschlag, die Planung eines Autobahn-Südrings wieder aufzunehmen, dürfte vor allem südlich der Stadtgrenze nicht gut ankommen - dass dieses Projekt derzeit in der Versenkung verschwunden ist, goutieren nicht bloß Umlandgemeinden und Isartalverein.