Gasthaus Högner in UnterbrunnAnständige Küche zu günstigen Preisen

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Süßes auch zum Hauptgang: Der schön karamellisierte Kaiserschmarrn kommt mit vielen Mandelstiften daher.
Süßes auch zum Hauptgang: Der schön karamellisierte Kaiserschmarrn kommt mit vielen Mandelstiften daher. Catherina Hess

Im Gasthaus Högner in Unterbrunn geht es familiär zu, die bodenständige Küche zu niedrigen Preisen zieht viele Stammgäste an. Auf der überschaubaren Karte stehen auch selten gewordene Gerichte wie Milzwurst, Kalbsbrust oder Rinderzunge.

Von Gertrude Fein

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Ein großes Jammern geht durchs Land. Das Wirtshaus- und Brauereisterben! Schluchz! Die Leute gehen einfach nicht mehr in die Wirtshäuser, trinken kein Bier mehr, auch keinen Wein und keinen Schnaps, wehklagt es landauf, landab.

Im ganzen Land? Nein! In einem von unbeugsamen Urbayern bewohnten Dorf am Rand des Fünfseenlandes gibt es sogar zwei traditionelle Wirtshäuser. Das Dorf Unterbrunn hat sich trotz der kommunalen Gebietsreform – es gehört seit 1978 zur Gemeinde Gauting – seine Eigenständigkeit bewahren können. Viele örtliche Feste werden gefeiert, zum Beispiel am Fasching, und nicht zu vergessen die ausgelassenen Feiern, wenn es den einheimischen Burschen wieder einmal gelungen ist, einen Maibaum zu stehlen. Sie gehören zu den gefürchtetsten Maibaumdieben vom Starnberger See bis Shanghai.

Heute widmen wir uns dem Gasthaus Högner, das bereits seit 1876 existiert. Seit sechs Generationen wird es von der Familie Kaindl geführt, die darauf zu Recht stolz ist. „Bei uns sollen sich die Gäste nicht nur wohlfühlen, sondern daheim fühlen“, ist ihr Motto. „Authentizität, gelebte Gastlichkeit und die sprichwörtliche Dienstleistung, dienen und leisten, sind die Fundamente der Kaindl-Gastronomie-DNA.“ Das klingt doch sehr ambitioniert. Am Dienen und Leisten fehlt es heutzutage leider manchen Wirten, sodass man sich nicht wundern muss, wenn sie pleitegehen. Das nur nebenbei bemerkt. Beim Högner schaffen es Wirtsfamilie und Personal täglich, den selbst gestellten Erwartungen gerecht zu werden.

Um das alte Gasthaus war es lange Zeit sehr still geworden, bis es vor ein paar Jahren sichtlich auflebte. Plötzlich beobachtete man im Vorbeifahren, dass es mittags wie abends zugeparkt wurde. Es tat sich also was beim Högner. Der große Gastraum – viel Holz, angenehme Beleuchtung – kommt zum Glück ohne den oft üblichen Deko-Kitsch aus. Die familiäre Atmosphäre und das gut gelaunte Team sorgen dafür, dass sich die Gäste vom ersten Moment an wohlfühlen. Der Gasthof ist immer gut besucht, weil die Leute offensichtlich eine anständige Küche ohne großen Heckmeck schätzen. Eine Tischreservierung ist sehr empfehlenswert.

Viel Holz, angenehme Beleuchtung, kein Deko-Kitsch: Beim Högner geht's gemütlich zu.
Viel Holz, angenehme Beleuchtung, kein Deko-Kitsch: Beim Högner geht's gemütlich zu. Catherina Hess

Neben der überschaubaren Karte gibt es jeweils ein Tagesgericht, am Freitag zum Beispiel ein saftiges Seelachsfilet mit Kartoffel-Gurkensalat. An einem Mittwoch gebackene Milzwurst mit Kartoffel-Endiviensalat, alles grundsolide. Schweinsbraten gibt es täglich. Zwei Scheiben von der Schulter mit rescher Kruste waren es mit je einem kleinen Semmel- und Kartoffelknödel und gutem Krautsalat mit Speckwürfelchen. Saftiger als die Schulter war das Wammerl beim Bierbratl, zwei nicht zu fette Scheiben mit köstlicher Kruste in Augustiner Dunkelbiersoße mit Kartoffel-Gurkensalat.

Beim mit Speck, Käse und Zwiebeln gefüllten Bergsteigerschnitzel in Breznkruste hätte das Fleisch gerne etwas dünner geschnitten sein dürfen; so war es etwas trocken. Der Kartoffel-Rucolasalat dazu könnte als Vorbild für jeden Kartoffelsalat dienen. Einfach perfekt! Das Kalbfleisch vom Wiener Schnitzel war ohne Fehl und Tadel, umhüllt von einer schön welligen Panade, begleitet von Bratkartoffeln und einem Salat, wie man ihn selten bekommt. Alle nur erdenklichen Sorten enthielt er, knackig frisch und nicht zu großlappig, angemacht, nicht ertränkt, mit Sauerrahmdressing.

Den Schweinsbraten gibt es hier täglich, mit rescher Kruste und je einem kleinen Semmel- und Kartoffelknödel sowie Krautsalat mit Speckwürfelchen.
Den Schweinsbraten gibt es hier täglich, mit rescher Kruste und je einem kleinen Semmel- und Kartoffelknödel sowie Krautsalat mit Speckwürfelchen. Catherina Hess

Auch am Zwiebelrostbraten mit Bratkartoffeln und einem Berg von frittierten Zwiebeln war nichts auszusetzen. Wer Süßes auch zum Hauptgang bevorzugt, ist mit dem schön karamellisierten Kaiserschmarrn mit vielen Mandelstiften gut bedient. Besonders erfreulich ist, dass beim Högner auch in vielen Wirtshäusern selten gewordene Gerichte auftauchen, wie etwa die arbeitsintensive gefüllte Kalbsbrust oder eine köstliche gepökelte Rinderzunge in Madeirasoße.

Bodenständig und kreativ geht die Küche mit Resten um. So gab es einmal abgeröstete Semmel- und Kartoffelknödel mit Bratenfleisch, Speck, Kräuterrührei und Gemüsezwiebelsteifen. Eine mächtige Portion, die nicht sehr edel aussah, aber sehr gut schmeckte. Um ein Fünferl ein Durcheinander nannte man früher so ein Gericht. Vermutlich nach einem Vortagsangebot von Blut- und Leberwürsten kamen deren Reste, mit Apfelschnitten, Bratkartoffeln und Sauerkraut als Gröstl auf den Tisch, ein Genuss.

Seit sechs Generationen wird das Gasthaus Högner von der Familie Kaindl geführt.
Seit sechs Generationen wird das Gasthaus Högner von der Familie Kaindl geführt. Catherina Hess

Das Gasthaus Högner ist ein Platz für jeden: Handwerker und Büroleute aus der Umgebung vorwiegend mittags, Rentner, Wanderer und Radler, Kartenspieler, Familien mit Kindern und Hunden. Trotz der recht guten Lärmdämmung kann es dann bei vollem Haus, und das ist die Regel, auch etwas lauter werden.

In der warmen Jahreszeit verlegt sich das bunte Durcheinander dann in den Garten mit hohen, alten Bäumen. Dass die Wirtschaft so gut läuft, hat natürlich viel mit den für heutige Verhältnisse schon fast sensationell günstigen Preisen zu tun. Wo gehen heute noch drei Personen beispielsweise satt und zufrieden aus einem Lokal, in dem sie etwa 70 oder 80 Euro gelassen haben? Die Halbe Augustiner kostet 4,10 Euro, eine große Flasche Mineralwasser 5,30. Es lohnt sich aber, die Rechnung genauer anzuschauen. Einmal hatte sich ein Fremdbier eingeschmuggelt, ein andermal ein „pfiffiga Bebbi“ zu 3,50, was immer das sein mag.

Gasthaus Högner, 82131 Unterbrunn, Hauptstraße 18, Telefon 089/8503418, Öffnungszeiten: Mittwoch, Donnerstag, Freitag 11 bis 14.30 und 17 bis 23 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 23 Uhr, Montag und Dienstag geschlossen

Die Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem, wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

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