Hochschulen:Wieder Leben im Hörsaal

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Hochschulen: Echte Menschen: In der Vorlesung von Christian Wilhelm sind wieder Studierende - nicht nur in Kacheln.

Echte Menschen: In der Vorlesung von Christian Wilhelm sind wieder Studierende - nicht nur in Kacheln.

(Foto: Robert Haas)

Nach eineinhalb Jahren Corona-Pause strömen Zehntausende Studentinnen und Studenten zurück in die Universitäten - und merken, wie viel sich dort während der Pandemie verändert hat.

Von Philipp Crone

"Können Sie mich hören?", fragt Dozent Christian Walter in sein Mikrofon, und natürlich meint er nicht die Studierenden, die direkt vor ihm sitzen. Können Sie mich hören? Ein interessanter Satz in der neuen Zeitrechnung, Semester vier nach Corona. Die Antwort kommt prompt und ploppt auf der Wand über der Tafel des Hörsaals auf: "Nur sehr schlecht".

Walters Assistenten klicken auf dem Laptop, ziehen Kabel, drücken Knöpfe an Beamer, Rechner und Mikrofon. Dann kommt der Post im Vorlesungschat: "Deutlich besser". Zwei Minuten vor Beginn der Vorlesung "Internationales Wirtschaftsrecht" im sogenannten Lernturm der LMU am Geschwister-Scholl-Platz. Erleichterung im Blick des Professors. Das ist Studieren im Herbst 2021: viele Möglichkeiten, viele Unwägbarkeiten, viele Fragezeichen.

Die ersten Wochen dieses Semesters sind mehr geprägt vom Drumherum der Vorlesungen, Seminare und Übungen der etwa 100 000 Studierenden in München als vom Mittendrin im Lern- und Verstehen-Alltag. Da ist viel Unwissen, aber nicht nur bei Erstsemestern über ihr neues Studium, sondern auch bei Vielsemestern. Und da ist Unmut, der in den ersten Tagen eher noch steigt. Ein Rundgang.

Wer den richtigen Raum findet, ist happy

Zwanzig Minuten bevor Walter seine Online-Ausrüstung zum Laufen bringt, steht er noch vor der Tür. Der Hörsaal ist noch besetzt, aber Walter wollte den großen Raum, weil sich online viele angemeldet hatten.

Das ist ein Vorteil: Anmelden im Portal, und der Dozent weiß, ob er einen größeren Raum braucht. Den müssen dann natürlich auch erstmal alle finden. Und der Warteschlangenlänge nach zu urteilen, die in den ersten Tagen vor den Informationsschaltern von LMU und TU zu sehen ist, scheint das nicht ganz einfach zu sein.

Hochschulen: Orientierung ist in den ersten Tagen an der Uni besonders gefragt - am Info-Schalter suchen viele Studierende danach.

Orientierung ist in den ersten Tagen an der Uni besonders gefragt - am Info-Schalter suchen viele Studierende danach.

(Foto: Robert Haas)

Während die ersten sich auf die Suche nach Walters Vorlesung im Lernturm machen, steht Florian Meidinger vor einem Raumplan im Hauptgebäude. Der 19-Jährige startet in "Evangelische Religionslehre für Gymnasiallehramt" und sucht den Raum für das Seminar "Einführung ins Alte Testament".

"Es läuft sehr gut", sagt Meidinger, "wenn man die Räume gefunden hat." So weit, so normal für jeden Studienanfänger. Broschüren und Einführungsveranstaltungen helfen. Allerdings auch nur bedingt bei den vielen neuen Möglichkeiten, sich den Stundenplan zusammenzustellen.

4K und 3G im 1. OG

"Der Wechsel zwischen online und Präsenz ist nicht einfach", sagt Meidinger. Am ersten Tag seien auch noch die Server zusammengebrochen, weil bei der Restplatzvergabe für Seminarplätze viel zu viele Menschen gleichzeitig zugreifen wollten. Studieren 2021 heißt nicht nur, Seminare und Vorlesungen zu kombinieren, sondern auch freie Plätze in Seminaren, Mensen und Bibliotheken, voraussichtliche Radfahrdistanzen und verfügbares Wlan.

Meidinger stellt sich in die Schlange an der Information, während auf der anderen Straßenseite die Tür aufgeht und Dozent Christian Walter mit seinen Studierenden zur Vorlesung Wirtschaftsvölkerrecht starten kann. Walter sagt: "Es ist toll, dass wir wieder Veranstaltungen in Präsenz anbieten können, hat aber in Pandemiezeiten Vor- und Nachteile. Und ich bin gespannt, wie sich das Lehrangebot zwischen Präsenz und Online langfristig einpendeln wird."

Wenn langfristig ein zwei Wochen sind, kann man von Einspielen noch nicht sprechen. Walter beobachtet, dass bei den höheren Semestern der Anteil der Online-Zuhörer deutlich höher ist als bei den Studienanfängern. "Eine mögliche Erklärung ist, dass die Studierenden, die schon länger an der Universität sind, ihren sozialen Kreis bereits gefunden haben. Ihnen ist die Präsenz deshalb vielleicht nicht mehr ganz so wichtig."

Dann steht endlich alles, alle haben den Saal gefunden, die Masken auf und das Bild ist scharf. Kurz: 4K und 3G im 1. OG.

Ein Vorteil ist, dass neben den 41 im Saal auch noch 13 weitere online teilnehmen können, von denen vielleicht manche nicht in die Uni radeln wollten. Nachteil ist, dass Walter jede Frage aus dem Saal wiederholen muss, damit die Onliner sie verstehen. Obwohl es ganz still ist im Raum, ganz anders als mittags in der Mensa an der Arcisstraße.

Die Lust aufs Miteinander ist gewaltig

Das Rederauschen ist so laut, dass jedes Besteckklimpern übertönt wird. Man kann die Erleichterung über den endlich wieder möglichen Live-Mittagsplausch in Dezibel messen.

Zwei Erasmusstudentinnen sind auf dem Weg nach draußen. Sie hat es sozial besonders erwischt, kamen vor eineinhalb Jahren nach München, um Auslandserfahrungen zu sammeln, und saßen dann in ihren Zimmern. Arantxa Gonzales aus Spanien sagt: "Wie schön, hier jetzt zwischen den anderen zu sitzen statt sich nur schnell eine Essensbox abzuholen." Und Feiern? "Vielleicht mache ich das jetzt auch, aber eins nach dem anderen."

Hochschulen: Einfach mal mit anderen draußen sitzen und über Gott, die Uni und die Welt reden: Selbst das war lange Zeit nicht möglich. Umso besser fühlt es sich jetzt an.

Einfach mal mit anderen draußen sitzen und über Gott, die Uni und die Welt reden: Selbst das war lange Zeit nicht möglich. Umso besser fühlt es sich jetzt an.

(Foto: Robert Haas)

Architekturstudent David Fink, 25, steht mit Tablett in der Schlange und sagt: "Man merkt die Euphorie, dass die Leute Lust aufeinander haben, so wie viele jetzt aufeinander zugehen und miteinander umgehen." Er selbst ist im dritten Mastersemester Architektur, also in der Studienzeitrechnung ein alter Hase, der aber auch das gemeinsame Arbeiten an Modellen sehr vermisst hat - den Austausch darüber, wie jemand anderer baut oder an eine Aufgabe herangeht.

"Man hat doch über Zoom niemanden wirklich kennengelernt", sagt er. Manchmal müsse er bei Kommilitonen, die er eineinhalb Jahre nur auf dem Bildschirm gesehen habe, richtig lange hinschauen, bis er ihn erkenne.

"Eineinhalb Jahre Kacheln reichen"

Die Zahl derjenigen, die ihren Seminarraum nicht finden, ist eine Woche später nicht geringer geworden. Vor dem TU-Hauptgebäude stehen vier Wartende in der Herbstsonne an, der Mitarbeiter händigt kopierte Grundstückspläne aus. "Ihr Zielort ist dort", sagt er und erleichterte junge Menschen stürmen los.

Nebenan an der Elektrotechnik-Fakultät überprüft ein Mitarbeiter Impfnachweis und Studentenausweis. Und dann ist auch hier wieder echte Studienatmosphäre zu spüren: Geruch nach altem Holz und verbrauchter Luft, zwei Höchstengagierte schon im Gespräch mit dem Dozenten, ein paar Müde, die noch den Kopf auf den Tisch legen.

Gunther Friedl, der den Controlling-Lehrstuhl leitet und gleich über Unternehmensrechnung sprechen wird, ist ganz euphorisch. "Es ist eine Freude, im Hörsaal zu sein, eineinhalb Jahre Kacheln reichen." Kacheln, die kleinen Videokästchen im Digital-Lehrbetrieb. "Es ist eine ganz andere Energie hier im Raum, ganz andere Präsenz."

Klar sei man auch hier mal abgelenkt, aber nicht so wie zu Hause. "Je länger die Vorlesungen digital waren, desto mehr haben ihre Kamera ausgeschaltet." Um anderes nebenbei zu machen.

Mehr Kugelschreiber als E-Stifte

Friedl nutzt das Beste aus beiden Welten. Chats wirft er an die Tafel, macht auch immer mal live ein Quiz, was bislang digital gut funktionierte. "Oder eine Umfrage, die von den Studierenden dann über die Smartphones beantwortet wird und auf dem Beamer zu sehen ist."

Auch seine Vorlesung wird aufgezeichnet. Für die Online-Mithörer, aber auch für die Anwesenden. "Viele merken während der Vorlesung gar nicht, wenn sie etwas nicht verstanden haben." Dann schaut man sich die Passage eben noch einmal an. Wobei Aufzeichnen nicht gleich Aufzeichnen ist, wie man draußen vor dem Hörsaal erfahren kann.

Hochschulen: Kurz durchschnaufen, mit anderen ratschen, online eine Vorlesung verfolgen: Auf den Fluren der TU ist einiges los.

Kurz durchschnaufen, mit anderen ratschen, online eine Vorlesung verfolgen: Auf den Fluren der TU ist einiges los.

(Foto: Robert Haas)

Da sitzen an einer Bank im Flur drei junge Männer im siebten Semester Bauingenieurwesen und ratschen, während auf ihren Rechnern eine Vorlesung läuft. "Ich hatte gerade eine Live-Veranstaltung und hätte 15 Minuten danach zuhause sein müssen für eine Digitalvorlesung", sagt Paul Fichtner, 21, sichtlich genervt. Die Online-Vorlesung werde aber nicht mehr abrufbar sein, weil der Dozent die Zuhörer live dabei haben möchte, ob digital oder analog.

Am Ende wird geklopft, das ist immer noch so

Dann ist es doch wunderbar, in der Uni an so einem Tisch zu sitzen, oder? "Klar, aber es gibt sehr wenige dieser Plätze", sagt Stefan Dieing neben Fichtner. "Und in die Lernräume dürfen nur sehr wenige rein." Das funktioniere noch nicht, da sind sich die drei einig. "Das Problem ist bekannt, aber offenbar nicht so wichtig", sagt Fichtner. Natürlich sehen sie auch die Vorteile des Online-Lernens, aber noch hake es ganz schön.

Und während an einem anderen Tisch eine junge Frau mit Blick auf ihren Block sagt: "Ich habe keine Ahnung, was ich heute wo anschauen soll", ist oben bei Professor Friedl die Vorlesung zu Ende und die Studierenden klopfen auf die Holztische. Es ist der uralte Dank an den Dozenten, wirkt aber derzeit auch irgendwie, als ob sich viele noch einmal vergewissern würden, dass sie wirklich wieder ganz real in einem Hörsaal aus Stein und Holz sitzen.

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