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"Unendlicher Spaß" am Volkstheater:Spiel, Satz und Sieg

1600 Druckseiten und drei Dutzend Figuren: "Unendlicher Spaß" von David Foster Wallace ist das Lieblingsbuch vieler amerikanischer Intellektueller. Das alles für die Bühne zu bearbeiten, ist der reinste Aberwitz. Das Volkstheater zeigt das "Himalaya der Postmoderne" trotzdem.

Christopher Schmidt

Der hochgestellte Kragen, das Frottee-Stirnband, der gestreifte Tennis-Dress von Ellesse - die Sportswear der Schauspieler auf der Bühne des Münchner Volkstheaters weckt sentimentale Erinnerungen an einstige Tennis-Heroen, an den Argentinier Guillermo Vilas etwa, seinerzeit ein Modellathlet im Dienste von Ellesse. Aber all das ruft auch Reminiszenzen wach an endlose Grundlinien-Duelle unter sengender Sonne, an die mangelnde Laufbereitschaft auf den Tennisplätzen jener Jahre.

"Unendlicher Spaß" von David Foster Wallace im Volkstheater: Szene mit Pascal Fligg, Pascal Riedel, Lenja Schultze und Justin Mühlenhardt.

(Foto: Arno Declair)

Nicht nur der Sport ist seither dynamischer geworden, auch auf dem Theater gehören Standspiel und zermürbende Marathondialoge, bei denen Repliken über große Distanz retourniert werden, der Vergangenheit an. Bälle und Stücke werden heute schneller und härter gespielt, man sucht den Abschluss, den big point. Wenn nun bei der Uraufführung einer Bühnenbearbeitung des Monumental-Romans "Unendlicher Spaß" von David Foster Wallace die Zöglinge des Tennis-Internats, in dem das Buch spielt, ein veritables Synchron-Ballett mit Tennisrackets und Filzbällen vollführen, so spürt man den unbeugsamen Spielwillen, sich von der erdrückenden Last der Textmassen nicht in die Knie zwingen zu lassen und seitenlangen Monologblöcken genuine Bühnenvorgänge entgegenzusetzen.

Der Gefahr, dass darüber die Aufführung in eine Abfolge von mehr oder minder possierlichen Nummern zerfällt, die Schauspieler zu bloßen Zuschaueranimateuren herabkommen, entgeht auch Bettina Bruiniers Inszenierung nicht zur Gänze. Aber zum einen sind einige dieser Nummern ziemlich hinreißend, etwa wenn Oliver Möller als Ion-Tiriac-Double das Motivationsgewäsch des Trainers im kabarettistischen Schleudergang durchnimmt. Und zum anderen gewinnt die Aufführung der offensichtlichen Unzulänglichkeit der Theatermittel immer wieder einen Mehrwert ab.

Wenn etwa die schrecklich kaputte Familie Incandenza sich um den Esstisch versammelt, werden die wegflutschenden Plastikattrappen zum Inbild eines Lebens, das längst durch seine eigene Simulation ersetzt ist. Und wenn die Knochenbrüche bei einer Schlägerei live von einer Geräuschemacherin erzeugt werden, so reflektiert dieses Offenlegen der Verfertigung ein Grundthema des Buches, das Verhältnis von Sein und Schein.

Diesen hypertrophen Roman, seit seinem Erscheinen in den USA 1996 das offizielle Lieblingsbuch amerikanischer Intellektueller, mit seinen 1600 Druckseiten und drei Dutzend Figuren für die Bühne zu bearbeiten, ist natürlich der reinste Aberwitz. Wer diesen "Himalaya der Postmoderne" als Steinbruch benutzt, kann eigentlich nur loses Geröll wegtragen. Das polyphon orchestrierte, hochkomplexe Werk lässt sich weder auf ein Handlungsskelett abfieseln noch auf Dialogszenen runterbrechen.

Bettina Bruinier und Katja Friedrich haben unerschrocken die Textfluten geteilt und zwar nicht gerade einen Königsweg gefunden, aber doch einen mäandernden Eselspfad, der ins schwarze Herz dieses untröstlichen Panoramas der amerikanischen Gesellschaft führt. Über nicht mehr als 44 Textseiten nehmen einen sieben Schauspiel-Sherpas mit in diese Dystopie des enteigneten Lebens. In einer total sedierten nahen Zukunft ist die Herstellung von Glücksgefühlen outgesourct: Drogen, Sport und Medien sorgen für den Kick. In drei Etappen teilt sich der doch etwas ziellose halluzinogene Theatertrip, doch durch die mehrfach besetzten Schauspieler bleibt die Einheit dieser Szenencollage gewahrt, als würden die Protagonisten sich häuten, als wäre jeder von ihnen nur eine andere Transfiguration desselben Schmerzes.

Dass die Inszenierung handgemacht wirkt, unplugged, dass aus literarischem Stadionrock ein Kammerkonzert wird, machen die tollen Schauspieler nicht nur durch Einsatz, sondern mit durchaus filigraner Darstellungskunst vergessen. Ihnen zuzusehen ist ein großer - aber mit zwei Stunden Spieldauer zum Glück endlicher Spaß.

© SZ vom 24.03.2012/ehm
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