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Und jetzt?:Dessous unter der Decke

Samuel Kutter in seiner Wohnung in der Baaderstraße 44.

Platz und Energie sparen: "Unter der Decke ist die Luft wärmer, also trocknet die Wäsche schneller", sagt Samuel Kutter.

(Foto: Florian Peljak)

Für Menschen, die in Innenstädten wohnen und wenig Platz haben, hat Samuel Kutter einen Wäscheständer mit Flaschenzug erfunden

Der gebürtige Schweizer Samuel Kutter, 41, hat "Hangbird" erfunden - einen Wäscheständer, der mit einem Flaschenzug unter die Zimmerdecke gezogen wird. Damit kann man in engen Wohnungen Platz sparen. Kutter war nach einem Physik-Studium Berater von Technologie-Firmen und Vorstand eines Solarenergie-Start-ups. Jetzt will er sich - zusammen mit zwei Mitarbeiterinnen - selbständig machen. Er hat auf "Kickstarter" eine Crowdfunding-Kampagne für Hangbird ins Leben gerufen, die am 9. Juli enden wird.

SZ: Herr Kutter, wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Wäsche zum Trocknen unter die Zimmerdecke zu ziehen?

Samuel Kutter: Vor fünf Jahren kam unser Sohn zur Welt und ich überlegte mir, wie wir in der Wohnung Platz sparen könnten. Ich erinnerte mich an meine Zeit als Student in England - dort hatten sie in den kleinen viktorianischen Reihenhäusern in der Mitte der Küche einen Ofen, der immer heiß war. So ein gusseisernes Biest. Und darüber haben sie die Wäsche getrocknet. Das war die Inspiration. Ich habe dann Holz aus dem Baumarkt geholt und auf dem Küchentisch einen Wäscheständer gebaut, den man mit einem Flaschenzug bis unter die Decke ziehen konnte.

Einen?

Ja, nur für uns, und der sah auch noch nicht so hübsch aus. Aber dann sind unsere Freunde darauf aufmerksam geworden und haben gesagt: "Witzig, witzig - wir wollen auch einen!" Das hat mich dann auf die Idee gebracht, daraus ein Produkt zu entwickeln und aus dem Ganzen ein kleines, eigenes Unternehmen zu machen, weil ich mich beruflich verändern wollte. Ich habe dann vor einem Jahr mit der Pfennigparade . . .

. . . einer Einrichtung, in der vorwiegend körperbehinderte Menschen arbeiten.

Genau, ich habe mit der Pfennigparade zusammengearbeitet und eine erste Testreihe anfertigen lassen. Diese Wäscheständer gingen dann an Freunde, Bekannte und Verwandte - sie waren sozusagen die ersten Kunden zum Testen. Außerdem waren diese Wäscheständer auch für Demo-Zwecke.

Ist Ihr Flaschenzug-Wäscheständer eigentlich völlig neu und einzigartig?

In der Kombination, in der ich es mache, ist er neu, ja. Aber die Idee ist vermutlich uralt, wahrscheinlich haben die Römer das schon gemacht. Wenn Sie im Internet schauen, werden Sie schon so etwas Ähnliches finden, etwa ein Modell aus dem 19. Jahrhundert, das nicht so groß ist und nicht so weit hoch unter die Decke gezogen werden kann. Es sind aber eher hässliche Produkte, die man da findet, sie haben keinen Flaschenzug, sie sind unpraktisch, es sind manchmal umgedrehte Wäscheständer, die an die Wand geklatscht werden.

Mit Ihrem Wäscheständer kann man Platz sparen. Hat er sonst noch Vorteile?

Ja, er ersetzt den Trockner. Unter der Decke ist die Luft wärmer, also trocknet die Wäsche schneller. Der Einsatz von Hangbird spart also Energie - er reduziert den Stromverbrauch eines durchschnittlichen Drei-Personen-Haushalts, der ansonsten einen elektrischen Trockner verwenden würde, um ein Viertel. Dadurch würden sich die jährlichen Stromkosten um 250 Euro verringern. Und noch ein dritter Punkt: Ein Wäscheständer ist ja an sich ein hässliches Entlein, unser Hangbird ist schöner und soll ein richtiges Möbelstück sein.

Sie kombinieren schönes Holz, Seile und Metallbeschläge . . .

Ja, ich verwende Beschläge aus dem Segelbedarf. Wir können die Wäsche sozusagen als Segel hissen. Es gibt dem Ganzen etwas Luftiges, und es sieht nicht nur gut aus, sondern ist auch funktional: So sind zum Beispiel die Wäscheleinen mit einer Tauklemme gespannt, damit man sie immer wieder straff ziehen kann.

Was soll denn Ihr Hangbird kosten?

In der Zeit der Crowdfunding-Kampagne je nach Größe zwischen 130 und 190 Euro. Später zwischen 200 und 300 Euro. Es gibt nicht nur verschieden Größen, sondern auch Seile in unterschiedlichen Farben. Und das Holz kann man in Natur und weiß lasiert haben. Das Ganze wird mit dem ganzen Zubehör wie Haken und Dübeln und einer Montage-Anleitung geliefert.

Die Hangbird-Teile werden nun in Werkstätten für Menschen mit Behinderung hergestellt. Warum arbeiten Sie mit diesen Werkstätten zusammen?

Ich will sinnvolle Arbeit schaffen. Und das Produkt ist nicht allzu kompliziert, die Mitarbeiter der Werkstätten können es nahezu vollständig anfertigen - es ist nicht bloß ein Fuß, der in der Produktion eines Sofas verschwindet. Unsere Kunden können dann übrigens ein Foto von der fertigen Installation an die Mitarbeiter in den Werkstätten schicken. So erfahren diese, wer ihr Produkt benutzt und haben nicht nur wirtschaftlich, sondern auch emotional am Produkt teil.

Wie viel Geld soll die Crowdfunding-Kampagne bringen?

15 000 Euro bis zum 9. Juli. Die Leute können das Projekt unterstützen und bekommen dafür das Produkt - sie kaufen die Wäscheständer zum Einführungspreis.

Wie viel Geld haben Sie bereits eingenommen?

Etwas mehr als 4000 Euro seit dem 10. Mai. Das muss schon noch anziehen. Die Herstellung und Beschaffung der Teile ist für uns nur effizient, wenn wir eine bestimmte Menge haben. Was mich positiv stimmt, ist die sehr gute Reaktion der Menschen - vom Schmunzeln bis zu: "Das habe ich auch schon immer machen wollen." Unsere Kombination von praktisch und schlichtes Design kommt sehr gut an.

Wer interessiert sich vor allem dafür?

Naturgemäß Leute, die in Innenstädten wohnen und wenig Platz haben. Viele Familien sind darunter.

Sie selbst wohnen in einer Altbauwohnung mit hohen Räumen - da geht es gut mit dem Wäscheständer unter der Decke. Wie ist es denn in Wohnungen mit normal hohen Zimmern?

Auch bei der minimal zulässigen Deckenhöhe von 2,40 Meter bleibt für durchschnittlich große Leute Platz, um Wäsche aufzuhängen, sodass unten noch genug Raum zum Stehen ist. Eine gute Platzierung des Hangbirds im Raum und ein geschicktes Aufhängen der wenigen langen Wäschestücke wie Hosen machen es gut möglich.

Konnten Sie eigentlich ein Patent für Ihren Hangbird anmelden? Andernfalls könnte ja ein großer Konzern kommen, die Idee klauen und das Ganze sehr billig anbieten.

In Zusammenarbeit mit einer Studienfreundin, die mittlerweile Patentanwältin ist, haben wir Teile der Konstruktion zum Patent angemeldet. Zudem ist das Design als solches geschützt. Wenn ein Großer mich kopieren würde, davor hätte ich keine Angst. Im Gegenteil, es würde mir zeigen, dass die Idee gut ist. Und die Geschichte David gegen Goliath ging ja für den Kleinen gut aus . . .

In Ihrer Produkt-Information steht, dass Sie "bei Erfolg" ihres Hangbirds "vielleicht weitere praktische und zeitlose Möbel entwickeln und vertreiben" wollen. Werden das auch Möbel sein, die man unter die Zimmerdecke ziehen kann - etwa ein Bett oder ein Schreibtisch mit Flaschenzug?

(lacht) Ich denke nicht. Wäsche ist perfekt für so etwas, sie ist nicht zu schwer. Und einen Wäscheständer braucht man ja höchstens zwei- oder dreimal pro Woche, aber ein Bett müsste man ja zum Beispiel jeden Tag nach oben ziehen, das ist wohl zu aufwendig. Es werden also keine Hängemöbel sein, sondern normale Möbel, die ich aus dem gleichen Holz fertigen möchte wie den Wäscheständer - Stühle, Sessel, Betten. Aber da ist gar nichts konkret, das sind noch Spinnereien. Jetzt muss erst mal das mit dem Hangbird klappen.

Weitere Informationen unter www.hangbird.net

© SZ vom 15.06.2016
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