Und jetzt? Am Ende der Welt

Vreni Häussermann hat am Dienstag den Rolex Award for Enterprise erhalten, eine Art Oscar für Ideen, die das Leben verbessern. Die Biologin taucht im eiskalten Wasser und untersucht die Meeresfauna in Südamerika. Ihre Forschungen zeigen, wie sich die Ozeane durch anhaltende Umwelteinflüsse verändern

Interview von Martina Scherf

Es gibt noch unerforschte Ecken auf dieser Welt. In Patagonien zum Beispiel, wo Vreni Häussermann, 46, seit 13 Jahren mit ihrem Mann Günter Försterra die Unterwasserwelt erforscht. Sie hat an der Zoologischen Staatssammlung in München promoviert und leitet die Huinay-Station im Süden von Chile. Mit ihrem Mann und den beiden Kindern leisten sie wahre Pionierarbeit. Anfangs haben die Zoologen fünf Jahre lang Nachtschichten in einer Behinderteneinrichtung gemacht, um ihre Forschung zu finanzieren. Gerade als sie zu zweifeln begannen, ob sie je davon leben könnten, kam das Angebot der Huinay-Stiftung. Heute gelten sie als die Experten für das chilenische Meer, haben weltweit beachtete Publikationen geschrieben. Häussermann erhielt am Dienstag den Rolex Award for Enterprise, eine Art Oscar für Ideen, die die Welt verbessern. Wie der echte Oscar wird er im Dolby Theatre von Los Angeles verliehen.

SZ: Frau Häussermann, was bedeutet dieser Preis für Sie?

Vreni Häussermann: Er freut mich riesig, denn er bedeutet eine weltweite Aufmerksamkeit für unsere Forschung, die wir sonst nie erreicht hätten. Und mit dem Preisgeld von 100 000 Schweizer Franken können wir Expeditionen zu spektakulären Gegenden mit unserem Tauchroboter finanzieren.

Wie tief tauchen Sie denn in der Regel?

Mit Tauchausrüstung kommen wir bis etwa 30 Meter Tiefe. Den Roboter können wir jetzt bis 500 Meter runterschicken.

Was sind Ihre größten Entdeckungen?

Wir haben schon mehr als 100 neue Arten entdeckt. Davon träumt jeder Biologe! Wir erforschen auch die Kaltwasser-Korallen, die wir gefunden haben. Sie dienen Fischen als Kinderstube für ihren Nachwuchs und sind durch Schleppnetz-Fischerei bedroht. Die Fjorde Patagoniens sind die einzige Region, wo man diese Lebensgemeinschaften tauchend untersuchen kann, weil sie bis ins Flachwasser reichen.

Hören denn die Verantwortlichen auf Sie, wenn es um Umweltprobleme geht?

Auf einer Exkursion in die Wildnis Patagoniens fanden Vreni Häussermann und ihr Team Hunderte toter Wale und entdecken dabei viele neue Arten.

(Foto: Keri-Lee Pashuk/oh)

Wir haben inzwischen einen so guten Ruf im Land, dass uns sowohl die Regierung als auch Umweltorganisationen um Rat fragen. Auch die Fischer kommen jetzt auf uns zu - und gelegentlich sogar die Lachsindustrie. Die stellt zurzeit die größte Bedrohung für die Meerestiere dar.

Warum?

Als wir anfingen, gab es drei kleine Lachszuchten im Fjord, in dem unsere Forschungsstation liegt. Jetzt sind es 23 gigantische, viele aus Norwegen. Aber schon eine kleine Farm mit etwa 500 Tonnen Jahresproduktion entlässt die gleiche Menge Fäkalien und Futterreste ins Meer wie eine Stadt mit 5000 bis 7500 Einwohnern - ohne Kläranlage. Dazu kommen unglaubliche Mengen an Müll, Pestiziden, Desinfektionsmitteln, Antibiotika. Zum Teil zigtausendmal mehr als in Norwegen. Das wird bisher kaum kontrolliert.

Was können Sie noch über den Zustand des Ozeans sagen?

Unsere Forschung an den Kaltwasserkorallen ist wie ein Blick in die Zukunft. Der pH-Wert in den Fjorden Chiles ist sehr niedrig, was ein Problem für alle Organismen mit Kalkskelett oder -schalen darstellt. So ein Wert wird wegen der zunehmenden Versauerung der Meere bis 2100 für alle Ozeane vorausgesagt. Wir können daher untersuchen, wie die Korallen mit solchen schwierigen Szenarien zurechtkommen.

Kaltwasser klingt ungemütlich. Wie kalt ist es denn und wie oft tauchen Sie?

Das Wasser hat fünf bis zwölf Grad. Als Fossi, mein Mann, und ich hier anfingen, sind wir ganz Chile abgetaucht. Inzwischen tauchen hauptsächlich unsere Assistenten und ich kümmere mich um die Koordination, die Forschungsanträge, die Auswertung der Daten. Nur auf den jährlichen Expeditionen in noch unerforschte Gegenden tauchen wir viel, da ist unsere jahrelange Erfahrung nötig.

Vreni Häussermann und ihr Mann sind vor 20 Jahren als Studenten ganz Chile abgetaucht. Heute hört sogar die Regierung auf den Rat der Münchner Biologen.

(Foto: Rolex/Thomas Munita)

Sie haben auch tote Wale entdeckt . . .

Im vergangenen Jahr haben wir auf einer Expedition 367 tote Sei-Wale gefunden. Es ist so einsam hier, dass niemand außer uns das bemerkt hat. Das Sterben hat wahrscheinlich mit der Ausbreitung der giftigen roten Algen zu tun, die wiederum vom Klimawandel forciert wird. Wir haben viele Daten dazu gesammelt. Eines Nachmittags wurden wir dabei von einer Gruppe Orkas überrascht, die ein paar Wale in wilder Jagd in die Bucht trieben. Das sind so spektakuläre Momente, die vergisst man nie mehr.

Klingt, als ob Sie nicht mehr weg wollten.

Die Bedingungen sind traumhaft. Wir leben und arbeiten in einem Haus mit Meer- und Vulkanblick, haben zwei Pferde und vier Hunde, unsere Kinder sind den ganzen Tag bei uns. Wir haben ein Kindermädchen und machen Homeschooling, weil wir jeden Monat etwa eine Woche in der Forschungsstation verbringen und sie dabei sein wollen. Sie reiten, fahren Kajak und angeln, unser neunjähriger Sohn hat neulich einen ausgewilderten Lachs mit 16,5 Kilo gefangen. Wo sonst hätten wir solche Möglichkeiten? Wenn die Schule etwas anderes erfordert, sehen wir weiter.

Keine Lust auf einen Job in Deutschland?

Ich hatte ein Angebot für eine Festanstellung an der Universität Hamburg. Mit Verbeamtung. Alle meine Biologen-Freunde sagten: Das musst du annehmen, so was kriegt man nur einmal im Leben. Aber unsere Forschung hier ist so spannend, es sind im Laufe der Jahre schon 150 Publikationen entstanden. Wir können viel bewegen. Das ist hier in mancher Hinsicht ja noch Terra Incognita. Es ist wunderbar.

Ist es nicht auch manchmal einsam, so am Ende der Welt?

Das Leben hier hat seine Einschränkungen. Aber wir haben ja ständig Besuch in der Forschungsstation. Es kommen Wissenschaftler aus aller Welt, und wenn die alten Freunde von der Zoologischen Staatssammlung aus München da sind, haben wir immer viel Spaß.

Und der viele Regen?

Daran gewöhnt man sich. Zwischen Mai und Oktober regnet es fast immer in Huinay. Das sind oft spektakuläre Schauer mit fantastischen Regenbögen. Da kann es passieren, dass in drei Tagen der mittlere Jahresniederschlag von Deutschland runterkommt. Wenn ich dann mal in München bin, kommt mir das so trocken vor.