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Und jetzt?:Ab nach Sibirien

Peter Stoll im Krankenhaus von Krasnojarsk, wo er einen Vortrag hielt.

(Foto: privat)

Der Radiologe Peter Stoll besuchte Krebsmediziner in Russland

Der Strahlentherapeut Peter Stoll ist vor kurzem zum ersten Mal nach Russland gereist, um in Krasnojarsk, Sibirien, Mediziner mit Münchner Behandlungskonzepten für Krebspatienten vertraut zu machen. Der 50-jährige Radiologe und Allgemeinmediziner will sich künftig regelmäßig für den Austausch mit Russland engagieren.

SZ: Wie kamen Sie ausgerechnet nach Sibirien?

Peter Stoll: Ich interessiere mich schon lange für Russland. Wir sind schließlich Nachbarn in Europa, und gerade in einer Zeit, in der sich das politische Verhältnis verschlechtert hat, darf man den Dialog zwischen den Menschen nicht abreißen lassen. Da können wir Ärzte vielleicht einen kleinen Beitrag leisten. Über das Koch-Metschnikow-Forum - das ist ein wissenschaftlicher Dialog zwischen Deutschland und Russland - wurde ich vom Berliner Onkologen Klaus-Peter Hellriegel eingeladen, an dieser Reise teilzunehmen. Ich musste erst mal auf der Landkarte nachsehen, wo Krasnojarsk überhaupt liegt: im tiefsten Sibirien. Da kommt übrigens Helene Fischer her.

Und was haben Sie den Russen mitgebracht?

Wir haben Vorträge über die Organisation der Krebstherapie gehalten, wie sie in Deutschland üblich ist. Seit einigen Jahren gibt es bei uns sogenannte Tumorboards, in denen Ärzte verschiedener Fachrichtungen gemeinsam über einen Fall sprechen, das war ein sehr großer Fortschritt für die Patienten. Da läuft in München eine enge Kommunikation zwischen verschiedenen Kliniken und niedergelassenen Ärzten. Solche Dinge haben wir den Kollegen in Russland weitergegeben.

Welche Voraussetzungen fanden Sie an dortigen Krankenhäusern vor?

Die Medizin ist auf einem guten Niveau. Ich war überrascht, wie modern die Kliniken an manchen Stellen sind: Sie haben sogar Highend-Strahlengeräte aus den USA und ein eigenes Labor für die Onkologie. Auf dem Land sieht es sicher nicht so gut aus, die Ärzte fahren mit Zügen in die Dörfer, um die Leute medizinisch zu versorgen. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer liegt bei 61 Jahren. Die Leute können sich natürlich nicht so teure Chemotherapien leisten wie sie hier zum Teil bezahlt werden. Und ab einem bestimmten Alter gibt es sowieso keine Therapie mehr - aber das ist ja auch in vielen westeuropäischen Ländern längst der Fall. Da ist Deutschland noch eine Ausnahme.

Wie haben Sie sich mit den russischen Kollegen verständigt?

Die wenigsten sprechen Englisch, wir hatten Dolmetscher. Die Russen sind extrem gastfreundlich. Die Leute leiden unter den Sanktionen und sind deshalb sehr dankbar für diese persönlichen Kontakte. Die russischen Kollegen haben uns auch die Stadt gezeigt und das Umland. Und natürlich war auch ein Wodka-seliger Abend im Programm. Der älteste Arzt hat eine Flasche allein getrunken, und ich staunte nicht schlecht: Je später der Abend, desto wissenschaftlicher wurden seine Beiträge - und am nächsten Morgen stand er wieder im OP.

Fahren Sie wieder hin?

Auf jeden Fall. Die nächste Reise sollte im Mai nach Armenien gehen, da kann ich nicht mitfahren, und vielleicht findet sie auch gar nicht statt, denn es herrscht wieder Krieg in der Region. Aber im Herbst werde ich sicher wieder an einer solchen Fahrt teilnehmen.

© SZ vom 08.04.2016
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