Umzug eines Kultlokals:"Es ist wie ein Wunder, dass das haargenau rein passt"

Doch so einfach war die Sache nicht. Die Holznischen waren fest in den Fußboden einzementiert und mussten mühsam herausgemeißelt werden. "Das war ein riesiger Scheiterhaufen", sagt Angermeier und lacht. "Ich hab' erst mal gedacht, vielleicht sollte man es einfach anzünden." Aber wieder redete ihm sein Spezl gut zu. Die Tische und Bänke wurden repariert, ein bisschen angestrichen und in die alte Bauernstube eingebaut. Vier Stück haben darin Platz gefunden. "Es ist wie ein Wunder, dass das haargenau rein passt."

Genau ein Jahr ist das nun alles her. Natürlich waren die Schicksalscombo und die Gerti bei der ersten Vernissage dabei. "Der Tom, des war ein lieber Stammgast", sagt sie heute. Auch jetzt zur dritten Ausstellungseröffnung sind die Münchner Musiker für einen kurzen Auftritt in den Kirchmoarhof nach Winden gekommen. Da stehen sie nun vor dem dunkelgrünen bullernden Kachelofen: die Männer in Admiralskostümen und Sängerin Kathrin Anna Stahl im Röckchen und schmettern "O sole mio" und so.

Die Besucher muhen, krähen und meckern

Schon nach dem ersten Lied reißt ein Vernissagen-Gast ein Fenster auf, es dampft in der überfüllten kleinen Stube. Der Geruch vom Kuhstall nebenan weht herein und Anton Leiss-Huber fordert das Publikum auf: "Machen'S doch mal aus tiefer Überzeugung Muuh." Tatsächlich, die Besucher muhen, krähen, meckern zu "Auf der Alm, da gibt's koa Sünd'", obwohl sie eigentlich zu einer edlen Kunstausstellung gekommen sind. Die Schicksalscombo kennt hier niemand, und auch von Gertis Schoppenstube haben die Leute nur mal in der Zeitung gelesen. München ist weit weg.

"Seit Anfang meines Studiums bin ich in der Schoppenstube gewesen", sagt Anton Leiss-Huber, der Opernsänger und Rundfunksprecher. Er hat dort damals schon nachts gesungen und dafür umsonst gegessen und getrunken. Weit nach Mitternacht gab's frischen Schweinsbraten oder Fleischpflanzerl für die Gäste. Die in Plastik eingeschweißten Liedtexte waren da schon etwas verklebt vom Schunkeln mit Wein und Bier.

Bis heute lässt Leiss-Huber das Lokal nicht mehr los, auch wenn es seit mehr als einem Jahr nicht mehr existiert. Er wird deshalb bald wieder draußen sein mit der Schicksalscombo, in Winden, wo der Rest der Schoppenstube überlebt hat. Spätestens am 25. Oktober: Dann kommt auch die Gerti Guhl extra angereist, um wieder mit ihren alten Freunden und Stammgästen für eine lange Nacht zu feiern und zu singen. Irgendwie gehören sie eben auch zum Inventar der Fraunhofer Schoppenstube.

Die Galerie Angermeier liegt 40 Kilometer südöstlich von München in Winden bei Haag in Oberbayern. Bis 1. November ist dort samstags von 13 bis 18 Uhr die Fotoausstellung "Close to Action - Performance Documentary 1961 -1985" zu sehen. Die Schoppenstube kann auch gemietet werden (www.galerie-angermeier.de)

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