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Umzug der SZ:Über den Geist des Ortes

Ihr Sensorium ist so fein wie das eines Wünschelrutengängers, der dir das Bett zwei Meter verrückt, damit es nicht mehr auf der bösen Wasserader steht und du fortan selig schläfst. Der im Ressort Innenpolitik angesiedelte spiritistische Arbeitskreis hat das Karree zwischen Sendlinger und Hotterstraße einmal in dem Sinn exploriert, mit dem Ergebnis, dass in keltischer Zeit hier eine Opferstätte gewesen sein muss - Menschenopfer nicht ausgeschlossen. Im Übrigen lässt der Name "Färbergraben" die Vermutung zu, dass um das als Kraftplatz erkannte Geviert einst mit dem Pflug eine kultische Grenzfurche gezogen worden war. Ende der Abschweifung.

Die Texte des Feuilletons werden in Leserkreisen verständlicherweise lebhafter diskutiert als die anderer Ressorts, und oft rekurriert das Gespräch auf die Vermutung, dass es auch hier "nicht mit rechten Dingen" zugehe. Das ist nicht böse gemeint, ganz im Gegenteil. Man will damit vielmehr andeuten, dass diesen Texten etwas sehr Spezielles eigne: eine Art von gebrochener Luzidität, verhangener Helligkeit oder verhüllter Klarheit. Das lasse, munkeln die Leute, den Schluss auf Räume zu, die dergleichen begünstigten, also auf Zimmer von beschränkter Ausleuchtung, um nicht zu sagen Lichtführung.

Man rührt damit an die geheimsten Dinge der Feuilletonisten, an ihr, wie sie selber formulieren würden, "Arkanum. Tatsächlich verfügten sie, die meisten von ihnen jedenfalls, hier über hinlänglich erleuchtete Räume, und auch an irregulär wuchernden Anbauten mutete man ihnen nicht mehr zu als den übrigen Ressorts. Woher dann das Inkommensurable ihrer Produktion? An hauseigener Bosheit dazu hat es nie gefehlt.

Der Tenor solcher Aperçus ging dahin, dass nun mal jeder Mensch seine Hölle in sich trage - und die Feuilletonisten eben in Form besagter gebrochener Helligkeit. Harmlosere Scherze führten das Unerklärliche auf den neben dem Feuilleton seit Äonen umlaufenden Paternoster zurück, bei dem das Helle und Dunkle ebenfalls ständig wechselten, doch sagte man das den Kollegen nur bei fortgeschrittenen Betriebsfeiern. Es spricht für das Feuilleton, dass es sich weder durch das eine noch durch das andere in seinen Kreisen stören ließ. Eher fand es sich beflügelt.

Ein letztes Wort noch zum Zwischenstock, der über eine gut verborgene Holztreppe zu erreichen und den wenigsten im Haus bekannt war. Der klassische Dialog dazu ging so: "Wo is'n eigentlich dein Büro?" - "Im Zwischenstock." - "In welchem Zwischenstock?" - "Im Zwischenstock halt. Kann ich jetzt auch nicht erklären.'' Im diesem Zwischenstock saßen die Ressorts Wissenschaft, Auto und Reise, dazu die unvergessene Ursula von Kardorff, eine Grande Dame von einzigartigem Zuschnitt, die sich wie keine Zweite darauf verstand, Feste vom Zaun zu brechen und diese mit den schrägsten ihrer schrägen, dabei aber hochwitzigen Freunde zu bestücken.

Ein paar der Kammern dort waren so winzig, dass man sich, um im Sommer nicht zu ersticken, beim Telefonieren besser weit aus dem Fenster lehnte. Passanten auf der Sendlinger Straße erschraken nicht selten und schlugen einen Bogen, um von dem Mann da oben, falls er Gott behüte aus dem Fenster fiele, nicht erschlagen zu werden. Wie hätten sie auch ahnen können, dass da gerade der Ressortleiter Wissenschaft mit einem Nobelpreisträger sprach und dass der Artikel, den sie tags darauf lasen, nicht zuletzt deswegen so leicht und luftig war, weil er zwischen Himmel und Erde konzipiert worden war.

Ewig schade, dass Spitzweg das alles nicht mehr hat malen können.

© SZ vom 11.11.2008/sonn
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