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Umzug der SZ:Über den Geist des Ortes

Äußerlich sieht der Komplex des Süddeutschen Verlags zwar nicht so aus, aber wer hier lang genug gearbeitet hat, fühlte sich wie der Bewohner eines Korallenriffs, das im ewigen Lauf der Jahre rund um ihn herangewachsen ist und in dem nur er und seine Kameraden sich zurechtfanden. Besucher pflegte er aus diesem Grund schon an der Pforte mit dem Scherz zu empfangen, er werde sie auf Schritt und Tritt begleiten, auf dass es ihnen nicht ergehe wie manch anderem Gast, der sich allein in das Labyrinth wagte und seither nicht mehr gesehen wurde. "Da findet man immer wieder Skelette", fügte er hinzu und freute sich, wenn die Besucher erschauerten und die Frage stellten, wie man hier auch nur einen einzigen Tag arbeiten könne.

SZ-Hochhaus in Steinhausen

Die neue Heimat der SZ: das Hochhaus in Steinhausen.

(Foto: Foto: Rumpf)

Und wie arbeitete man in einem Korallenriff? Nun, man schwamm herum. Das Biotop war immerhin von erheblicher Vielfalt: zur Sendlinger Straße das schöne Haupthaus, am Färbergraben der glatte Verwaltungsbau alias "Das schwarze Haus", an der Hotterstraße allerlei Notbehelfe, dazwischen die alten Technikgebäude mit ihren industriestolzen Klinkermauern, in deren Innerem ständig umgebaut wurde. "Dreißig Jahre, und kein Tag ohne Baustelle", sagten ältere Kollegen, womit sie nicht nur ihre Anciennität betonten, sondern auch und vor allem ihre übermenschliche Fähigkeit, in diesem Chaos Texte von einiger Würde zu schreiben, womöglich sogar welche mit dem Anspruch auf jene kleine Ewigkeit, auf die auch wir Journalisten insgeheim spekulieren.

Zu beweisen ist es nicht, zu widerlegen freilich auch nicht: dass sich Leute, die in so einer Umgebung leben, in ihrer Arbeit den baulichen Gegebenheiten anpassen. Es wäre eine große vergleichende Untersuchung wert, wie sehr zum Beispiel die Leitartikel der Süddeutschen (nicht alle, aber die besten) von ihrem Umfeld beeinflusst wurden - positiv beeinflusst, wenn wir das richtig sehen.

Das Haupthaus an der Sendlinger Straße spiegelte sich demnach wider in der großen Geste des Urteils, im Gepränge des stilistischen Auftritts, in der wohlgegliederten Ordnung der Argumentation. Dem "schwarzen Haus" entsprachen die politischen und juristischen Finessen, wohl auch die Durchtriebenheit, mit der allfällige Schwächen im kausalen Gefüge überspielt wurden. Den Verhau an der Hotterstraße konnte man daran wiedererkennen, dass der gute Leitartikler heute so sagte und morgen so, beides übrigens mit Gründen von der feinsten Sorte. Das alte Technikgebäude aber stand Pate für Krausheiten, zu denen zu stehen sich selbst seriöseste Schreiber nicht scheuten: das genialisch Verschrobene, das süddeutsch Gegenläufige, das hintergründig Irrlichternde - all das kurzum, was auch die Leser als charakteristisch einschätzten und liebten.

Vor diesem Hintergrund muss neu geprüft werden, was die Autoren des Streiflichts über die Alchemie ihres Tuns geschrieben haben. Schlingel, die sie sind, taten sie in ihrem ersten Sammelband so, als würden ihnen ihre Texte auf irgendwie übernatürliche Weise zugeteilt und eingegossen, doch kann davon keine Rede sein. In Wahrheit schrieben sie dahin wie jeder andere, nur dass es ihnen gegeben war, mit dem Verschachtelten, Winkeligen und generell schwer Kryptischen der sie umgebenden "Raumschale" derart zu verschmelzen, dass ihre Texte ebenfalls verschachtelt und winkelig wurden, oft auch schwer kryptisch, was aber als Vorzug und quasi Alleinstellungsmerkmal ausgegeben wurde.

Kleiner Exkurs. Was das mutmaßlich Magische und Überirdische angeht, so wäre es vielleicht ganz aufschlussreich gewesen, wenn man da mal einen Geomanten zu Rate gezogen und über das Verlagsgelände hätte laufen lassen. Geomanten sind Leute, die sich auf den Einklang zwischen Mensch und Mutter Erde verstehen, selbstverständlich auch auf den leider weitaus häufigeren Missklang.