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Umzug der SZ:Über den Geist des Ortes

Von verwinkelten Redaktionsstuben, denkwürdigen Charakteren und einem alten Paternoster: Was die Sendlinger Straße mit der SZ zu tun hat - und was dem neuen Hochhaus zu wünschen ist.

Der Krieg war noch kein halbes Jahr vorbei, als am 6. Oktober 1945 die erste Süddeutsche Zeitung erschien. Es gibt aus diesen Tagen ein höchst schätzenswertes Foto. Der Winter 1945/46 war ja, wie die Älteren, ach was: die Alten unter uns wissen, ebenso lang wie hart, und so zeigt denn das Bild die Redaktionskonferenz im einzig warmen Raum des Verlags, im Heizungskeller. Die Herren tragen Pullover unter den properen Jacken, hinter ihnen sieht man die Heizkessel, und einzig der Kollege Saekel, damals noch ein junger Hupfer, schaut aus dem Bild heraus, als wollte er sagen: Keine Angst, wir kriegen das hin.

SZ Steinhausen

Anyway, die SZ ist inzwischen in Steinhausen.

(Foto: Foto: Rumpf)

Man könnte daraus den Schluss ziehen, dass kluge Köpfe überall gute Arbeit leisten, dass also die Örtlichkeit, vorzüglich das Büro, einzig dazu da ist, um besagte Köpfe - und mit ihnen das teuere Material - vor Sturm, Sonnenschein und Regen zu schützen. Anhänger dieser für Arbeiter des Geistes überaus schmeichelhaften Theorie weisen gern darauf hin, dass ein Schubert noch im letzten Vorstadtbeisel zur Komposition höchster, ja seligster Musik in der Lage gewesen sei und dass man doch auch von Spitzwegs "Armem Poeten" Supergedichte habe erwarten dürfen, unbeschadet seiner überaus dürftigen Lebens-, Wohn- und Arbeitsumstände.

Wenn wahr ist, was die Leser der Süddeutschen hin und wieder andeuten und wovon, in aller Bescheidenheit natürlich, auch ein Großteil der Redaktion überzeugt ist, nämlich dass in diesem ihrem beziehungsweise unserem Blatt die ganzen Jahre über anständiger Journalismus betrieben wurde: Welchen Anteil hatten daran die Räumlichkeiten an der Sendlinger Straße, am Färbergraben und an der Hotterstraße? Damit ist das Quartier umrissen, das die SZ nun mit einem an der Hultschiner Straße in Steinhausen gelegenen Hochhaus vertauscht. Diese Hultschiner Straße erinnert an das weiland Hultschiner Ländchen, heute Hlucinsko, und kommt schon von daher vielen Redakteuren böhmisch vor.

Anyway, wie man in dem magischen Dreieck zwischen Zamdorf, Steinhausen und Trudering in solchen Fällen sagt. Die Entscheidung ist gefallen, und was noch zu tun bleibt, ist allenfalls dies: dass wir den alten Räumen die Ehre antun und sie vor dem Abbruch oder der Umwidmung daraufhin abhorchen, ob und auf welche Weise sie uns bei der Arbeit am - wie angedeutet: anständigen - Journalismus unterstützt haben. Um es vorwegzunehmen, so sind nicht wenige Kollegen überzeugt, dass sie dem alten Haus in dieser Hinsicht einiges verdanken. Schon aus diesem Grund hat der freundschaftlich saloppe Ausruf "Altes Haus!" bei uns ein paar ganz spezielle Ober- beziehungsweise Untertöne, einen Hintersinn, den sich der schneidige Turm in Steinhausen erst mal erwerben muss.