Umzüge innerhalb der Stadt:Treue wird meist teuer bezahlt

Lesezeit: 5 min

Teure Innenstadt

Für die Doppel-Problematik hoher Mietpreise und knapper Flächen in der City steht beispielhaft Eva Blombergs Umzugsgeschichte. Nach der Geburt ihrer Tochter 2016 zog die Kleinfamilie Blomberg vergangenen Februar von der Genossenschaftswohnung im zentralen Neuhausen in die Messestadt Riem. "Wir wären sehr gerne geblieben", erläutert Blomberg, die sich in Neuhausen nicht bloß wohl gefühlt, sondern auch politisch engagiert hat. Doch hatte ihre Genossenschaft - anders als in der Messestadt - keine Drei-Zimmer-Wohnung frei, und am östlichen Stadtrand war es zudem "deutlich günstiger". Wichtig war für die Blombergs, möglichst rasch in die Innenstadt zu kommen, zum Arbeitsplatz und dem Freundeskreis in der westlichen City. Dafür sorgen im Osten das Auto und Richtung Innenstadt die U-Bahn mit ihrem dichten Takt. "Nach Neubiberg zu ziehen", sagt Eva Blomberg, "das hätten wir, glaube ich, nicht gemacht."

Seinem Viertel bleibt man treu

Auch wenn Eva Blombergs Entscheidung anders ausgefallen ist, gilt für das Jahr 2000 dasselbe wie 15 Jahre später: Wohnungssuchende verlassen ihr Viertel nur ungern. Gut die Hälfte werden im gleichen Stadtbezirk oder einem der angrenzenden Viertel fündig, sagt Geograf Hubert Müller, im Planungsreferat zuständig für Bevölkerung, Wohnungsmarkt und Stadtökonomie. Die Daten verdeutlichen noch weitere Zusammenhänge bei den stadtinternen Umzügen. Generell ist die Bezirkstreue in der Innenstadt niedriger als in den Außenbezirken, besonders hoch in Bogenhausen, Trudering-Riem, Thalkirchen-Obersendling-Forstenried-Fürstenried-Solln, Ramersdorf-Perlach, in Hadern, Pasing-Obermenzing, Aubing-Lochhausen-Langwied, Allach-Untermenzing und Feldmoching-Hasenbergl. Bleibt der Münchner mal nicht in seinem angestammten Viertel oder der direkten Nachbarschaft, zieht es ihn überproportional häufig in den Süden der Stadt. Zu den Gründen bleibt den Experten auch diesmal nur Spekulation. Mutmaßlich dürfte die Lage eine Rolle spielen, das gute Image, die nahen Berge.

Westen bevorzugt

Münchner mit deutscher Staatsbürgerschaft wollen über die Jahre zunehmend weniger nach Altstadt-Lehel, Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt, Maxvorstadt, Schwabing-West, Milbertshofen-Am Hart und Schwabing-Freimann. Wie die Geografen der Stadt festgestellt haben, bevorzugen sie Viertel wie Trudering-Riem, Thalkirchen-Obersendling-Forstenried-Fürstenried-Solln, Pasing-Obermenzing, Aubing-Lochhausen-Langwied und Allach-Untermenzing, also besonders auffallend den Münchner Westen. Allerdings lohnt auch ein Blick auf die absoluten Zahlen aller Umzüge - ungeachtet der Nationalität: Während große, dynamische Viertel wie Neuhausen-Nymphenburg stadtintern jährlich Zu- und Abgänge in vierstelliger Höhe aufweisen (2016: 5074 Wegzüge bei 1843 Umzügen innerhalb des Stadtbezirks), verließen Allach-Untermenzing im Jahr 2016 gerade einmal 1375 Haushalte (467 aber blieben dem Stadtbezirk treu). Die Verteilung der Nichtdeutschen mit auffallenden Zuwächsen in Schwabing-Freimann, Bogenhausen, Berg am Laim und Feldmoching-Hasenbergl muss dagegen vorsichtiger interpretiert werden. Denn dabei spielt die Lage der ungleich verteilten Erstaufnahmeeinrichtungen und der Flüchtlings-Unterkünfte eine unter Umständen verfälschende Rolle.

Angebot und Nachfrage

Die naheliegende Interpretation, die Wahl des Wohnorts hinge vor allem von persönlichen Vorlieben ab, wäre zu kurz gesprungen. Auch das zeigen die Jahre 2000 bis 2016, aus denen sich die großen Siedlungsprogramme der Stadt bestens ablesen lassen. Wo Wohnungen angeboten werden, ziehen die Menschen auch hin. Münchner sind dabei an der Spitze der Bewegung: Sie erfahren durch ihre Vernetzung am schnellsten von neuen Planungen.

Zu Beginn des neuen Jahrtausends spielt etwa die Besiedlung der Messestadt Riem eine ablesbare Rolle beim Zuzug in den Stadtbezirk Trudering-Riem. Auch die neuen Quartiere am Ackermannbogen und im östlichen Schwabing (Parkstadt Schwabing, Domagkpark) spiegeln sich in den Zahlen für Schwabing-West und Schwabing-Freimann. Während Aubing-Lochhausen-Langwied fast durchgehend in der Zahl aller Zuzüge - also auch von jenseits der Stadtgrenze - konstant zu den Schlusslichtern zählt, deutet sich die Trendwende 2016 schon an: In dem laut Bevölkerungsprognose bei Weitem dynamischsten Stadtteil der kommenden Jahrzehnte machen Planer und Architekten zunehmend den Umzugsfirmen Platz, weil im Münchner Westen Wohnungen über Wohnungen bezugsfertig werden: zuvorderst und in großer Zahl natürlich in Freiham.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema