Süddeutsche Zeitung

Umweltschutz:Ist Grillen schuld an der hohen Mikroplastik-Verschmutzung der Isar?

Experten sind alarmiert: Die Isar spült große Mengen Mikroplastik von München in Richtung Donau. Woher die Teilchen kommen - eine Spurensuche.

Wenn die Isar durch München rauscht, nimmt sie eine fast unsichtbare Fracht auf. Der Stoff ist unheimlich, bislang ist noch nicht einmal geklärt, wer der Verursacher dieser Flussverschmutzung ist. Fest steht aber: In Moosburg, im Norden Münchens, ist die Menge an Mikroplastik zehnmal so groß wie an der Stadtgrenze im Süden.

Es sind kleinste Fragmente, die Forscher der Universität Bayreuth im Auftrag mehrerer Bundesländer, darunter auch Bayern, aus der Isar, der Donau und weiteren Flüssen und Bächen herausgefiltert haben. Die Studie mit dem Titel "Mikroplastik in Binnengewässern Süd- und Westdeutschlands" gilt als eine der weltweit größten Untersuchungen zum Vorkommen von Plastikpartikeln in Flüssen - und doch gibt sie, seitdem sie im März veröffentlicht wurde, Wissenschaftlern und anderen Experten Rätsel auf.

Aufhorchen lässt die extreme Vermehrung der Plastikpartikel zwischen der Messstelle in Baierbrunn kurz vor München und Moosburg, 45 Kilometer nordöstlich der Landeshauptstadt, von 8,3 auf 87,9 Partikel pro Kubikmeter Wasser. Bei Deggendorf an der Mündung in die Donau wurden sogar 150,8 Partikel gezählt - der höchste in Bayern gemessene Wert. Doch woher kommen die Teilchen? Eine Spurensuche.

Tobias Ruff steht am Mittwoch an der Kläranlage Großlappen und fotografiert mit seinem Handy. Was er sieht, ist ein weißer Schaumteppich. "Das Klärwerk Großlappen ist gerade überlastet", mailt er kurz darauf. Ungeklärtes Abwasser gelange über einen Bypass an der Kläranlage vorbei in einen Zulauf in Richtung Mittlere-Isar-Kanal, erläutert der ÖDP-Stadtrat, der hauptberuflich Gewässerökologe ist. Ein paar Schritte weiter macht Ruff eine weitere Entdeckung. In einem Rechen im Zulauf hängt Müll, darunter auch viel Plastik. Bei Starkregen wie in den vergangenen Tagen kann selbst eine so große Kläranlage wie Großlappen die Wassermassen nicht mehr zurückhalten. Kot, Müll, Plastik jeder Art fließen dann ungehindert nach Nordosten und landen schließlich in der Isar.

Ist Hochwasser eine Ursache?

Ist Hochwasser also die einfache Erklärung für das viele Mikroplastik flussabwärts von München? So einfach ist es wohl nicht. Zumal der Mittlere Isarkanal erst bei Landshut in die Isar mündet, hinter der Messstelle bei Moosburg. Aber es wäre eine mögliche Erklärung für die ungewöhnlich hohen Werte bei Deggendorf.

Die Münchner Stadtentwässerung räumt ein, dass mit Filtern, wie sie auch im Klärwerk Großlappen eingesetzt sind, "allenfalls ein Teil der Mikropartikel zurückgehalten werden". Man sei als Münchner Stadtentwässerung zum Thema Mikroplastik "im ständigen Austausch mit Behörden und Fachausschüssen" und sei als assoziierter Partner an drei Forschungsprojekten beteiligt. Auf eine Anfrage der Grünen vom November 2016 teilte das Baureferat mit, dass für ein Forschungsprojekt im Ablauf des Sandfilters in Großlappen Proben entnommen worden seien. Das Ergebnis: "Es konnten keine größeren Fraktionen an Mikroplastikpartikel nachgewiesen werden. Diese Tatsache lässt sich auf die Retensionswirkung des Sandfilters zurückführen", heißt es in dem Schreiben an den Stadtrat.

"Kann mir gut vorstellen, dass das Mikroplastik von Wegwerfplastik stammt"

Und doch treibt das Mikroplastik im Fluss. Die Forscher der Universität Bayreuth können sogar eingrenzen, worum es sich handelt: Es sind überwiegend Fragmente aus Polyethylen. Mikroplastik, wie es in Kosmetik oder Zahnpasta vorkommt, kann nach Ansicht von Philipp Sommer nur für einen kleinen Teil die Ursache sein. Der Experte für Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe kennt die Studie und hält es für sehr wahrscheinlich, dass sich die in der Isar gefundenen Kleinstpartikel bilden, "indem sich größeres Plastik zersetzt". Sommer warnt davor, das Problem zu verharmlosen: Man wisse, dass Mikroplastik "wie ein Magnet Schadstoffe anzieht", die sich dann an die Partikel heften. Wenn Fische das Mikroplastik fressen, "lagern sich die Stoffe im Fett- und Muskelgewebe ab", so Sommer. Über die Nahrungskette kämen so die Schadstoffe letztlich "bei uns auf den Teller".

Im Münchner Referat für Gesundheit und Umwelt (RGU) ist man sich des Problems mit dem Mikroplastik bewusst. Aber "da es noch keine eindeutigen, toxikologischen Kriterien zur Bestimmung von gesundheitsschädlichen Eigenschaften gibt, sind keinerlei Grenzwerte definiert, nach denen eine Untersuchung oder Beprobung ausgerichtet sein könnte", lässt RGU-Sprecher Bernd Hörauf wissen.

Das Referat kritisiert allerdings, dass die in der Studie veröffentlichten Messwerte "leider keinen Aufschluss darüber" geben, wie die Proben entnommen wurden - ob mehrmals oder nur einmalig. Es geht nicht einmal daraus hervor, ob am Tag der Probenentnahme Hochwasser war, was wiederum die Beobachtung von Gewässerökologe Ruff stützen würde. Auch der ÖDP-Politiker findet, dass das Ergebnis der Studie deshalb in Teilen unbefriedigend ist. "Da müssen sie nachlegen", fordert er.

Das Landesamt für Umwelt, einer der Auftraggeber der Mikroplastikstudie, räumt ein, dass es bislang "noch keine gesicherten Erkenntnisse" gebe, woher das Mikroplastik in der Isar stammt. Es gebe "eine Vielzahl von Eintragsfaktoren", sagt ein Sprecher des Landesamts, möglicherweise auch durch Kläranlagen. "Aber das ist wohl nicht der Hauptfaktor." Einige Forscher haben jedoch einen Verdacht: Die vielen Besucher der Isar in München könnten für die Belastung verantwortlich sein. Die Wissenschaftler wollen nicht namentlich zitiert werden, denn noch stehen Beweise dafür aus.

Doch einiges deutet darauf hin, dass die Spur heiß ist. Die untersuchten Partikel in der Isar bestehen fast ausschließlich aus Polyethylen und stammen von größeren Plastikteilen. Partymüll also? An sonnigen Wochenenden fallen in den Grillzonen der Isar durchschnittlich vier Tonnen Abfall an. Zwar sind dort 95 Gitterboxen aufgestellt, zudem an Wochenenden acht große Abfallcontainer. Doch auch das vom Baureferat beauftragte Reinigungspersonal kann nicht immer verhindern, dass Plastikmüll wie Besteck, Becher oder Tüten in der Isar landet und abtreibt. Beim lose herumliegenden Müll sei zwar "eine sinkende Tendenz festgestellt" worden, so Dagmar Rümenapf vom Baureferat. Trotzdem mussten die Reinigungstrupps in den vergangenen Jahren immer häufiger ausrücken.

"Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das Mikroplastik in der Isar von Wegwerfplastik stammt", sagt Philipp Sommer von der Deutschen Umwelthilfe. Im Umweltreferat ist man vorsichtiger. "Ob Badegäste oder Müll im Uferbereich für diesen enormen Anstieg der Messwerte verantwortlich sein können, darf bezweifelt werden", entgegnet Sprecher Hörauf. "Also muss es andere Wege des Eintrages von Mikroplastik geben." Die Spurensuche dauert an.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4018163
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 16.06.2018/imei
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.