Umweltschutz Freiheit gegen Freiheit

Silberne Ballons für eine autofreie Stadt: Bei Münchens erstem Klimacamp wird diskutiert und protestiert

Von Johannes Huyer und Pia Ratzesberger

Es ist Samstag, 12 Uhr, in der Münchner Innenstadt. Passanten schlendern in der Schützenstraße vom Hauptbahnhof in Richtung Stachus, doch plötzlich stutzen sie - vor ihnen stehen Menschen in blauen Overalls zusammen, den Stoff teils bis über den Kopf gezogen, manche tragen Atemschutzmasken. Und einer ein Gorillakostüm. Sie blasen Seifenblasen in die Luft, noch ist alles ruhig. Hinten am Stachus aber beobachten schon mehrere Polizisten die Gruppe, und die etwa 150 Menschen haben tatsächlich noch etwas vor. Sie werden gleich weiterziehen in die Elisenstraße, um sich dort mitten auf die Fahrbahn zu setzen und die Straße zu blockieren. Auf großen silbernen Ballons wird stehen, wie sie sich München wünschen: autofrei.

Während sich viele lieber nicht zu erkennen geben, hinter Sonnenbrille oder Gorilla-Maske, hat eine beschlossen mit ihrem Namen für die Aktion zu stehen. Sina Reisch ist die Sprecherin der Gruppe: "Es reicht nicht mehr, nur zu demonstrieren", sagt sie. In einer Stadt mit einer so hohen Stickoxid-Belastung wie München müsse sich endlich etwas tun. Und so zeigt sich an diesem Samstag wieder einmal, wie unterschiedlich die Vorstellungen von der Zukunft Münchens doch sind. Während die einen die Straße blockieren und davon sprechen, wie viele Freiheiten eine Stadt ohne Autos bieten würde, sitzen die anderen hupend in ihren Wagen - und verbinden Freiheit eben gerade mit ihrem eigenen Auto.

Ein Hupkonzert provozierten Aktivisten in der Elisenstraße.

(Foto: Robert Haas)

Statt der vielen Autos und der vielen Parkplätze solle es lieber mehr Wohnungen geben, mehr Grünflächen und mehr öffentlichen Raum, sagt Sina Reisch, 23. Für dieses Ziel ist die Studentin auch bereit, Gesetze zu brechen. Sie nennt das "zivilen Ungehorsam". Der Protest solle stets friedlich ablaufen, ihre Mitstreiter und sie wollten niemandem schaden und nichts kaputt machen. Aber sie wollen einen Wandel erreichen. In der Elisenstraße sprühen sie "stop war and cars, make love" auf den Asphalt, während der Sitzblockade bleibt Zeit für die mitgebrachte Brotzeit. Weniger entspannt sehen dagegen manche Autofahrer die Aktion - größere Verkehrsbehinderungen bleiben nach Angaben der Polizei allerdings aus. Die Reaktionen der Passanten reichen von Sympathie über Unverständnis bis hin zur pragmatischen Feststellung: "Das Motto ,Ende Gelände' versteht doch der Münchner nicht."

Die Gruppe, zu der Reisch und die anderen gehören, nennt sich "Ende Gelände". Deren Aktivisten geht es sonst vor allem um den Kohleausstieg, im Rheinland besetzen sie seit vielen Jahren immer wieder Gleise und Kraftwerke. Die lokale Münchner Gruppe hat beschlossen, sich vor allem für eine autofreie Stadt einzusetzen und unter dem Motto "München sagt Ende Geländewagen" an diesem Samstag zur Besetzung einer Straße aufgerufen. Reisch und ihre Mitstreiter fordern unter anderem einen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr und den Ausbau von Radwegen. "Die Autoindustrie heizt mit ihren immer größeren und schwereren Autos die Klimakrise entscheidend an", sagt die Studentin. Die Veränderung des Klimas sei das zentrale Problem, das viele andere Probleme verstärke; Menschen in ärmeren Ländern zum Beispiel seien dem Klimawandel stärker ausgeliefert als in reicheren. Reisch und ihren Mitstreitern geht es also nicht nur um das Klima, sondern auch um Gerechtigkeit. Und um über die zu debattieren, campen sie und viele andere der Aktivisten aus der Elisenstraße gerade ein paar Tage im Osten von München, in Vaterstetten.

Mitten auf der autofreien Straße nahmen die Aktivisten Platz.

(Foto: Robert Haas)

Auf einem Feld fand von Mittwoch bis Sonntag das erste sogenannte Münchner Klimacamp statt, auch das hat sein Vorbild im Rheinland. Seit acht Jahren gibt es im Braunkohlerevier jedes Jahr ein Klimacamp, in dem Aktivisten und Interessierte zusammenkommen, um über Strategien gegen den Klimawandel zu sprechen, aber eben auch über alternative Lebensmodelle im Generellen. "Die Leute sollen von Konsumenten wieder zu Produzenten werden", sagt Leonhard Martz, 33, gleich am Eingang des Camps.

Die kleine Zeltstadt erinnert an ein Festival. Ein Zirkuszelt mit gelben Sternen steht in der Mitte, dahinter eine Feldküche, ein Zelt mit dem Namen W 4. Das steht für Workshop-Zelt 4. Martz ist einer von zwei Sprechern des Camps. Hinter dem Klimacamp steht kein Verein, sondern eine lose Gruppe Engagierter, und diese Münchner Klimakämpfer sind ziemlich gut organisiert. Wahrscheinlich braucht es das auch, wenn man sich nichts Geringeres vorgenommen hat, als die globale Erderwärmung zu stoppen. "Es heißt immer, unsere Generation hätte nichts mehr zu tun, dabei haben wir die wichtigste Aufgabe überhaupt vor uns", sagt Martz.

Im Camp ging es friedlich und kreativ zu.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Er führt einmal über das Gelände. Bis zum Juni gab es noch keinen Ort, obwohl das Camp schon für dieses Wochenende im September angekündigt war. Dann sagte der Bürgermeister von Vaterstetten zu. Die Gruppe lieh sich Zelte, die Küche kam aus der Flüchtlingshilfe, die Holzdusche mit Plastikeimer hat Martz von seinem Hof mitgebracht. Andere Organisationen kamen dazu, "Ende Gelände" zum Beispiel oder der Kreisjugendring. Es sollen sich alle treffen in Vaterstetten, sagt Martz, junge Familien und Rentner und Studenten, ohnehin schon Überzeugte und Skeptiker - wobei die Mehrheit der Camper doch eher jünger und doch eher schon überzeugt ist.

Es ist früher Abend, die Workshops sind gerade vorbei, zum Münchner Bürgerentscheid über das Steinkohlekraftwerk zum Beispiel oder zur dritten Startbahn. Gleich gibt es Abendessen. Das Camp ist selbstverwaltet, das heißt, dass alle mithelfen, sei es in der Küche, beim Aufbau, beim Abbau - oder beim Putzen der Toiletten. Auf einer Holzpalette am Rand sitzen zwei Studentinnen, 25 und 26 Jahre alt, sie sind zum ersten Mal bei einem Klima-Camp dabei und haben sich am Morgen gleich gemeldet, um die Klos zu putzen. "Dann verpasst man nämlich tagsüber keinen Workshop", sagt die eine. Sie hätten viele Ideen mitgenommen, aus dem Workshop zu Energiegenossenschaften, überhaupt sei es schön, auf Gleichgesinnte zu treffen. Darum soll es beim Klimacamp gehen - sich auszutauschen, auf andere Ideen zu kommen, über Alternativen zu nachdenken. Das beginnt schon bei den Klos.

Zum Konzert kam die Band "Nobody's Circus".

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Am Rand des Felds steht ein Container mit Toiletten mit Spülung, die hatte sich die Gemeinde gewünscht, doch dort ist niemand zu sehen. Ein paar Meter weiter nämlich stehen zwei Klos mit Holztüren, sogenannte Kompost-Toiletten. In denen spült man mit Sägespänen statt mit Wasser. Die Späne sollen den Geruch vermeiden, den man sonst von Dixies kennt. Außerdem sollen sie helfen, den Inhalt des Klos später wieder zu fruchtbarem Dünger werden zu lassen, der dann auf die Felder kommt. Die Tür geht auf, eine Frau kommt heraus und sagt: "Also wirklich, ich liebe diese Klos." Leonhard Martz grinst. Der große Wandel beginnt manchmal im Kleinen.